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Verzweiflung im Albtraum-Apartment

Pilze, so groß wie menschliche Köpfe Verzweiflung im Albtraum-Apartment

Pilze wachsen aus dem Boden, Schimmel wuchert auf der Wand, beißender Gestank hängt in der Luft: Monatelang harrte Daniela Günther aus – in Marburgs wohl ekeligster Mietwohnung, aus der ihr nun niemand heraushilft.

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Pilze, so groß wie menschliche Köpfe: Ihre Wohnung betritt Daniela Günther angesichts von Angst um ihre Gesundheit nur noch mit Mundschutz.

Quelle: privat

Marburg. Vor einem Haus, wie es in Ockershausen viele gibt, kramt Daniela Günther in ihrer Handtasche. Die 38-Jährige bereitet sich auf den Ausnahmezustand vor – das Betreten ihrer Mietwohnung. Ohne Atemschutzmaske und Handschuhe, die sie aus der Tasche holt, betritt sie das Apartment im Zwetschenweg nicht mehr. Übertrieben? Keinesfalls.

Günther steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die Tür und modriger Gestank schlägt ihr entgegen. Mit jedem Meter, den sie im Flur in Richtung ihrer Wohnung läuft, wird der Geruch beißender. „Furchtbar, ich kippe gleich schon um.“ Sobald sie dort steht, wo ihr Zuhause sein sollte, laufen ihr Tränen über die Wangen. „Das ist ein Albtraum, die Hölle.“

Drama begann im uni 2015

Aus den Wänden wachsen Pilze, größer als menschliche Köpfe. Schimmel wuchert überall, der Fußboden wölbt sich, die Luft lässt sich kaum einatmen – schon gar nicht für Asthmatikerin Günther: „Ich will doch einfach nur leben“, sagt sie. Die Stimme der Frau, die nach mehreren Operationen teilweise versteift und dauerhaft arbeitsunfähig ist, bricht: „Doch das ist kein Leben. Ich bin fertig.“ Seit Monaten lebt sie bei Freunden in Caldern, Bekannten in Wehrda, beim Onkel in Friedberg. „Ich bin faktisch obdachlos.“

Das Drama begann vor mehr als einem Jahr, am 1. Juni 2015 zog die Marburgerin in das Zwetschenweg-Haus ein. „Alles war frisch gestrichen, das sah super aus, nichts deutete auf diese Probleme hin.“ Gelüftet habe sie regelmäßig, auch sonst könne sie keine Gründe für den Befall erkennen.

Ein Freund, Mario Kassner, erinnert sich ebenfalls, auch, wann der Schimmel (Privatfotos) erstmals „und dann mit Wucht“ kam: im November 2015. „Erst dachte ich, das bekommt man sicher in den Griff. Aber nein, keine Chance, 
es wurde immer schlimmer.“ Sofort kontaktierte Günther 
den Vermieter, 
einen Ex-Unternehmer aus Weidenhausen, der für die OP nicht erreichbar war.

Holzverkleidung könnte Schlimmeres verdecken

Über Monate protokollierte sie die Pilzausbreitung, im Schlafzimmer, im Bad, im Wohnbereich. Einen Umweltbiologen, der aus Beweisgründen – auch in Richtung gesundheitlicher Spätfolgen – ein Gutachten erstellt, kann sich die Marburgerin nicht leisten. Der Vermieter habe zwar hin und wieder reagiert, den Befall mal mit chemischen Mitteln bekämpft, mal habe er ihn mit Spachtelmasse überdeckt. Kaschieren statt killen.

Überhaupt: Ein Großteil der Wände ist hinter einer Holzverkleidung versteckt. Kassner: „Vermutlich aus gutem Grund, man will gar nicht wissen, wie übel die Wand eigentlich aussieht.“ Die Ursache, etwa ein verschwiegener Wasserschaden oder Hausschwammbefall, wurde jedenfalls nicht bekämpft.

Günther kontaktierte nach dem anhaltenden Disput mit dem Vermieter in ihrer Verzweiflung die Behörden. Doch die Schimmelproblematik zu klären, sei schlicht Sache von Mieter und Vermieter – selbst, wenn wie im Fall von Günther, die Mietkosten vom Staat übernommen werden.

Behörden werden nur 
in Ausnahmefällen tätig

„Bereits Wohnraum mit einfacher Ausstattung und ohne 
besondere Standortanforderungen erfüllt die Anforderungen an Wohnstandards“, erklärt Peter Schmidt, Fachbereichsleiter Soziales in der Stadtverwaltung auf OP-Anfrage. Beurteilt werde eine Kostenübernahme anhand der Angemessenheit – und dieses Attribut erschöpft sich aus rechtlicher Sicht in einer Kombination aus Wohnungsgröße und Miethöhe. Die Kaltmiete für eine Einpersonenwohnung (maximal 45 Quadratmeter) darf in Marburg höchstens 482 Euro kosten, damit das Sozialamt den Betrag – plus einen Teil der Heizkosten – übernimmt.

Günthers Albtraum-Apartment fällt unter diese Anforderungen, sie zahlt für 40 Quadratmeter 380 Euro Miete plus 90 Euro Strom und Gas. „Ausstattung und Zustand werden vom Leistungsträger in der Regel nicht überprüft, wenn jemand bestimmten Wohnraum anmieten möchte“, sagt Schmidt.

