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Vier Männer und der Wald

Neue Serie: Unser Wald Vier Männer und der Wald

Ein Rundgang, der vielfältiges Wissen und unterschiedliche Blickwinkel offenbart.

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Weiß und Grün. Im Stadtwald liegt der Schnee auf moosbewachsenen Ästen und Wurzeln.

Quelle: Nadine Weigel

Es klappert und raschelt in seiner roten Filztasche. An einem langen Gurt trägt er sie nah am Körper. Schamane Leon Shankara hat seine Grundausrüstung immer dabei, „Utensilien, die helfen, die Erde zu segnen und zu heilen“. Er zeigt uns mehrere Apotheken-Fläschchen mit geheimnisvollen Tinkturen darin sowie eine Schachtel mit farbenfrohem Blumenmuster, die geweihte Halbedelsteine beherbergt. Heute hat er noch das eine oder andere dazugepackt. Doch zunächst suchen wir einen Ort, „der bereit ist, der Segen empfangen will“, sagt Leon Shankara und erklärt: „Manche Plätze wollen ihre Energie zeigen oder eine neue Energie annehmen.“

Auf einmal geht es querfeldein

Die Runde durch den Wald, zu der wir uns mit dem Schamanen verabredet haben, beginnt an einem verschneiten Februarnachmittag im Marburger Stadtwald, nahe des städtischen Freizeitgeländes. Die Strecke, die wir zuvor ausgeguckt haben, und die dem Schamanen noch unbekannt ist, führt uns nur einige Minuten lang über Waldwege. Dann schreitet der 28-Jährige quer waldeinwärts vor uns her. „Mal schauen, was wir finden.“
Wir suchen nicht lange. „Hier geht es gut – die Energie der göttlichen Mutter möchte hierhin“, sagt der Schamane und erklärt, dass die göttliche Mutter die Mutter jeder Seele im Universum sei, „sie gehört keiner Religion an, sie ist die allumfassende Göttin, die uns umsorgt und ernährt“.

Spuren im Waldboden. Ein Hund hat seinen Abdruck hinterlassen.

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Vor einem Haufen Totholz liegen einige Steine, „wie ein Altar mitten im Wald“, befindet Leon Shankara und öffnet seine auf dem verschneiten Boden abgelegte Tasche. Zielsicher greift er nach einer großen Muschel, die ihm als Schale für getrockneten Beifuß dient. „Das nennt man auch Shiva-Kraut – es hält Dämonen fern, schützt und reinigt stark“, erklärt er über das Räucherwerk und stellt eine kleine Shiva-Figur aus Zinn neben die Schale.
Shiva ist eine der wichtigsten Gottheiten im hinduistischen Glauben, „er gilt als der Herr der Natur“, erklärt Leon Shankara. Jetzt holt er einen Apfel hervor und ein Butterplätzchen, „Leckereien für jemanden, der hier vorbeikommt und sie gebrauchen kann“, erklärt er,
„beispielsweise für die Elfen, die mögen Süßes sehr gern“. Zuletzt: ein Wasserachat, ein Stein, der noch Wasser aus den Urmeeren enthalten soll. „Er verbindet uns und diesen Ort mit dem Ursprung“, erklärt der Naturheiler, entfacht mit einem Streichholz eine kleine Flamme im getrockneten Beifuß und pustet sie behutsam wieder aus. 

Räuchern verankere den Segen an dem Ort

Das Räucherwerk verbreitet glimmend seinen würzigen Geruch. „Tief einatmen, das macht die Nase frei“, sagt der Naturheiler, hebt die Muschelschale hoch, einmal in jede Himmelsrichtung und um meine Kollegin und mich herum. Nun hockt sich Leon Shankara vor den Altar, legt die Hände zusammen: „Schaffe hier einen Platz für die göttliche Mutter. Ich bitte um besonderen Segen für diesen Ort und für jeden, der hier vorbeigeht.“
Durch das Räuchern und das Auflegen des Achats will der Schamane die neue Energie, den Segen, den er erbeten hat, an diesem Ort verankern. „Es geht um den Sieg der göttlichen Mutter“, sagt er über ein Mantra, das er auf Sanskrit (Alt-Indisch) nun laut in den Wald hinein singt – minutenlang, erst langsam, dann immer schneller. „Es fühlt sich jetzt ganz warm hier an“, sagt er und führt seine Hand über den kleinen Altar mitten im Wald. „Wenn hier künftig jemand vorbeigeht, dann wird er etwas wahrnehmen, ob bewusst oder unbe
wusst.“

