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Virologische Forschung in Deutschland ist gut vernetzt

Ebola-Forschung Virologische Forschung in Deutschland ist gut vernetzt

Professor Stephan Becker geht davon aus, dass in zehn Tagen mit der
 klinischen Studie für den in Marburg entwickelten Impfstoff begonnen 
werden kann.

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Eine Forscherin arbeitet im Labor des Instituts für Virologie der Universität Marburg unter der höchsten Biologischen Schutzstufe 4.

Quelle: Strecker

Marburg. Es fehle noch eine Finanzierungszusage, ansonsten seien die erforderlichen Genehmigungen, unter anderem vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut, fast alle eingetroffen, berichtete Becker anlässlich eines Besuchs der Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche und der Landtagsabgeordneten Angela Dorn (beide Grüne) im Virologischen Institut auf den Lahnbergen.

Zunächst soll der Impfstoff im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Freiwilligen injiziert werden. Sie werden anschließend sechs Monate beobachtet. In Marburg wird das Blut regelmäßig serologisch untersucht.
In einer zweiten Phase der klinischen Studie – vorausgesetzt, Nebenwirkungen können bis dahin ausgeschlossen werden – könnten Anfang 2015 Menschen in Afrika mit dem Impfstoff behandelt werden.

Sieben Standorte

Wird dieser Zeitplan so umgesetzt, ist dies für Becker ein riesiger Erfolg: „Vom Abschluss der Tierversuche bis zur Genehmigung einer klinischen Studie vergeht normalerweise sehr viel mehr Zeit“, sagt der Leiter des Instituts für Virologie. Inzwischen sei die virologische Forschung aber – auch angesichts der globalen Gefahren durch hochinfektiöse Viruserkrankungen (Ebola, Lassa, Influenza) – in Deutschland gut vernetzt. Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung sind sieben Standorte in ganz Deutschland vereint, in der Ebola-Forschung wie Infektionsforschung koordiniert wird, um neue diagnostische, präventive und therapeutische Verfahren zu entwickeln. „Es geht nur vernetzt“, sagt Becker.

Das Marburger Hochsicherheitslabor etwa arbeitet eng mit dem Kompetenzzentrum für importierte hochpathogene lebensbedrohliche Krankheiten in Frankfurt zusammen. Das Kompetenzzentrum betreut unter anderem die Isolierstation am Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, an der ein an Ebola erkrankter Patient behandelt wird. Die Untersuchungen des Blutes finden in Marburg statt, wie Dr. Markus Eickmann betont, der Leiter des Hochsicherheitslabors.

Die Landtagsabgeordnete Angela Dorn hat dennoch den Eindruck, dass die Leistungen der Marburger im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Pandemien noch nicht öffentlich genug sind. Sie will das Image des Forschungsstandorts Marburg verbessern, sagte sie nach dem Besuch der OP.

„Nationale Taskforce“ 
für Seuchenbekämpfung

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich Viruserkrankungen immer wieder ausbreiten, sind die Strukturen im öffentlichen Gesundheitsdienst und der universitären Grundlagenforschung trotz aller Erfolge vielfach noch zu unflexibel, sagt Becker.

Die Zusammenarbeit zwischen präklinischer Forschung wie beispielsweise im Marburger Institut und der pharmazeutischen Industrie, die für die Massenproduktion neu entwickelter Impfstoffe eine Schlüsselrolle einnimmt, steckt vielfach noch in den Kinderschuhen. Man habe beispielsweise lange gebraucht um zu verstehen, dass unterschiedliche Standards etwa in der Dokumentation von Studien die Entwicklung verzögern können, wo doch Eile angebracht sei.

Probleme sieht Becker auch in der Handhabung des Lizenzverfahrens für Impfstoffe, die an einer Hochschule entwickelt worden sind und nun von einem Unternehmen produziert werden sollen. In Fällen, in denen das Unternehmen nicht in der Lage sei, im Ernstfall schnell eine ausreichende Menge Impfstoff zu produzieren, müsse die Lizenz an die öffentliche Hand zurückfallen, fordert er. Probleme in dieser Hinsicht sind unter anderem dafür verantwortlich, dass es zu Verzögerungen bei der Entwicklung und Bereitstellung von Ebola-Impfstoff kam.

In der nationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Epidemien wie jetzt in Westafrika sei eine „interministerielle Taskforce“ notwendig. Zu viele Ministerien in Berlin arbeiten bei der Bekämpfung von Ebola nebeneinander her, kritisiert er. Einfaches Beispiel: Betten in die Seuchengebiete zu bringen sei relativ einfach, die Frage sei aber: Wie stattet man Betten mit Personal aus? An Freiwilligen mangele es nicht – aber an Regelungen für die Freistellung dieser Fachkräfte von ihren Arbeitgebern etwa in Universitätskliniken. „Wir brauchen eine Freistellungsregelung ähnlich wie für das Technische Hilfswerk“, sagte Becker.
Kordula Schulz-Asche unterstützt diese Haltung; sie will in Berlin darauf hinarbeiten, dass Hilfe effektiver und unbürokratischer geleistet werden kann.

von Till Conrad

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Ebola-Forschung

Der Leiter des Virologischen Instituts, Professor Stephan Becker, fordert, die Finanzierung des Hochsicherheitslabors auf den Lahnbergen  auf eine neue Grundlage zu stellen.

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