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Viel mehr Vogelarten als gedacht

Vorbehalte gegen Bebauungsplan am Vitos-Gelände Viel mehr Vogelarten als gedacht

Im Herbst soll der Bebauungsplan für das Vitos-­Gelände beschlossen ­werden. Naturschützer und Agendagruppen kämpfen noch immer um den Erhalt des Waldes auf dem Gelände.

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Der Park im südwestlichen Teil des Vitos-Geländes an der Cappeler Straße müsste weichen, wenn hier Wohnanlagen entstehen. Vogel- und Naturschützer schlagen Alarm.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Für den Bau von Wohnungen auf dem Gelände zwischen Cappeler Straße und Friedrich-Ebert-Straße sollen etwa 1,9 Hektar Wald im südwestlichen Teil des Vitos-Parks gerodet werden. Die Offenlage des Bebauungsplans ist abgeschlossen, nach der parlamentarischen Sommerpause soll der Bebauungsplan in die Beschlussfassung durch das Stadtparlament gehen.

Natur- und Vogelschützer schlagen nach wie vor Alarm: „Ich habe in 20-jähriger Gutachtertätigkeit in Waldbewertung, Forsteinrichtung und Waldschadenserhebung selten einen so wüchsigen Wald mit einem so vielfältigen Gehölz-Unterstand gesehen“, schreibt etwa Johannes Linn. Dementsprechend hoch sei hier wohl auch die Tierartenvielfalt an Vögeln, Insekten, Fledermäusen in Kombination wüchsiger Wald, ältere Bäume im Park und Freiflächen.

Experten gehen von 60 bis 100 Arten aus

Marburgs Vogelschutzbeauftragter Dr. Martin Kraft ergänzt, der Park stelle „aus ornithologischer Sicht eine besonders wertvolle Fläche inmitten von Marburg dar“. Durch die ur­alten Bäume, so Kraft, den teilweise mächtigen Unterwuchs, Hecken, Feldgehölze, offene Flächen mit Rasen und stellenweise hohem Gras sowie krautigen Pflanzen „finden wir ein buntes Mosaik an Habitatstrukturen, die es einer Vielzahl von Vögeln ermöglicht, hier zu brüten oder den Bereich als Nahrungsgebiet aufzusuchen“. Kraft nennt konkret Wendehals, Waldohreule, Grau- und Schwarzspecht, Pirol, Gartenrotschwanz, Trauer- und Grauschnäpper, die in dem Roteichenwald gehört worden seien.

„Die Anzahl der Brutvogelarten im gesamten Gelände überschreitet locker 60 Arten“, sagt Kraft. Linn schätzt sogar, dass mehr als 100 Arten in dem Areal leben. Auch der Rotmilan, der letztlich den Windkraft-Plänen auf dem „Lichter Küppel“ den Garaus machte, sei hier, so Linn, nachgewiesen worden: überfliegend, als Nahrungsgast oder, um das Areal als Rastplatz zu nutzen. In einem artenschutzrechtlichen Beitrag des Büros Simon & Widdig aus dem März 2014 wurden etwa 30 Vogelarten und vier Fledermausarten beschrieben.

Im Klartext heißt das: Die Zahl der schutzwürdigen Vogelarten auf dem Vitos-Gelände wäre mindestens doppelt so hoch wie bisher angenommen. Linn fordert in einem Schreiben an Bürgermeister und Baudezernent Dr. Franz Kahle deswegen ein ergänzendes vogelschutzrechtliches Gutachten, das der Vogelschutzbeauftragte Kraft erstellen solle.

Gegen die Rodung des Roteichenbestandes

Kraft wiederum plädiert jetzt gegen eine Rodung des Roteichenbestandes, weil es zu ­einem Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz käme. „Hier wären auch Arten mit einem schlechten Erhaltungszustand für Hessen betroffen“, sagt Kraft. „Um die ersten Ergebnisse weiter zu manifestieren, würde ich mich über einen direkten (honorierten) Auftrag der Stadt sehr freuen“, schreibt Kraft.

Auch die Agenda-Gruppen äußern nach wie vor Vorbehalte gegen den Bebauungsplan-Entwurf. Sprecher Gerhard Haberle verweist auf Verstöße gegen Bau- und Naturschutzrecht und auf einen Beschluss des Stadtparlamentes von 2009, in dem es heißt: „Sicherstellung und Erhaltung des Baumbestandes als prioritäres Ziel versteht sich von selbst.“

Gegenüber der OP sagte Kahle, er habe Linn empfohlen, das Anliegen dem Naturschutzbeirat der Stadt vorzutragen. Er selbst plane derzeit nicht, einen neuen Gutachterauftrag zu erteilen. Das sieht OB-Kandidat Dr. Thomas Spies (SPD) ähnlich, der von Linn um eine Stellungnahme gebeten wurde. Spies will sich angesichts bereits vorliegender Gutachten zunächst ein eigenes Bild machen, verweist aber darauf, dass auch die Frage geprüft werden müsse, „wie das öffentliche Interesse an dringendem zusätzlichen Wohnungsbau mit dem gleichen Erfolg erreicht werden kann“.

Die Schaffung neuen Wohnraums, schreibt Dirk Bamberger (CDU), müsse „mit größter Sensibilität und Rücksicht auf den wertvollen Baum- und Gehölzbestand geschehen“. Alternativ zu dem derzeit geplanten massiven Eingriff biete sich die Bebauung am sogenannten „Stadtbalkon“ auf dem nordöstlichen Teil des Geländes an. Den hatten auch die Agendagruppen als Alternative ins Spiel gebracht.

von Till Conrad

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