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Vier Stunden Sitzung auf dem Asphalt

Betteln in Marburg Vier Stunden Sitzung auf dem Asphalt

Ein paar Münzen stecken meist in der Hosentasche oder im Sakko, doch beim Gang durch die Fußgängerzone stellt sich beim Anblick eines bettelnden Menschen stets die Frage: Weitergehen oder spendabel sein?

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Marburg. Die knieende Frau mit dem leeren Kaffeebecher in der Hand, der Punk, der sich mit seinen zwei Hunden auf einer alten Wolldecke breitmacht, der alte Mann in einem Hauseingang mit seiner Blockflöte, auf der sich offenbar nur ein einziges Weihnachtslied spielen lässt. Die Bilder gleichen sich, egal, ob in Bochum, Bad Gandersheim oder in Marburg.

Fremde Menschen auf der Straße um Kleingeld zu bitten - freiwillig macht das wohl niemand, schon gar nicht, wenn wie jetzt in der Vorweihnachtszeit bereits nach zehn Minuten Kälte und Nässe in die Kleider kriechen.

Der Hund ist die Lebensversicherung

„Länger als vier Stunden sitze ich nicht“, sagt Hans (Name von der Redaktion geändert). Der 47-Jährige ist zwar an die Kälte gewöhnt - er schläft seit Jahren ausschließlich unter freiem Himmel: „Neulich war ich bei einem Bekannten zu Besuch, da habe ich mir mitten in der Nacht Isomatte und Schlafsack geschnappt und bin auf den Balkon umgezogen. Wohnungen mag ich nicht, ich brauche die Nachtgeräusche.“ Hans sorgt sich weniger um die eigene Gesundheit, sondern eher um das Wohlergehen seines vierbeinigen Begleiters, wenn die beiden auf der Straße sitzen. „Die Bettelmafia“ aus Osteuropa habe sich das mit den Hunden von den Wohnsitzlosen abgeschaut, meint Hans: „Die werden morgens mit ihren Tieren im Transporter an ihre Bettelplätze gebracht und abends wieder abgeholt.“ Doch während sich diese Vierbeiner oft genug lediglich als mitleiderregendes Anhängsel durch den Tag zittern müssen, sagt Hans über seinen Boxer: „Das Tier ist meine Lebensversicherung, wenn ich draußen schlafe.“

Ob in der Vorweihnachtszeit mehr Bettlerinnen und Bettler unterwegs sind, ist an wirklich belastbaren Zahlen nicht festzumachen. „Vielleicht ist im Advent ja auch einfach nur unser Blick für diese Menschen geschärft“, vermutet der Marburger Diakoniepfarrer Maik Dietrich-Gibhardt. Auffällig, so Gibhardt, seien zwei Dinge: Zum einen habe sich die Haltung beim Betteln geändert. Viele Bettler knien mittlerweile in einer „fast liturgischen Demutshaltung“ auf dem Pflaster: „Das wirkt verstörend, beschämend, irritierend und löst ein schlechtes Gewissen aus.“ Zum anderen, so Dietrich-Gibhardt, beobachte das Diakonische Werk einen deutlichen Anstieg junger Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, die auf der Straße leben und betteln: „Bei denen mischen sich oft Sucht, psychische Probleme, Wohnungslosigkeit und Knasterfahrung.“

Entweder „festgemacht“ oder gestorben

Hans bestätigt diese Entwicklung im Großen und Ganzen und sagt: „Ja klar, die klassischen Berber, die werden immer weniger - entweder sie haben ,sich festgemacht‘, sind also irgendwann aus Altersgründen sesshaft geworden, oder sie sind gestorben.“ Um auf der Straße zu überleben, haben die Wohnsitzlosen untereinander eine Reihe ungeschriebener Gesetze entwickelt. „Wir helfen uns gegenseitig, wenn mal einem etwas geklaut wird zum Beispiel“, sagt Hans: „Dann wird der Berberfunk eingeschaltet.“ Und bevor er erklären muss, was das ist, ertönt aus seiner Jackentasche Vogelgezwitscher - einen passenderen Klingelton hätte sich jemand wie Hans, der im Freien schläft, kaum aussuchen können: „Klar, wir haben heute auch alle Handys.“ Zum Ehrenkodex der Bettler gehört auch die Devise: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. „Ist ein Platz besetzt, geht man irgendwo anders hin“, erzählt Hans. Selbst die Bettelmafia stehe freiwillig auf: „Die wollen sich nicht mit uns anlegen, weil sie auch den Ärger mit der Polizei fürchten.“ Ärger mit der Polizei scheint es zumindest in Marburg kaum zu geben, wie Polizeisprecher Jürgen Schlick bestätigt: „Wir ermitteln nur bei Betrugsverdacht, denn das sogenannte harmlose Betteln, das bloße Sammeln von Geld, ist ja erlaubt.“ Wer dagegen seine potenziellen Geldgeber aggressiv bedränge, mache sich ebenso strafbar wie jemand, der seinen Mitmenschen eine faustdicke Lüge auftischt, um Herzen und Portemonnaies zu öffnen. Viele Bettler, so Schlick, können allerdings gar nicht belangt werden, weil sie keinen Wohnsitz in Deutschland haben: „Die werden dann in der Regel erkennungsdienstlich behandelt und gegen eine Sicherheitsleistung wieder entlassen.“ Für das Jahr 2011 finden sich in den Büchern der Polizei drei Fälle von betrügerischem Betteln im Kreis, und zwei im Stadtgebiet Marburg. Die der sogenannten Bettelmafia zuzurechnende Gruppe reise ständig durch Deutschland, verlasse das Land regelmäßig, reise wieder ein: „Das ist ganz schwer zu kontrollieren“, sagt Schlick.

