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Video-Überwachung hilft Epilepsiekranken

Epilepsiezentrum Video-Überwachung hilft Epilepsiekranken

Heute ist der weltweite Tag der Epilepsie. Im Marburger Epilepsiezentrum im Uni-Klinikum auf den Lahnbergen wird die Krankheit erforscht und behandelt.

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Die beiden medizinisch-technischen Angestellten Franziska Armbrecht (links) und Jasmin Marczinski im Video-EEG-Monitoring-Raum des Epilepsiezentrums.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Er ist ein Herzstück des Epilepsiezentrums: Der Überwachungsraum, von dem aus auf sechs großen Bildschirmen bis zu sechs Patienten in ihren Zimmern rund um die Uhr beobachtet werden können. Im Fachjargon heißt die Einheit „Video-EEG-Monitoring“. „Es sieht ein bisschen aus wie bei Big Brother“, sagt Jasmin Marczinski, die als medizinisch-technische Angestellte (MTA) hier arbeitet und mittlerweile leitende MTA-F für den Bereich ist. Über die Jahre hinweg hat sich ihr Blick für das geschärft, was sie beobachten soll. Es geht darum, an kleinen Veränderungen im Bewegungsablauf der Patienten zu erkennen, wann bei ihnen ein epileptischer Anfall beginnt.

Denn es ist das Hauptziel der Überwachung, unter kontrollierten Bedingungen und mit fachlicher Überwachung die Anfälle hervorzurufen. Parallel werden bei den „verkabelten“ Patienten auch die Hirnströme gemessen. Um diese anzuzeigen, sind unter den Video-Bildschirmen aus den Patientenzimmern jeweils weitere Monitore angebracht, die die laufend aktualisierten Hirnströme zeigen. Der Blick von Marczinski und ihren Mitarbeiterinnen richtet sich auch deswegen meistens auf diese EEG-Monitore, weil sie dort schneller Veränderungen und für epileptische Anfälle charakteristische Unregelmäßigkeiten feststellen können. Zusätzlich können aber auch Patienten selber einen Alarmknopf drücken, wenn sie ein Vorgefühl - eine sogenannte Aura - haben, das selber schon Ausdruck eines epileptischen Anfalls ist. Starrer Blick, Sprachstörungen, Schmatzen und ein nervöses Nesteln: das sind einige der Signale im Vorfeld eines solchen Anfalls.

Bei Anfall ist Schnelligkeit gefragt

Wenn sich ein solcher Anfall ankündigt, dann ist Schnelligkeit bei den MTAs gefragt, denn sie sollen möglichst unverzüglich in das Patientenzimmer gehen, um dort den Patienten im Anfall zu beobachten bei einem schwereren Verlauf medizinische Hilfe zu leisten. Zudem führen sie mehrere Tests durch, mit denen sie das Sprech- und Erinnerungsvermögen der Patienten testen.

„In 18 Jahren ist bei uns dabei noch nie etwas Schwerwiegendes passiert“, freut sich Professorin Susanne Knake, die Leiterin des Epilepsie-Zentrums am Uni-Klinikum. Nur zweimal hätten die Mitarbeiterinnen per Reanimation eingreifen müssen, um den äußerst selten, bei häufigen Anfällen aber möglichen „plötzlichen unerwarteten Tod bei Epilepsie“ zu verhindern.

Meistens dauern die Anfälle nicht länger als zwei Minuten. Die Überwachungen dienen dazu, die Art der Erkrankung festzustellen und beispielsweise abzuklären, ob ein epilepsie-chirurgischer Eingriff dem Patienten helfen kann, wenn Medikamente nicht mehr helfen. „Je nach Art der Chirurgie und zugrundeliegender Ursache kann die postoperative Anfallsfreiheit bis zu 70 Prozent betragen“, erläutert Knake.

220 Patienten im Jahr stationär, 1500 ambulant

Rund 220 Patienten pro Jahr kommen für jeweils rund zwei Wochen auf die Station im Marburger Uni-Klinikum, um sich dort diagnostizieren zu lassen, rund 1500 Patienten werden ambulant gesehen.

Den heutigen Tag der Epilepsie sieht Susanne Knake als eine Chance, um den Menschen die Angst vor Epilepsie zu nehmen. Denn die Krankheit sei zu Unrecht immer noch mit einem Makel behaftet. Dabei könne jeder unabhängig vom Lebensalter an Epilepsie - der häufigsten neurologischen Krankheit - erkranken. Sie sei aber meist gut behandelbar. Knake und ihr Team wollen die Kenntnis über die Erkrankung, die Behandlung verbessern und den Umgang mit Epilepsie im Alltag normalisieren.

Eine wichtige Säule dabei ist die am Zentrum angesiedelte Epilepsieberatungsstelle. Vor allem bei der Beratung von berufstätigen Erkrankten zwischen 18 und 45 Jahren dreht sich dabei viel um die Frage, ob man als Epileptiker weiter seinen Beruf ausüben kann. Beispielsweise müssen hier Fragen der Fahrerlaubnis geklärt werden. So darf man beispielsweise nur fahren, wenn man nachgewiesenermaßen ein Jahr anfallsfrei war.

„Wir gehen auch mit in die Betriebe und versuchen dort, uns für die Integration der Patienten mit einzusetzen“, sagt Juliane Schulz, die Leiterin der Beratungsstelle, die unter der Telefonnummer 06421/586-5438 oder per E-Mail an schulzj@med.uni-marburg.de erreichbar ist. Wichtig sei die kontinuierliche, teilweise mehrjährige Beratung der Hilfesuchenden in allen Lebenslagen.

von Manfred Hitzeroth

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