Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Verwirrung um brüchige Waffe des Messerstechers

Messerstecher-Prozess Verwirrung um brüchige Waffe des Messerstechers

Fataler Blackout oder kalkuliertes Blutbad? Bei dem Totschlags-Prozess vor dem Landgericht schildern Messerstecher und überlebende Opfer unterschiedliche Versionen. Brisant sind SMS des geständigen Täters an einen Freund kurz vor der Tat.

Voriger Artikel
Hellenen wählen mit Verzweiflung
Nächster Artikel
Südbahnhof soll barrierefrei werden

Geständig und von den Rechtsanwälten Sascha Marks (links) und Thomas Strecker vertreten: Der 24-jährige Messerstecher aus Cappel steht vor dem Landgericht.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Minuten vor der Tat, bei der der Angeklagte (24) seine Schwiegermutter (51) umbrachte, schrieb er eine Handynachricht an einen Freund. Inhalt: „Lebe wohl, ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen.“ Kurz nach den Attacken folgte: „Sag meinen Eltern, sie sollen den Rechtsanwalt kontaktieren.“ Für die bei der Gewalttat am 30. Mai 2014 verletzte Ehefrau (23) und deren Bruder (20), die im Prozess als Nebenkläger auftreten, ein Indiz für eine vorherige Planung der Tat.

Auch in Bezug auf die Tatwaffe gibt es Unklarheiten. Bei dieser handelt es sich um ein 15 Zentimeter langes Keramikmesser. Im Vergleich zu Stahlmessern gelten diese als instabil und zerbrechlich, etwa wenn sie auf den Boden fallen. Bei den Messerattacken auf die Familienangehörigen in Cappel ist – bei den Stichen auf den Körper der 23-jährigen Ehefrau – die weiße Klinge abgebrochen. Fraglich ist, ob diese im Körper des Opfers, etwa an einer Rippe, abbrach oder der 24-Jährige sie – wie er beim Prozessauftakt aussagte – in dem Moment selbst zerstört habe, als seine Rage abklang, er bemerkte, „was geschehen ist, dass ich gerade auf meine Frau einsteche“.

Mit Händen und Beinen gewehrt

Er habe nach einem vorherigem Wortgefecht „einen Blackout“ gehabt, sei „wie von Sinnen“ gewesen. Das Messer habe er nur deshalb dabeigehabt, weil er es als Ersatz für ein Spachtelmesser zur an diesem Tag anstehenden Renovierung seiner gerade angemieteten Ostkreis-Wohnung benutzen wollte. „Als gelernter Metaller weiß ich ja, dass so ein Messer schlechter ist als ein normales. Das hätte ich doch nicht genommen, wenn ich jemanden töten wollte“, sagte er. In der Wohnung seiner Eltern habe er zuvor vergeblich nach einem Spachtelmesser gesucht und stattdessen jenes „Werkzeug genommen, das diesem am nächsten kommt“.

Die an Oberkörper, Armen und Händen mehrfach verletzte Ehefrau zweifelt daran. „Mit Händen und Beinen habe ich mich gegen die Stiche gewehrt. Irgendwann, als er weg war, lag die Klinge in meiner Hand. Er hat auf mich eingestochen, nicht plötzlich die Klinge zerbrochen“, sagte die 23-Jährige.

Nachdem der Angreifer ihren Bruder attackiert und die Mutter getötet hatte, sei sie „in völliger Panik“ aus der Wohnung geflohen. „Ich wusste, dass ich jetzt dran bin.“ Sie rannte aus dem Apartment zu einer Nachbarin, die nach eigenen Angaben Schreie hörte und ihre Tür öffnete – die fliehende Hausfrau stürzte hinein, versteckte sich im Schlafzimmer der 51-Jährigen. Sekunden später folgte der Messerstecher, drückte erst die Wohnungs-, dann die Schlafzimmertür auf. „Er sah wütend aus“, sagt die Nachbarin, die aus dem Haus rannte und um Hilfe rief.

Ein Zeuge (25), der mit dem Angeklagten seit Kindertagen befreundet ist, beschreibt diesen als „eher ruhig, in sich gekehrt“. Dass dieser auch eine aggressive Seite habe, erfuhr er jedoch selbst: Vor mehreren Jahren habe der Angeklagte ihm – betrunken – ins Gesicht geschlagen. Der Student sagte aus, dass er im Frühjahr 2014 von den Problemen in der Beziehung, auch von einer vorgetäuschten Vergewaltigung, erfuhr.

Zeuge: Die Ehefrau hat ihn gedemütigt

Auch davon, dass die Ehefrau des Täters „genauso eine Intrigenspinnerin ist wie deren Mutter“ und dass die Schwiegermutter „die Anstifterin“ für die Probleme gewesen sein soll. „Er war in der Trennungsphase sehr angeschlagen, sah auch äußerlich elend aus.“ Massiv abgenommen haben soll er, ebenso schluckte er wohl große Mengen Antidepressiva.

„Sie provozierte ihn etwa damit, dass sie ihm sagte, was sie mit ihrem neuen Freund machen, wie sie Sex mit ihm im Ehebett haben wolle. Er wurde von ihr gedemütigt“, sagt er. Das bestreitet die 23-Jährige. Sie habe sich, alleine schon, weil der gelernte Metallbauer sie und ihr Leben „ständig kontrollierte“, so etwas gar nicht getraut. Schon der dem Beziehungs-Aus vorausgegangenen Hochzeit am Valentinstag 2014 habe sie nur „aus Angst“ zugestimmt. „Er drohte damit, meine ganze Familie aufzuschlitzen, wenn ich ihn verlasse.“

Auslöser für die Angriffe sollen ein seit Wochen tobender Streit um den Hausrat aus der Wohnung in der Moischter Straße, der Umgang mit den gemeinsamen Kindern (4, 5) und die etwa vom verletzten Schwager beschriebene Abneigung zwischen Angeklagtem und Schwiegermutter gewesen sein.

  • Fortsetzung: Montag, 26. Januar, 9 Uhr im Saal 101

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Angreifer jagt Ehefrau durch Wohnraum

Streit um Trennung, Kinder und Möbel: Ein 24-Jähriger hat die tödlichen Messerstiche gegen seine Schwiegermutter (51) sowie Angriffe auf Ehefrau (23) und deren Bruder (20) gestanden. Die überlebenden Opfer schildern Szenen.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr