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Viele Schafe, aber wenige Schäfer

Vom Aussterben bedroht Viele Schafe, aber wenige Schäfer

Marburg-Biedenkopf gilt mit 17.000 Tieren als der schafreichste Landkreis Hessens. 400 Schafhalter sind registriert. Doch geht gleichzeitig die Anzahl der „echten“ Schäfer zurück.

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Flauschiges Nutztier: Ein Herdwick-Schaf schaute beim hessischen Schäfertag Ende August vergangenen Jahres in Stausebach neugierig durchs Gatter.

Quelle: Yanik Schick

Erksdorf. So gibt es im Landkreis gerade noch zehn Menschen, die als Wanderschäfer mit ihren Tieren über Land ziehen und damit ihr Brot verdienen. Eine bedauerliche Entwicklung, findet Peter Heinze, Pressewart des Kreisschäfervereins. „Denn die Landschaftspflege mit Schafen wird aus Naturschutzgründen immer wichtiger. Schafe können die Flächen dort pflegen, wo Maschinen nicht eingesetzt werden dürfen oder können“, erläutert er bei einem Pressegespräch zum Kreisleistungshüten, das der Kreisschäferverein gemeinsam mit dem Landwirtschaftsamt des Landkreises am Sonntag, 12. Juni, in Erksdorf bei Stadtallendorf organisiert.

Ein Leben mit Schafen – das sei eine unvergleichlich tolle Sache, berichtet Hobbyschafhalter Heinze, der rund 80 Tiere sein Eigen nennt und sie nicht mehr missen möchte. „Wer einmal mit diesem Virus infiziert ist, den lässt es nicht mehr los.“ Die freizeitmäßige Haltung auf der Koppel sei freilich nicht zu vergleichen mit dem Leben der Wanderschäfer, wie es sie früher gab. „Sie zogen Hunderte von Kilometern über Land und erwarben sich eine ganz eigene Lebensweisheit. Schäfer verfügen über einen enormen Wissensschatz, kennen sich mit Tieren, Pflanzen und der gesamten Natur aus.“

Die Arbeit eines Schäfers endet quasi nie

Und sie arbeiteten übrigens in einem Beruf, der für gestresste Manager inzwischen als Therapieform angeboten wird. „Damit solche Menschen überhaupt einmal wieder einen Bezug zum Leben bekommen“, sagt Heinze. Dass jährlich in Hessen nur noch zwei bis drei Berufsschäfer ausgebildet werden, sei trotzdem kein Wunder, führt Kreisschäfermeister Winfried Emmerich aus. Wie es in der Landwirtschaft so ist, ende auch die Arbeit eines Schäfers quasi nie. „Vom Lohn ganz zu schweigen, ohne zusätzliche Leistungen, die wir bekommen, würde es gar nicht gehen“, sagt Emmerich und beziffert das monatliche Netto-Einkommen eines Schäfers hierzulande auf 1.300 bis 1.500 Euro. „Es ist jeden Monat und von Jahr zu Jahr anders.“

Das liege schon allein daran, dass Schafe in zwei Jahren durchschnittlich drei Mal Lämmer bekommen. Der Verkauf der Jungtiere ist für die Schäfer bei einem Preis von derzeit rund 100 Euro pro Lämmchen eine wichtige Einnahmequelle. „Bis wir die Tiere so weit haben, müssen wir schon 30 bis 40 Euro ins Futter investieren“, sagt er. Die deutschen Erzeuger könnten gerade einmal ein Viertel des Bedarfs an Lammfleisch in Deutschland abdecken, der Rest komme aus dem Ausland.

Ausbildung im Kreis möglich, aber umständlich

Wer den Beruf des Schäfers ergreifen will, kann im heimischen Landkreis in einigen Schafhalterbetrieben die dreijährige Ausbildung absolvieren. Doch gilt dies als recht umständlich, da die überbetriebliche Ausbildung in einem anderen Bundesland erfolgen muss – in Marburg-Biedenkopf gibt es keine Ausbildungsstätte für Schäfer mehr. Vom Leben mit den Schafen, von den Arbeitsbedingungen der Schäfer und von der Kunst des Hütens in Zusammenarbeit mit den Hunden, davon zeugt alljährlich das Kreisleistungshüten.

„Es bildet zusammengefasst in einer Wettbewerbsordnung den kompletten Berufsalltag des Schäfers ab“, sagt Peter Heinze und kündigt an, was die bislang sechs gemeldeten Teilnehmer am 12. Juni in Erksdorf bewältigen müssen: Schafe einpferchen, Schafe auspferchen, mit der Herde über eine Brücke ziehen und enge Stellen passieren wie im Straßenverkehr. Ewald Feußner aus Erksdorf stellt für den Wettbewerb 300 Merino-Landschafe zur Verfügung. „Das ist auch eine große Herausforderung, mit der fremden Herde zu agieren“, verrät Emmerich.

Ausschlaggebend für die Bewertung, die zwei Preisrichter vornehmen, ist dabei, wie Hund und Schäfer miteinander interagieren. „Mit 100 Punkten geht es los – und für jeden Fehler, den der Hund macht, gibt es Abzug“, erklärt der Kreisschäfermeister. Ruckzuck sind die Teilnehmer mitunter bei nur noch 60 Punkten angelangt, „aber das ist auch noch ein gutes Ergebnis“. Mitmachen kann jeder Schäfer. „Man braucht aber einen gut ausgebildeten Hund.“ Die zwei Bestplatzierten kommen in die nächste Runde, die beim Bezirksausscheidungshüten am Sonntag, 21. August, in Kassel-Wolfsanger ausgetragen wird.

Vom Schaf zur Wolle: Schau in Erksdorf klärt auf

Teilnehmer und Organisatoren wünschen sich für das Ereignis ausdrücklich eine große Zuschauerbeteiligung – sie wollen die Gelegenheit nutzen, um den Menschen in der Region näherzubringen, was seit vielen Jahrhunderten Tradition hat: die Landschaftspflege mit Schafen.

Damit große und kleine Gäste das Programm in der Zeit von 8 bis 17 Uhr genießen können und es auch niemandem langweilig wird, gibt es für die Kinder eigene Angebote zur Unterhaltung. Schervorführungen, eine Landtechnik-Schau, Demonstrationen zur Wollverarbeitung und Planwagenfahrten gehören dazu. Der Eintritt ist frei.

Das Hütegelände wird in Erksdorf ausgeschildert. Die Veranstalter bieten Speisen und Getränke an. Und für alle Besucher, die noch mehr Einblicke in die Arbeit mit Tieren wünschen, bietet sich ergänzend eine Besichtigung des landwirtschaftlichen Großbetriebs der Erksdorfer Familie Tier an, die Milchkühe hält und Biogas erzeugt. Das Hütegelände grenzt direkt an.

von Carina Becker

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