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Verurteilter Frauenschläger riskiert höhere Strafe

Berufungsverhandlung Verurteilter Frauenschläger riskiert höhere Strafe

Der Mann war im Spätsommer vom Amtsgericht zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

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Weil er gegen zwei Freundinnen gewalttätig geworden ist, muss sich ein 26-Jähriger vor dem Landgericht Marburg verantworten.

Quelle: Archiv

Marburg. Eine halbe Stunde lang verlas Richter Dr. Frank Oehm zu Beginn der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht die Taten: eine lange Liste von Körperverletzungen und Nötigungen, Sachbeschädigungen und Freiheitsberaubungen. Opfer waren vor allen Dingen die beiden Ex-Freundinnen des 26-Jährigen. Und bei beiden gestaltete sich die Beziehung ähnlich: Die Paare waren anfangs glücklich miteinander. Allerdings trank der Angeklagte viel und schlug seine Partnerinnen immer öfter. Zwei Jahre war das erste Opfer mit ihm zusammen, trennte sich im Oktober 2013 und wurde dann noch rund ein Jahr von ihrem Ex verfolgt und bedroht. Oehm verlas, dass der Angeklagte sie in einer Silvesternacht aufs Bett geworfen und zehn Mal mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und gewürgt habe.

Kein „kleines, armes Schaf“

Ab Ende 2013 bis Mai 2015 war er mit der Nebenklägerin zusammen. Richter Oehm schilderte aus dem Urteil des Amtsgerichts viele Versöhnungen und Trennungen und noch mehr Gewalttätigkeiten: Tritte und Schläge, ein Schädel-Hirn-Trauma, unzählige Hämatome und Bisswunden hatte das Opfer demnach zu ertragen. „Und hier wurden nur die gravierendsten Taten geschildert“, betonte die Anwältin der Nebenklägerin später.

Die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt. „Die Einzelstrafen sind vielleicht einen Tick zu niedrig“, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Er erklärte aber, die Berufung eventuell zurückzuziehen, wenn der Angeklagte dies auch täte. Dieser jedoch bestand auf einer Berufungsverhandlung – gegen die eindringlichen Worte von Richter Oehm. „Unser Mandant ist vom Grundsatz her kein übler und gewalttätiger Mensch, der seine Partnerinnen reihenweise vermöbelt“, betonte einer der beiden Verteidiger. „Er hatte das Pech, an intelligentere Frauen zu geraten, die ihm Contra gaben und war deswegen hilflos.“ Das sei im Urteil des Amtsgerichts nicht genügend gewürdigt worden. Die Verteidiger betonten, dass der Angeklagte seine Fehler eingesehen habe und die Hauptschuld auf sich nehmen wolle. Aber: „Die Beziehungssituationen haben sich auch hochgeschaukelt.“

Das sah die Anwältin der Nebenklägerin anders: Natürlich habe es Vorgeschichten zu den Körperverletzungen und Nötigungen gegeben. „Aber die Frauen haben sich nur verbal gewehrt. Der Angeklagte war argumentativ unterlegen und ist dann handgreiflich geworden.“ Er habe das als Methode verstanden, seine Freundinnen zu erziehen.

Richter Oehm gab dann auch seine Einschätzung nach Akten­lage ab: „Nach meiner Würdigung sind Sie nicht das kleine, arme Schaf“, sagte er. „Damit müssen Sie bei mir nicht kommen. Das geht vielleicht bei den Frauen.“ Und die „Mitleidstour“ könne er gar nicht leiden. „Das führt bei mir schnell zum Gegenteil.“

Rechtlich bewerte er die Straftaten wie schon sein Kollege am Amtsgericht. Er erklärte, dass der Gesamtzusammenhang „abscheulich“ sei und zwei Frauen über Jahre ein Martyrium erlitten hätten – und immer wieder zum Angeklagten zurückkamen. „Das können Sie scheinbar gut: Mädels um den Finger wickeln und dann doch wieder verdreschen.“

Sieben weitere Termine

„Ich glaube nicht, dass wir unter drei Jahre und acht Monate kommen“, sagte der Richter. Er könne sich sogar vorstellen, dass die Berufung am Ende beim Höchstmaß von vier Jahren lande. Die Verhandlung bringe mindestens acht Verhandlungstage mit sich, dann ginge der Angeklagte sicher wieder in Revision. „Dann sind Sie auf jeden Fall zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft“, erklärte Oehm. Seit zehn Monaten ist der 26-Jährige bereits wegen Wiederholungsgefahr dort.

Erst wenn das Urteil rechtskräftig sei, könne der Angeklagte in den Regelvollzug und erst dann auch eine Therapie absolvieren. Ein Freikommen in die Bewährung nach zwei Dritteln der Haftzeit sei dann vielleicht nicht möglich, wenn ein forensischer Therapeut etwa eine narzisstische Persönlichkeitsstörung feststelle. „Die ist dann wegen der Untersuchungshaft nicht therapiert, also haben Sie keine günstige Prognose und sitzen die volle Zeit ab.“ Und ohne Therapie könnte der Angeklagte nach der Haft wieder in das gleiche Muster verfallen und Frauen schlagen. „Dann wird es haarig, denn dann stellt sich auch die Frage der Sicherungsverwahrung“, mahnte der Richter deutlich an. Er riet mehrfach dazu, „das Buch zuzumachen und die Dinge ruhen zu lassen“.

Das allerdings wollte der Angeklagte nicht. Laut seinen Verteidigern habe er eine 62-seitige Rede vorbereitet, die er auch verlesen wolle. Das Gericht legte daher sieben weitere Verhandlungstermine fest.

Beim nächsten Termin am 28. Juli ab 9 Uhr solle es bei einer ganztägigen Verhandlung nur um die mindestens dreistündige Lesung des Angeklagten gehen.

von Patricia Grähling

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