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Virologe fordert Einsatz von Impfstoffen

Ebola-Epidemie Virologe fordert Einsatz von Impfstoffen

Der Marburger Virologe Professor Hans-Dieter Klenk bezeichnet die Ebola-Epidemie in Afrika als den bisher stärksten Ausbruch dieser Krankheit weltweit.

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Ein mit Ebola infizierter spanische Missionar wird nach dem Flug von Afrika nach Spanien Ankunft von Medizin-Personal in Schutzanzügen weiter in ein Krankenhaus in Madrid transportiert.

Quelle: Emilio Naranjo

Marburg. Die wissenschaftliche Erforschung des Ebola-Virus ist seit Jahrzehnten ein Spezialgebiet des emeritierten Virologie-Professors Hans-Dieter Klenk, der lange Jahre Leiter des Marburger Instituts für Virologie war. Bereits in den 80er Jahren gab es weltweit viel beachtete größere Ebola-Ausbrüche mit einer Vielzahl von Toten, doch aus Sicht des Forschers hat die aktuelle Epidemie eine neue Dimension erreicht. „Bisher war das Ebola-Virus eher in Zentralafrika, in den Ländern Kongo, Zaire oder Uganda beheimatet. Das hat sich jetzt geändert“, wundert sich der Virologe.

Am Auftreten des Ebola-Virus in Westafrika (Guinea, Liberia und Sierra Leone) und nun auch in Nigeria sei neu, dass sich die Krankheit nicht nur auf ein lokal oder regional eingegrenztes Gebiet beschränke, sondern eine größere geographische Distanz überschritten habe. Besorgniserregend findet Klenk auch, dass die Epidemie jetzt schon fast ein halbes Jahr andauere. „Und ein Ende ist noch nicht abzusehen“, bilanziert Klenk.

Die Forscher haben das Virus als den altbekannten „Ebola-Zaire-Stamm“ des Virus identifiziert, der bereits im vergangenen Jahrhundert erforscht wurde, erläutert Klenk. Am Marburger Hochsicherheitslabor wird derzeit auch an diesem Virus, das die Marburger Forscher vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg erhalten haben, geforscht.

Gegrillte Flughunde wahrscheinlich Übertrager

Als einen Hauptgrund für die weitere Ausbreitung der Krankheit sieht der Marburger Virologe neben dem mangelhaft ausgebauten Gesundheitssystem die gestiegene Mobilität der afrikanischen Bevölkerung im 21. Jahrhundert in Zeiten der Globalisierung. Das könne mit dafür sorgen, dass sich das bei rund 50 Prozent der Infizierten tödlich verlaufende Ebola-Fieber von ländlichen Gebieten auch in die Städte ausbreite.

Gleichzeitig gebe es aber weiter traditionelle Verhaltensweisen, die eine Verbreitung der Krankheit fördern würden.

Überträger des Erregers sind nach Meinung der Forscher wahrscheinlich Flughunde. Die Tiere werden nach wie vor gegrillt und gegessen, was sich früher eher auf abgelegene Gegenden beschränkte. Auch die traditionellen Bestattungsriten in afrikanischen Ländern, bei denen die Toten von Hinterbliebenen berührt oder geküsst werden, können mit zu einer Ausbreitung der Ebola-Epidemie beigetragen haben, erläutert der Forscher im Gespräch mit dieser Zeitung.

Impfstoffe als Schutz für Mediziner und Pfleger?

Die weltweite Mobilität macht nicht in Afrika Halt. „Bislang hieß es immer, dass Ebola für Europa keine Gefahr bedeutet. Allerdings bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher, dass das Virus nicht nach Europa dringt“, meint Klenk.

Zwar sei bisher von den Fachleuten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer gesagt worden, dass es keine genügend erprobten wirksamen Ebola-Impfstoffe oder Medikamente gegen die Viruserkrankung gebe. Vor allem mögliche Nebenwirkungen und damit verbundene Haftungsprobleme hätten aus WHO-Sicht bisher gegen den Einsatz der Gegenmittel gesprochen. Zudem hätte sich die Gesundheitsorganisation beim Schutz der Helfer bisher immer auf die klassischen Schutzmethoden wie Schutzkleidung oder Desinfektionsmitteln verlassen. Doch angesichts der derzeitigen bedrohlichen Ausbreitung der Krankheit gleich in mehreren afrikanischen Staaten plädiert Klenk in dieser Frage für ein Umdenken der internationalen Experten. Leider seien die notwendigen klinischen Tests für Impfstoffe und Medikamente in den vergangenen zehn Jahren nicht schnell genug vorangetrieben worden.

„Es gibt aber in Tierexperimenten erprobte Impfstoffe und durchaus erfolgversprechende medikamentöse Ansätze“, sagt der Virologe. Neben den unter anderem mithilfe des ehemaligen Marburger Virologen Heinz Feldmann entwickelten Impfstoffen könne auch die Gabe von biotechnologisch hergestellten Antikörpern, von denen relativ große Mengen schnell herstellbar seien, eine „Methode der Wahl“ zur Ebola-Prävention sein. „Es ist bedauerlich, dass beide Strategien erst jetzt ins Auge gefasst werden und nicht schon zu Beginn des Ausbruchs erwogen wurden“, kritisiert Klenk.

Denn vor allem für Ärzte und Pflegepersonal könnten Impfstoffe oder Medikamente einen wirkungsvollen Ebola-Schutz darstellen. Das sei umso bedeutsamer angesichts einer kleinen Meldung der WHO aus der vergangenen Woche, dass bereits 60 Personen, die in Afrika mit der Pflege von Ebola-Infizierten zu tun gehabt hätten, gestorben seien.

Wie kann die Ebola-Epidemie in Afrika in den Griff bekommen werden? „Die Maßnahmen für die Isolierung und Behandlung der Patienten vor Ort müssen verbessert werden“, sagt Klenk. Eine Prognose, wann der Ausbruch der Krankheit gestoppt werden kann, wagt Klenk derzeit nicht.

von Manfred Hitzeroth

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