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Vier Leute, zwei Hunde, ein Zimmer

Obdachlosigkeit Vier Leute, zwei Hunde, ein Zimmer

Vor 4 Wochen ist Patrick König aus dem Gefängnis entlassen worden. Seither ist er auf der Suche nach einer eigenen Wohnung. Der 34-Jährige hat früher auch schon unter der Brücke geschlafen.

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Patrick König aus Marburg hat seit Jahren immer wieder mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Jetzt hofft er, eine Wohnung und Arbeit zu finden.

Quelle: Frank Rademacher

Marburg. Es sind Notlagen, oft eine Kombination aus verschiedenen Problemen, die schließlich zur Obdachlosigkeit führen können. Aber nicht müssen, wie Uwe Pöppler, Fachbereichsleiter Familie, Jugend und Soziales beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, versichert. „In Deutschland ist niemand gezwungen, obdachlos zu sein. Er muss aber bereit sein, Hilfe anzunehmen“, sagt Pöppler.

Patrick König nimmt die Hilfe an, eine Wohnung hat er deshalb aber trotzdem noch nicht. „Als Vorbestrafter ist es nicht einfach“, nennt er das Problem beim Namen, das die allermeisten Vermieter auf Alternativen zurückgreifen lässt – und Bewerber für günstigen Wohnraum gibt es in der Universitätsstadt reichlich. „Da muss sozialer Wohnungsbau betrieben werden, was in den letzten Jahren nicht ausreichend stattgefunden hat“, sagt Fachbereichsleiter Pöppler.

Wohnungslosenhilfe will Situation verbessern

Ein Problem, das auch Monique Meier, bei der Stadt Marburg für Sozialplanung zuständig, nicht neu ist. Die Situation der Obdachlosen zu verbessern ist Ziel eines Konzepts zur Wohnungslosenhilfe, das die Stadtverordnetenversammlung im vergangenen Jahr beschlossen hat und nun umgesetzt werden soll.

Dabei geht es auch um die Wohnungen im Ginseldorfer Weg, in denen zurzeit 28 Menschen wohnen, die keine eigene Wohnung haben. Die Frage, 
ob Sanierung oder Neubau die kostengünstigere Lösung ist, stellt sich hier ebenso wie in der Tagesaufenthaltsstätte (TAS) in der Gisselberger Straße 36.

Die ist auch für Patrick König täglich eine feste Adresse. Hier bekommt er den Tagessatz von 13,50 Euro ausgezahlt, mit dem er über die Runden kommen muss. Hier in der Tagesaufenthaltsstätte gibt es für die Obdachlosen auch etwas zu essen und zu trinken, hier können sie duschen und ihre Wäsche waschen. Die Gisselberger Straße 36 ist für viele auch die postalische Anschrift, unter der sie zu erreichen sind. Weil es solche Hilfsangebote in den kleineren Kommunen nicht gibt, zieht es die Wohnungslosen in die Städte.

Mietschulden sind seit Jahren der Hauptgrund

Zu den angebotenen Hilfen gehört auch ein Verfahren, drohende Obdachlosigkeit schon im Vorfeld zu verhindern. Der Klassiker ist nämlich die nicht gezahlte Miete. Bleibt die zwei Monate lang aus, kann das eine Räumungsklage auf den Weg bringen, erklärt Walter Schmidt von der Stadt Marburg. Häufig sparten die Betroffenen am falschen Ende.

Nicht immer sei aber ein finanzieller Engpass die Ursache, es komme auch vor, dass vergessen worden sei, den befristeten Antrag beim Kreisjobcenter zu verlängern. Wenn das Gericht der Klage stattgibt, bekommt auch das Sozialamt eine Mitteilung, dass eine Räumung droht.

Jetzt bleiben einige Wochen Zeit, zusammen mit den Betroffenen und dem Vermieter nach einer Lösung zu suchen, was in gut der Hälfte der Fälle auch klappt. Liegt bereits ein Räumungstitel vor und die Miete wird wieder zwei Monate nicht gezahlt, kann der Vermieter gleich den Gerichtsvollzieher bestellen.

Sozialamt kooperiert mit Wohnungsgesellschaften 

„Meistens kennen wir die Pappenheimer schon“, sagt Uwe Pöppler. Wer seine Miete 
 nicht zahle, der bezahle auch den Strom nicht. „Dann wird schon vorher versucht, über die Schuldnerberatung das Problem anzugehen, indem man etwa mit dem Betroffenen eine Haushaltsführung aufstellt“. Das Marburger Sozialamt arbeitet auch mit den Wohnungsgesellschaften eng zusammen, um Schwierigkeiten erst gar nicht eskalieren zu lassen.

Mietschulden brachten auch Marvin Müller (Name von der Redaktion geändert) um seine Wohnung. Der gelernte Kinderpfleger hat gerade eine Drogentherapie hinter sich und ist derzeit auf der Suche nach einer Wohnung. Noch muss er sich jeden Tag einen grünen Schein im Sozialamt holen, um im städtischen Notquartier über der TAS übernachten zu können.

Zwei passende Wohnungen 
 habe er sich schon angesehen, aber nachdem er das „Okay“ 
des Sozialamtes eingeholt habe, seien die Wohnungen in der Zwischenzeit schon anderweitig vergeben worden.

Im Sommer reicht auch schon mal das Zelt

Eine eigene Wohnung hat Patrick König noch nicht in Aussicht. Im Moment teilt er sich mit zwei Frauen, einem Mann und zwei Hunden ein Zimmer. Keine Konstellation, die auf ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben ausgelegt ist. Plätze 
zum Übernachten finde man immer, sagt der Marburger, der Koch und Maurer gelernt hat.

Mit der Zeit habe man einen Blick dafür, wo man unterkommen könne. Im Sommer habe er auch schon im Zelt geschlafen, berichtet der 34-Jährige. Als obdachlos gilt auch, wer dauerhaft in einem Bauwagen wohnt.
„Ich kenne viele, die inzwischen ohne Wohnung besser zurecht kommen“, sagt König und bestätigt damit eine Erfahrung, die auch Uwe Pöppler gemacht hat.

Nur keinen Scheiß mehr bauen

„Es kann auch sein, dass das ein Lebensmodell ist, das jemand für sich gefunden hat“, sagt der Fachbereichsleiter und sagt mit Blick auf die, die helfen wollen: „Das Recht der Selbstbestimmung verliert sich nicht mit der Wohnung. Es gibt auch das Recht, weiter Platte zu machen. Wir können nur Hilfe anbieten, dürfen aber nicht bevormunden. Es geht um Menschen, und die müssen nicht dem 
gesellschaftlichen Standardbild entsprechen.“

Davon trennt Patrick König momentan nicht nur die fehlende Wohnung. Erstmal hoffe er, das anstehende Gerichtsverfahren gut zu überstehen. Und die weiteren Ziele? „Eine Wohnung, Arbeit und keinen Scheiß mehr bauen.“

von Frank Rademacher

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