Das Wildschweinchen-Spiel

Wenn Waldpädagoge Florian­ Zilm mit einer Schulklasse durch den Wald geht, dürfen die Kinder sich auch mal wie Wildschweine benehmen. Er lädt dann zum Wildschweinchen-Spiel ein – und die Kinder finden beispielsweise Bucheckern, die Früchte der Rotbuche, die im Winter geschützt unterm Laub liegen und für die Wildschweine eine wertvolle Nahrung sind. Florian Zilm zeigt eine Stelle, an der das Laub wie frisch aufgewühlt aussieht. „Die waren wahrscheinlich erst vor wenigen Minuten hier“, meint auch Jäger Gerhard Lehmann. Florian Zilm sammelt einige der Früchte und pult sie auf. „Der weiße Kern schmeckt leicht nussig“, sagt er, „einfach mal probieren“.

Wildkatze im Marburger Revier gesichtet

Wenn sich alle im Wald wie Wildschweine benehmen würden? Für Jäger Lehmann wäre das schwierig. „Wildschweine sind sehr unbeständig“, sagt er, „immer unterwegs, mal hier mal dort“. Ganz anders die beständigen Rehe, die der 76-Jährige regelmäßig an den gleichen Orten beobachtet. „Das gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Jägers – so verschafft man sich einen Überblick über den Bestand und weiß, welche Tiere krank oder schwach sind. Sie werden zuerst abgeschossen.“ Die Aufmerksamkeit des Jägers, des Waldpädagogen und des Försters Jürgen Reibert richtet sich während unserer Runde durch den Wald immer wieder einmal auf den Erdboden. Die drei Männer schauen sich Spuren an. „Ich habe hier mit ziemlicher Sicherheit schon mal eine Wildkatze gesehen“, sagt Jürgen Reibert, der davon überzeugt ist, dass dieses in Deutschland wieder häufiger auftretende Tier auch im Marburger Revier zu Hause ist. „Obwohl hier so viel los ist“, sagt er über das rege genutzte Gebiet am Tannenberg, wo täglich Jogger, Spaziergänger und viele andere Erholungssuchende unterwegs sind. „Die Tiere gewöhnen sich daran – die Rehe verlieren ihre Scheu“, sagt er. Mit der Wildkatze soll das anders sein, sie zu erblicken gelingt nur selten und nur wenigen Menschen. „Das liegt daran, dass sie sich zurückzieht und tief im Wald aufhält“, weiß Jürgen Reibert.

Schilderwald im Stadtwald

Im Marburger Stadtwald bilden die Bäume, die direkt an den Waldwegen stehen, stellenweise fast so etwas wie einen Schilderwald. An vielen von ihnen prangen gleich mehrere aufgesprühte Zahlen und Symbole. Förster und Jäger haben sie aufgebracht und verraten, was dahintersteckt. Die gelbe Schwalbe oder Klammer ist ein Zeichen für die Waldarbeiter. „Hier dürfen Erntemaschinen und Fahrzeuge zum Abtransport durchfahren“, erklärt Reibert. In Richtung der Ziffer 39 geht es nach rechts, zur 48 nach links. Die Zahlen mit Richtungspfeilen darunter verweisen auf Hochsitze und andere Plätze für die große Drückjagd, die im Dezember im Revier Marburg abgehalten wird. Rund 70 Jäger sind dann am Start, „und jeder der Jäger wird von mir zuvor auf seinen Platz gebracht“, berichtet Gerhard Lehmann. Zuvor bringt er die Markierungen an den Bäumen an, „als Wegweiser“.
So weit so gut, womit aber noch nicht die halbverdeckte Ziffer 45 erklärt wäre. „Die ist von einer früheren Jagd und beim Schwärzen der Nummern ist mir die Farbe ausgegangen“, sagt der Waidmann und schmunzelt.
Was es mit dem gelben H auf sich hat, das auf manchen Bäumen zu sehen ist, oder mit dem gelben Punkt auf besonders gerade und schön gewachsenen Buchen, weiß wiederum Förster Reibert. „Das H steht für Habitat – damit kennzeichne ich Bäume, die aufgrund ihrer Höhlen stehen bleiben sollen, weil sie Wohnraum und Brutstätten für Vögel oder andere Tiere bieten“, erklärt der 53-Jährige. Auch die gelben Punkte stehen für einen besonderen Schutz: „Die bekommen Bäume, die aufgrund ihres gleichmäßigen Wuchses besonders wertvolles Holz liefern und noch weiterwachsen sollen.“

