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Verzweifelter Kampf um ein Spenderherz

UKGM Verzweifelter Kampf um ein Spenderherz

Das Schicksal des 21 Monate alten Muhammet Eren Dönmez bewegt viele Menschen - nicht nur in der Türkei. Der verzweifelte Kampf um ein Spenderherz wirft auch ethische Fragen auf.

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Über die Facebook-Seite „Muhammet Eren Için El Ele“ verfolgen viele Menschen das Schicksal des Jungen aus der Türkei.

Quelle: Screenshot: OP

Gießen. Es waren große Hoffnungen, die die Familie Dönmez aus der türkischen Metropole Istanbul in eine Operation ihres inzwischen 21-monatigen Sohnes Muhammet Eren im Kinderherzzentrum Gießen legte. Seit seiner Geburt leidet das Kind an einer Herzmuskelerkrankung und einer fortschreitenden Herzschwäche. Eine Transplantation ist unausweichlich, in der Türkei aber nicht möglich. Die Spezialisten am Universitätsklinikum Gießen-Marburg sollten den Eingriff übernehmen.

Doch kurz vor dem Abflug Ende März kam es zu einem Kreislaufstillstand. Die Wiederbelungsmaßnahmen waren zwar erfolgreich. Die Mediziner in Gießen, wohin Muhammat Eren in der Nacht des 31. März gebracht wurde, stellten jedoch eine irreversible Hirnschädigung fest, verursacht durch die zeitweise Unterversorgung mit Sauerstoff.

Der Junge musste an ein Kunstherz angeschlossen werden, war gelähmt und blind. Mittlerweile hat sich die Gesundheitssituation stabilisiert, ist aber immer noch kritisch, wie Rechtsanwalt Kai Wiegand bestätigte, der die Familie hier in Deutschland vertritt.

Eine Transplantation ist aber im weite Ferne gerückt. „In mehrfach durchgeführten Transplantationskonferenzen wurde der irreversible Hirnschaden einstimmig als Kontraindikation (Gegenanzeige) für eine Herztransplantation beurteilt und dokumentiert“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des UKGM. Das bedeutet unter dem Strich: Kein Platz auf der Warteliste für ein Spenderorgan.

Große Anteilnahme im Internet

Diese Entscheidung hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Zum einen in der Türkei, wo die Öffentlichkeit seit Monaten Anteil an Muhammet Erens Schicksal nimmt. 400000 Euro, die das UKGM kurz vor dem Abflug aus der Türkei als Kosten für die Behandlung veranschlagt hatte, kamen durch Spenden zusammen. Türkische Medien berichten regelmäßig, die eingerichtete Facebook-Seite Muhammet Eren Için El Ele hat mittlerweile mehr als 55000 „gefällt mir“-Angaben.

Aber auch in Deutschland wird zunehmend über die ethische Dimension der Entscheidung diskutiert. Das UKGM spricht von Drohungen gegenüber Schwestern und Ärzten, die „besondere
Sicherheitsmaßnahmen not­wendig gemacht haben“.

Das UKGM betont, sich „strikt an das Transplantationsgesetz und die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Aufnahme von Herzpatienten in die Warteliste“ gehalten zu haben. Dies bezweifelt auch Rechtsanwalt Wiegand nicht. „Die Ärzte sind an diese Richtlinien gebunden und machen sich sogar strafbar, wenn sie sich nicht daran halten“, sagte Wiegand.

Langfristige Prognose entscheidend

Trotzdem müsste die Transplantationskonferenz, die in jedem Einzelfall entscheidet, immer die Gesamtsituation beurteilen. „Die Frage ist nicht, ob eine Organschädigung und damit eine Behinderung vorliegt. Die langfristige Prognose über den Erfolg der Transplantation muss bewertet werden und das liegt meiner Meinung nach bisher nicht vor“, sagte Wiegand.

Die grundsätzliche Frage, ob eine Behinderung eine Benachteiligung bei der Vergabe von Spendeorganen ist und Muhammet Eren deshalb nicht auf der Warteliste steht, bleibt für viele Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken zu Wort gemeldet haben, trotzdem im Raum stehen. „Eine Organschädigung kann, muss aber nicht der Listung entgegenstehen“, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) den Juristen Hans Lilie von der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer.

Das UKGM beruft sich auf die Transplantationskonferenz, die hier eine Entscheidung „basiert auf mehreren unabhängigen neuropädiatrischen Einschätzungen und Stellungnahmen unabhängiger Medizinethiker“ getroffen habe. Diese werde unterstützt durch eine schriftliche Stellungnahme von Professor Hermann Reichenspurner, Leiter des universitären Herzzentrums Hamburg und Vorsitzender der Organkommission Herz-Lunge sowie Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer.

Rechtsanwalt Wiegand fordert in der jetzigen Situation mehr Sachlichkeit, denn die Zeit drängt. Ärzte gehen von einer Lebenserwartung von einem halben Jahr aus. „Es hängt ein Leben von der Entscheidung ab, sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung.“ Hoffnungen setzt Wiegand auf eine externe Transplantationskonferenz, die die Situation noch einmal bewerten soll. Aber auch eine Transplantation im Ausland sei nicht ausgeschlossen. Eine Entwöhnungsbehandlung, die nach Ansicht der Ärzte am UKGM derzeit einzige Option ist, lehnen die Eltern ab.

Wiegand fordert mehr Sachlichkeit

Der Darstellung der Familie Dönmez in der „Süddeutschen Zeitung“, wonach sich die veranschlagten Kosten von 178000 auf 400000 Euro schrittweise erhöht hätten, widerspricht das UKGM. Es habe lediglich eine offizielle Berechnung gegeben.

„Die Größenordnung richtet sich nach der Erfahrung, dass sich gerade bei Kindern eine Wartezeit auf das zu transplantierende Organ von bis zu einem Jahr ergeben kann, und dass zur Lebenserhaltung zum Teil sehr kostenintensive Maßnahmen, wie der überbrückende Anschluss an ein Kunstherz mit wiederholten Pumpenwechseln, notwendig sind“, heißt es in der Stellungnahme. Zudem handele es sich um eine Hinterlegung, die Abrechnung erfolge erst nach Ende des Aufenthalts „nach dem deutschen DRG-System (Diagnosebezogene Fallgruppen) einschließlich hierzu gehöriger Zusatzentgelte“.

Rechtsanwalt Wiegand fordert in der jetzigen Situation mehr Sachlichkeit, denn die Zeit drängt. Ärzte gehen von einer Lebenserwartung von einem halben Jahr aus. „Es hängt ein Leben von der Entscheidung ab, sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung.“ Hoffnungen setzt Wiegand auf eine externe Transplantationskonferenz, die die Situation noch einmal bewerten soll. Aber auch eine Transplantation im Ausland sei nicht ausgeschlossen. Eine Entwöhnungsbehandlung, nach Ansicht der Ärzte am UKGM derzeit einzige Option, lehnen die Eltern ab.

von Andreas Arlt

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