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Vierfüßlerstand und Geschichtsstunde

Indien-Tag der Philipps-Universität Vierfüßlerstand und Geschichtsstunde

Von Wissenschaftsgeschichte über Tanz, Kultur und Yoga bis hin zu Soja-Kokos-Curry: beim Indien-Tag der Marburger Universität stand ein Land im Mittelpunkt.

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Zum Indien-Tag gehörte auch eine Yoga-Stunde.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Indien ist ein globaler Player in der internationalen Hochschullandschaft“, sagte Uni-Vizepräsident Professor Ulrich Koert am Dienstagvormittag bei der Eröffnung des Indien-Tages. Hinter China belege Indien in Asien Platz zwei in der Wissenschaftslandschaft. Für europäische Universitäten sei daher eine Zusammenarbeit mit indischen Partner-Universitäten sehr wünschenswert.

An der Uni Marburg habe die wissenschaftliche Beschäftigung mit Indien schon 1845 begonnen, erläuterte Koert. Derzeit gebe es Kooperationen mit indischen Universitäten in den Wirtschaftswissenschaften, der Physik, der Indologie und in den Geschichtswissenschaften.

Professor empfielt Forschungsaufenthalt

Zum Auftakt des Indien-Tags hielt der indische Gastwissenschaftler Professor Deepak Kumar von der 1970 gegründeten Jawarharlal Nehru University in Neu-Delhi einen Vortrag über den Wandel in der indischen Geschichtswissenschaft. Der Spezialist für die Geschichte Indiens im 19. und 20. Jahrhundert war auf Einladung des Marburger Historikers Professor Benedikt Stuchtey nach Marburg gekommen, der im Frühjahr zwei Monate lang als Gastprofessor in Indien war.

Ein Studium oder einen Forschungsaufenthalt in Indien in seinem Fach kann Stuchtey (rechts, Foto: Hitzeroth) nur empfehlen. Mitbringen müssten die Interessenten Weltoffenheit, Interesse an indischer und asiatischer Kultur und Geschichte sowie hervorragende englische Sprachkenntnisse und im Idealfall auch Sprachkenntnisse in der indischen Hauptsprache Hindi.

Zudem müssen sich Indien-Besucher wohl zunächst auch auf eine Art „Kulturschock“ einstellen. Dies deutete Deepak Kumar (links) in seinem Vortrag an. Für europäische Gäste sei schon bei der Ankunft am Flugplatz das lärmende Treiben etwas Außergewöhnliches. Dasselbe gelte auch für die auf den Straßen umherlaufenden Kühe, die „heiligen Tiere“ Indiens. Auch in den Berichten der ersten europäischen Indien-Abenteurer vor einigen Jahrhunderten sei vor allem die von diesen beobachtete Exotik im Vordergrund gestanden.

Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen war auch ein Kernpunkt seines Vortrags. So machte Kumar deutlich, wie sehr die indische Geschichtsschreibung im Laufe der Zeit äußere Einflüsse mit einarbeitete. Jahrhundertelang sei die Geschichte zunächst auch durch mündliche Überlieferung von Generation zu Generation weitergetragen worden – unterstützt durch Kunst, Artefakte und Texte. Neue Facetten seien dann hinzugekommen durch den Einfluss des Islams im Mittelalter oder Berichte der ersten europäischen Entdecker im 16. und 17. Jahrhundert.

Plädoyer für alternativen Forschungs-Ansatz

Die Geschichtsschreiber der britischen Kolonialmacht hätten dann versucht, ihr eigenes Bild der Geschichte zu schreiben. Das sei auch daran gescheitert, dass die Ideen des britischen Empire von außen aufgepropft gewesen und nicht von innen gewachsen seien. Die weiteren Etappen der Geschichtsschreibung waren zunächst die nationalistische und nach der Unabhängigkeit Indiens Ende der 1940er Jahre die marxistische Variante.

Am Ende seines Vortrags plädierte der indische Professor für den von ihm verfolgten anderen Ansatz in der Geschichtswissenschaft, der nicht mehr so sehr auf die Politik-Analyse setzt und stattdessen eher die Geschichte der Naturwissenschaften und ihre Auswirkungen in den Vordergrund stellt. „Wir müssen mehr über Klima und die Umwelt forschen. Die Geschichte des Wassers oder der Krankheit kennt keine Grenzen“, sagte Kumar.

„Theorie und Praxis des Yoga“: So lautete das spannende Experiment im Musizierhaus der Uni im Alten Botanischen Garten. Der sonnenbeschienene Saal am Park bot rund 15 Teilnehmern den optimalen Rahmen für Yoga-Übungen, die die Indologin Dana Bohlender (Foto: Richter) anleitete.

Bevor es aber in den Vierfüßlerstand ging, erklärte Indologie-Professor Jürgen Hanneder erst einmal, wie Yoga überhaupt entstanden ist. Im vormodernen Indien habe es bereits Yoga-Übungen gegeben – damals eine Mischung aus Meditationen, Ritualen und Atemübungen. Was genau dort praktiziert wurde, sei aber nicht detailliert überliefert. Das Hauptziel des historischen Yoga sei ein Zustand der Meditation gewesen, der zur Erlösung beitrage. Ein Nebenziel sei aber auch die magische Verwendung gewesen.

„Wir können nicht vom ‚indischen Yoga‘ reden, weil es ein sehr vielfältiges Gebilde mit sich immer wieder neu entwickelnden Formen ist“, erläuterte Hanneder. Die heute auch im Westen praktizierten Körperübungen (Asana) seien jedoch in Indien erst vor rund 150 Jahren erfunden worden.

von Manfred Hitzeroth

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