"Nahrungsergänzung" für Rehe

Auf dem Stumpf eines abgesägten Baumes liegt in etwa eineinhalb Metern Höhe ein dicker weißer Klumpen. Man sieht ihn selbst aus größerer Entfernung. „Das ist ein Salzleckstein für die Rehe“, erklärt Gerhard Lehmann. Durch den Regen laufen Salze und Mineralstoffe an dem Holz herab, die Rehe lecken daran. „Das ist gut für die Verdauung und den Mineralstoffhaushalt“, weiß der Jäger.
Für Kinder werden Douglasien zu einem besonderen Baum, wenn sie mit dem Waldpädagogen unterwegs sind. Florian Zilm zeigt einen Zapfen. Aus den Schuppen schauen kleine hellbraune Teile mit zwei kurzen und einer langen Spitze heraus. Dazu gibt es eine Geschichte: Wie die Douglasie sich nicht länger von Mäusen ihre Samen stehlen lassen wollte. „Deshalb öffnete sie ihre Schuppen und klappte sie wieder zu, als die Mäuse kopfüber darin steckten“, erklärt Zilm, warum Kinder die Douglasie gern Mausebaum nennen – weil die kleinen hellbraunen Spitzen aussehen wie Mäusebeinchen und Schwänzchen.

Überwältigender Waldduft

Förster Reibert bleibt an einer Wegebiegung stehen. An dieser Stelle des Waldes wachsen zumeist Buchen. Eine Waldfläche mit vielen jungen Laub- und Nadelbäumen schließt sich an. Reibert füllt seine Lungen mit frischer Waldluft. „Einfach mal an verschiedenen Bäumen schnuppern!“ Diese Empfehlung gibt er gern. „Es ist überwältigend, wie die Bäume riechen und welche unterschiedlichen Gerüche man im Wald wahrnehmen kann.“
Für den Diplom-Forstingenieur kommt es immer auf die Vielfalt an, nicht nur beim Erschnuppern des Waldes. „Schon nach wenigen Jahrzehnten würden hier nur noch Buchen wachsen, wenn wir keine anderen Hölzer hier anpflanzen würden“, sagt er und erklärt, dass Mischwälder aus forstwirtschaftlicher Sicht das stabilste Ökosystem sind, „außerdem bieten sie optisch eine schöne Abwechslung und sind wirtschaftlich gut nutzbar“.
Bäume werden geerntet, neue gepflanzt, manche ganz alten Exemplare dürfen weiterwachsen, weil sie als schützenswert gelten. „Hier im Stadtwald haben wir Buchen, die sind rund 250 Jahre alt“, weiß Reibert, „die meisten davon lassen wir stehen“. Wenn Reibert sich so umschaut, dann weiß er, warum es gestressten Großstädtern gleich besser geht, wenn sie in den Wald kommen. „Da findet man Ruhe.“ Und weil der Wald den Menschen auf vielfältige Weise einen Nutzen bringt, findet der Förster auch nachdenkliche Worte an jene, die auf die Idee kommen könnten, den Wert des Waldes nur an wirtschaftlichen Zahlen zu messen – und weiterhin Stellen bei den Forstämtern zu kürzen. „Die Zahlen geben nur Aufschluss über einen kleinen Teil der großen Erfolge des Waldes – vieles, was er für die Menschen leistet, taucht in den Statistiken nicht auf.“