Infrage kommende Wohnungen würden vom Amt auch nicht vorab besichtigt und überprüft. „Ausnahmen ergeben sich jeweils dann, wenn Mängel mitgeteilt werden“, sagt Schmidt. Ein Hoffnungsschimmer für Günther? Denn normalerweise müssen laut Stadtverwaltung für einen Wohnungswechsel gewichtige Gründe vorliegen, etwa die Geburt eines Kindes oder Mobilitätseinschränkungen.

Hessische Wohnungsaufsichtsgesetz kann helfen

Ein anderer, pikanter Aspekt: Ein Gastronomiebetrieb liegt auf der anderen Seite von Günthers Wohnung. Das Gesundheitsamt ist nach 
eigenen Angaben zwar erst dann zuständig, „wenn ein Problem im Gastronomiebetrieb selbst aufgetreten ist“, wie es von der Kreisverwaltung auf OP-Anfrage heißt.

Jedoch: Sollte ein extrem ausgeprägter Schimmelbefall in einer Wohnung vorhanden sein, greife das Hessische Wohnungsaufsichtsgesetz. Demnach kann die Kommune – also die Stadtverwaltung – Anordnungen zur „Beseitigung untragbarer 
 Wohnverhältnisse“ treffen, wobei das Gesundheitsamt des Landkreises unterstütze. 
Denn Bewohner von feuchten, verschimmelten Wohnungen haben laut Weltgesundheitsorganisation ein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen und Asthma.

Das Einatmen von Schimmelsporen kann Allergien auslösen, auch das Mucus-Membran Irritation-Syndrom – bei dem die Augen brennen und tränen, die Nase läuft – hängt ursächlich mit Schimmel zusammen. 
Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem können laut Umweltbundesamt Pilze gar in der menschlichen Lunge wachsen und sehr gefährliche Erkrankungen, mitunter den Tod verursachen. Es gelte 
die Formel: Je größer die verschimmelte Fläche, je mehr Schimmelpilze in Innenräumen, desto gesundheitsgefährdender.

„Ich bin baff, was hier
 gewachsen ist“

„Ich bin völlig baff, was hier in kürzester Zeit gewachsen ist“, sagt Mario Kassner. Ob nun Schimmel- oder Hausschwammbefall (siehe Infokasten): Hilfe gebe es laut Kassner kaum, und auf dem umkämpften Marburger Wohnungsmarkt eine Alternative zu finden – 
eine, die auch die Zustimmung des Amts findet –, sei für seine Bekannte jedenfalls enorm schwer.

Der Marburger Mieterverein, den Günther auch eingeschaltet hat, bereitet eine Klage gegen den Weidenhäuser Vermieter vor. Doch das Verfahren kann und wird sich hinziehen. „Ich hoffe, ich überstehe das gesundheitlich und finde irgendwann endlich eine Wohnung, die mich nicht krank macht.“

von Björn Wisker

 
Das ist ein Hausschwamm / Das passiert bei Schimmel

- Ein Hausschwamm-Befall kann einem Todesurteil für eine Immobilie gleichkommen. Er befällt Holz, kann aber auch Mauerstrukturen durchdringen, was die Struktur eines Hauses massiv schädigen, zum Bruch der Deckenbalken und zum Einsturz eines Hauses führen kann.

- Bis heute ist Hausschwammbefall in einigen Bundesländern als schwerer Baumangel meldepflichtig (in Hessen seit 2010 nicht mehr), Immobilieneigentümer mussten ihn unter Aufsicht von Fachfirmen beseitigen lassen.

- Die Sanierung – die ebenso aufwendig wie teuer ist – muss mit einer Trockenlegung von Mauerwerk und Holzkonstruktion einhergehen und kann deshalb umfangreich werden. Bei fortgeschrittenem Befall bleibt oft nur der Austausch der gesamten Holzkonstruktion. Wird die gesamte Hausstruktur nicht untersucht und saniert, sondern nur überbaut oder überstrichen, ist es eine Frage der Zeit, bis der Schwamm wieder zum Vorschein kommt.

- In Europa leben etwa 200 verschiedene Schimmelpilzarten, etwa die Hälfte davon kann in Innenräumen wachsen.

- Als allergieauslösender Stoff wirken dabei Eiweiße in den Sporen oder in den Fäden der Pilze.

- Bei einem ersten Kontakt mit den Pilzen sensibilisiert sich der menschliche Körper: Er bildet sogenannte IgE-Abwehrstoffe gegen die Eiweiße, die sich an bestimmte Immunzellen (Mastzellen) binden. Bei einem zweiten oder späteren Kontakt schütten diese Histamin und andere Botenstoffe aus, was die typischen Beschwerden auslöst. Aktuelle 
Studien zeigen, dass etwa fünf Prozent der Menschen für Schimmelpilze sensibilisiert sind, also dass sich bei ihnen IgE nachweisen lässt.

 
Pilze, so groß wie menschliche Köpfe: Ihre Wohnung betritt Daniela Günther angesichts von Angst um ihre Gesundheit nur noch mit Mundschutz. Foto: Björn Wisker
 
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