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Vier Transporte führten aus Marburg in den Tod

Gedenkstunde Vier Transporte führten aus Marburg in den Tod

Rund 40 Menschen haben am Sonntagabend am Hauptbahnhof der von den Nationalsozialisten aus Marburg deportierten und ermordeten Juden und Sinti gedacht.

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Amnon Orbach (rechts) sprach das Totengebet, Burkhard zur Nieden (Zweiter von rechts) hielt im Namen der evangelischen Kirche eine Ansprache.Foto: Heiko Krause

Marburg. Bereits zum 13. Mal hatte die Geschichtswerkstatt die Gedenkveranstaltung organisiert. Die Vorsitzende Elisabeth Auernheimer erinnerte daran, dass es insgesamt vier Transporte gegeben habe.

43 jüdische Mitbürger seien am ­­8. Dezember 1941 nach Riga deportiert worden, 28 am 31. Mai 1942 nach Lublin und 43 am 6. September 1942 nach Theresienstadt. Darüber hinaus seien am 23. März 1943 insgesamt 80 Sinti direkt nach Auschwitz verbracht worden.

Laut offiziellem Sprachgebrauch seien die Menschen „evakuiert“ worden, so Auernheimer. In einem Schreiben des damaligen Landrats habe es geheißen, dass alles reibungslos ablaufen solle. Selbst der Transport kranker Menschen zum Bahnhof sei organisiert worden, auf deren eigene Kosten. Nur 20 Menschen seien wieder nach Marburg gekommen, viele aber nur kurz, weil sie die Nähe der Täter nicht ertragen hätten.

Zum Glück gebe es heute wieder eine aktive Jüdische Gemeinde in Marburg und auch die Sinti nähmen am Leben teil, trotzdem müsse die Erinnerung aufrechterhalten werden. Und auch bei berechtigter Kritik am Staat Israel dürfe Antisemitismus nie wieder einen Platz erhalten, schloss Auernheimer.

Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) betonte, dass die heutige schlimme Entwicklung im Nahen Osten untrennbar mit den Geschehnissen in Deutschland zusammenhänge. „Deutschland steht es nicht an, altkluge Ratschläge zu geben“. Leider seien bei der Veranstaltung keine Jugendlichen und jungen Erwachsene anwesend, „weil es für sie eine Ewigkeit zurückliegt“, so Kahle.

Dekan Burkhard zur Nieden, der für die evangelische Kirche sprach, verwies in diesem Zusammenhang auf die Diskussion, ob es nötig sei, nach 100 Jahren an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu erinnern. Tatsache sei es, dass begeisterte junge Menschen damals nach kurzer Zeit zu Dingen fähig gewesen seien, die man ihnen nicht zugetraut hätte. Und die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten sei ebenso wichtig, zumal es inzwischen in der Ukraine, also auch im „zivilisierten Europa“, wieder zu Erniedrigungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit komme. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Marburg, Amnon Orbach, sprach das Totengebet. Zwischen den Redebeiträgen wurde einiger Opfer mit Namen und dem ehemaligen Wohnort in Marburg gedacht. Laut Auskunft der Geschichtswerkstatt wird zukünftig in der Marburger Bahnhofsunterführung aller der bei den vier Transporten Verschleppten namentlich gedacht. Vier Gedenkplatten sollen dann symbolisch an die Deportierten erinnern.

von Heiko Krause

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