Der Eine riecht an Bäumen, der Andere spricht mit ihnen

Der Förster schnuppert an den Bäumen, der Schamane spricht mit ihnen. „Er braucht noch eine Minute“, klärt Leon Shankara uns auf. Zuvor hat er rund um den Stamm einer kleinen Buche, die durch ihren besonderen Wuchs auffällt, Bergkristalle abgelegt. Sie sollen den Baum, dessen Stamm sich in zwei Stämme geteilt hat, zu einer besseren Energie verhelfen. „Dazu müssen die Steine eine Weile liegenbleiben“, sagt der Naturheiler, der diesen kleinen Baum als ein Wesen betrachtet, „in dem Männlichkeit und Weiblichkeit vereint sind, wie bei Ying und Yang“, greift er einen Begriff aus der chinesischen Philosophie auf.
Der kleine Erdhügel mit dem Baum darauf ist ein Ort, von dem sich der Naturheiler Leon Shankara sofort angezogen fühlt. Der Schamane aus Münchhausen möchte die Fähigkeit vermitteln, mit der Natur und den Menschen in einen besonderen Kontakt zu treten. „Meistens machen Menschen mit, die in Heilberufen tätig sind“, erzählt er über die Ausbildung zum „Heilpriester der Erde“. Darin gebündelt sind Einflüsse aus unterschiedlichen schamanistischen Richtungen, „ich selbst habe vom indianischen und sibirischen Schamanismus gelernt“, erzählt er. Halbedelsteine, denen in der Esotherik bestimmte Eigenschaften und energetische Wirkungen zugeschrieben werden, kommen bei dem Naturheiler zum Einsatz. Oder auch Tinkturen, die er auf den Boden träufelt und die so klangvolle Namen haben wie „Pan“, „Sananda“, „Melek Metatron“ oder „Lady Gaia“. „Besteht nur aus Quellwasser und Arzneialkohol“, versichert uns Leon Shankara. Meine Kollegin und ich dürfen kosten. Wir nehmen bei der gleichen Tinktur einen sehr unterschiedlichen Geschmack wahr – „Spülwasser“ und „Rose-Lavendel“. „Das ist normal“, sagt Leon Shankara, der die Tinkturen selbst weiht und in den Dienst bestimmter himmlischer Wesen stellt. Er garantiert: „Da sind keine
Geschmackszusätze drin.“

Selbst einmal räuchern

Wer selbst einmal ein wenig räuchern möchte im Stile eines Schamanen, der findet im Wald geeignetes Räucherwerk. „Wenn aus einem Baum Harz austritt, kann man es mit ein wenig Tütenfolie,­ etwa von einer leeren Tempoverpackung, vorsichtig abnehmen“, erklärt Leon Shankara. Das Harz kann man daheim auslegen und trocknen lassen. Kombiniert mit getrockneten Tannennadeln wird daraus ein Räucherwerk, das den Duft der Natur ins Haus bringt. „Dies reinigt und hebt die Energie“, sagt der Naturheiler.  
Ob Schamane, Förster, Jäger oder Waldpädagoge – ihnen allen schenkt der Wald Kraft. Sie fühlen sich eng mit ihm verbunden – jeder auf seine Art. Vier Perspektiven, die einladen, sich selbst mit dem Wald auseinanderzusetzen und ihn zu genießen.

von Carina Becker

Die neue OP-Serie: Unser Wald
Mythen, Sagen und Märchen ranken sich rund um den deutschen Wald. Gedichte und Lieder beschreiben ihn, erzählen über seine Geheimnisse und uraltes Wissen. Er bietet mehr als einer Million Menschen in der Republik einen Arbeitsplatz und steht allen für Erholung und Freizeit zur Verfügung. Die Deutschen lieben ihren Wald – deshalb stellt die OP im Laufe dieses Jahres in einer Themenreihe verschiedene Facetten des Waldes vor. Los geht es mit dieser Reportage, für die wir uns den Wald genau angeschaut haben – mit vier Männern, die für unterschiedliche Perspektiven stehen.
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