„Ich konnte den Menschen nicht in die Augen sehen“

Bei aggressivem Betteln im öffentlichen Raum werden in der Regel Platzverweise erteilt, bestätigt auch Ralf Laumer, Pressesprecher der Stadt Marburg. Das sei dann der Fall, wenn Bettler Menschen direkt ansprächen, sie festhielten oder bedrängten. „In einem solchen Fall sollte man die Polizei rufen“, rät Schlick, der auch von zunehmenden Haustürbetteleien in der Vorweihnachtszeit zu berichten weiß. Mal landen 10 Euro während einer Vierstundenschicht in der Tasche von Hans, mal sind es 50: „Ich mach‘ nur Sitzung, wenn meine Reserven zur Neige gehen - ich muss immer etwas für den Hund im Portemonnaie haben und für die Bahnfahrten nach Gießen zum Beispiel.“ Hans könnte im weitesten Sinne als Berufspendler durchgehen, denn er verdient sich sein Zubrot in den Fußgängerzonen mehrerer Städte. Nur um Ballungsräume wie Frankfurt macht er einen großen Bogen: „Dort wird zu viel gebettelt, und das Klima ist insgesamt rauer.“ Im direkten Vergleich schneidet für ihn Gießen besser ab als Marburg, dort ziehe sich ein großer Weihnachtsmarkt durch die gesamte Fußgängerzone: „Da sind mehr Passanten, und es gibt auch an jeder Ecke etwas zu essen.“

Dietrich-Gibhardt sagt, dass die meisten Bettler das Betteln als einzige Möglichkeit ansehen, sich zu den Leistungen, die sie beziehen, „noch etwas dazuzuverdienen“: „Sie leben an der Armutsgrenze und sehen keine Möglichkeit mehr auf eine Arbeitsstelle.“ Dietrich-Gibhardt wörtlich: „Das Betteln zeigt die Kehrseite unserer Gesellschaft, die Armut wird sichtbarer.“

Auch launige Schilder werden aufgestellt

Hans bettelt nicht ausschließlich, er arbeitet, wenn ihm Arbeit angeboten wird. „Das schreibe ich manchmal auf das Schild, das vor mir steht, ich mache Gartenarbeiten und würde auch bei einer Baufirma anfangen. Aber so leicht ist das nicht, einen Job zu bekommen.“ Und so besteht sein „Job“ meistens darin, auf das Mitleid Vorbeigehender zu hoffen. Das kostete Hans am Anfang sehr viel Überwindung, wie er berichtet: „Ich konnte den Menschen nicht in die Augen sehen.“ Mittlerweile heißt sein Erfolgsrezept: „Ein freundliches Wort, ein kleiner Witz, Dankbarkeit zeigen und vielleicht auch mal ein launiges Schild aufstellen mit Sprüchen wie ,Ich habe Durst wie Harald Juhnke und Hunger wie Günther Strack.‘“ Was den Durst anbelangt, gelten für Hans eiserne Grenzen: „Ich trinke vielleicht zwei Flaschen Bier am Tag, mehr nicht. Ich kann es mir nicht leisten, irgendwo besoffen rumzuliegen, weil ich Verantwortung für meinen Hund habe.“

Sonderbar sind zum Teil die Reaktionen der Menschen, die an ihm vorbeigehen, während er bettelt: „Der gleiche Mann, der mich im Sommer mal als ,faule Sau‘ beschimpft hat, hat jetzt im Winter ,Du armer Kerl‘ gesagt.“

Von Carsten Beckmann

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