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Veruntreuung im Förderverein der Steinmühle

Über 100.000 Euro veruntreut Veruntreuung im Förderverein der Steinmühle

Erst als das Konto leer war, bemerkte der Förderverein des Landschulheims Steinmühle, dass hier etwas faul war. Nach OP-Recherchen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den zurückgetretenen Kassierer.

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Die Schulleiter Bernd Holly (links) und Björn Gemmer sind schockiert. Sie erfuhren von der Vorsitzenden des Fördervereins der Schule, Wintraut Koppmann, von der Veruntreuung.

Quelle: Ntemiris

Marburg. Er war vertrauenswürdig. Als ehemaliger Schüler des Gymnasiums, als Bürger der Stadt, als Familienmensch. Seit zirka zehn Jahren hütete er die Kasse des Fördervereins des Landschulheims Steinmühle. „Ich kann ihm nicht mehr in die Augen schauen“, sagt Wintraut Koppmann, die langjährige Vorsitzende des Fördervereins über den Mann, den acht verschiedene Kassenprüfer in den vergangenen Jahren kontrolliert haben.

Gestern schaute sie den beiden Schulleitern Bernd Holly und Björn Gemmer in die Augen, um sie - im Beisein von Rechtsanwalt Karl-Otto Beckmann - davon zu unterrichten, dass der Schatzmeister den Verein um viel Geld betrogen haben muss. Mindestens 85000 Euro soll der Mann in den vergangenen zehn Jahren in kleineren Beträgen bar abgehoben oder auf andere Konten überwiesen haben. Aufgeflogen sei dies erst, nachdem dem Verein 35000 Euro fehlten - dieser Spendenbetrag sollte für den neuen Sportplatz der Schule verwendet werden.

Gefälschte Kontoauszüge

Zunächst hätte der Kassierer erklärt, er habe das Geld fest angelegt. „Er zeigte uns Kontoauszüge“, berichtet Koppmann. Heute wisse sie, dass diese Kontoauszüge der Postbank gefälscht seien. „Der Verein hat kein Konto bei der Postbank“, erklärt der Rechtsanwalt. Der Verein habe zunächst auf Strafanzeige verzichtet, um dem Vorstandsmitglied die Chance zu geben, das Geld zurückzuzahlen, so der Anwalt. 35000 Euro seien zurückgezahlt worden. Doch inzwischen seien weitere Unstimmigkeiten in größerem Ausmaß festgestellt worden. Insgesamt habe der Marburger mehr als 85.000 Euro in zehn Jahren veruntreut.

Die beiden Schulleiter waren gestern sichtlich geschockt. „Das Geld ist den Kindern gestohlen worden“, sagt Holly. Auch Gemmer wird emotional: „Ich kann das nicht fassen.“ Die Schüler haben Waffeln verkauft, sein Kollege habe Klinken geputzt, um Spenden für den Sportplatz oder für Materialien wie Bälle zu sammeln - und nun dies, erklärt Gemmer. Beide Schulleiter betonen, dass der Förderverein im Gegensatz zum Schulverein nicht Träger der Schule ist. „Wir sind als Schulleiter nur einfache Mitglieder in diesem Förderverein. Und wir dürfen nicht wissen, wer Geld an unsere Schule spendet“, erklärt Holly. Wenn der Schule Geld für Projekte fehlt, hilft der Förderverein aus.

Geld kam vom Konto der Wirtschaftsjunioren

Erstaunlicherweise habe dies immer funktioniert: Die Schule habe Anträge an den Vorstand um Koppmann gestellt, der Kassierer habe das Geld ausgezahlt. Doch nun kam vor Kurzem heraus, dass Auszahlungen auch von einem anderen Konto kamen - von dem der Wirtschaftsjunioren Marburg. Auch dort war der besagte Schatzmeister für die Kasse des Vereins zuständig. Und auch dort galt er als vertrauenswürdig. „Er war die Konstante im Vorstand“, sagt Christopher Althaus, der seit Ende 2011 Vorsitzender des Gremiums mit rund 80 Mitgliedern ist.

Versammlung abgesagt

Althaus kamen in jüngster Zeit Fragen auf, als er Aufstellungen des Kassierers sah. Aus einem „unguten Gefühl“ wurde ein Verdacht. Der Vorstand sagte die geplante Jahreshauptversammlung samt voriger Kassenprüfung ab und erstattete schließlich Strafanzeige gegen den Mann aus den eigenen Reihen. Der Kassierer soll in mehreren Fällen Geld vom Konto des Fördervereins der Schule auf das Konto der Wirtschaftsjunioren überwiesen haben - immer dann, wenn Rechnungen zu begleichen waren.

Gefälschte Kontoauszüge gab es bei dem Wirtschaftskreis nicht, aber „frisierte Bilanzen“, erklärt Rechtsanwalt Carsten Dalkowski, den Christopher Althaus eingeschaltet hat. Mindestens zwei weitere Vereine lassen sich derzeit wohl ebenfalls rechtlich beraten. Der mutmaßliche Betrüger war auch im Verein „Alles im Biegen“ Kassierer. „Ich kann keine Auskunft dazu geben, weil wir intern der Sache nachgehen“, so die Vorsitzende Dr. Renate Buchenauer. Auch im Reit- und Sportverein Steinmühle war der Mann Kassierer.

Der Fall wird die Vereine, aber auch die Schule, die mit diesen weder rechtlich noch personell zusammenhängt, noch eine Weile beschäftigen. Dass Dalkowski derjenige Anwalt ist, den die Stadt Marburg im Veruntreuungsskandal vor zwei Jahren zivilrechtlich beauftragt hatte, mag Zufall sein - oder auch nicht. Damals ging es um 1,6 Millionen Euro, den ein als vertrauenswürdig geltender Beamter veruntreut hatte.

von Anna Ntemiris

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Veruntreuung
Der Verein der Freunde und Förderer des Landschulheims Steinmühle wirft dem inzwischen zurückgetretenen Kassierer Veruntreuung vor. Weitere Vereine sind betroffen.Foto: Nadine Weigel

Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Kassierer und seinen ehemaligen Vereinskameraden und Freunden ist zerrüttet. Aber auch das zwischen dem Landschulheim Steinmühle, deren Träger der Schulverein ist, und dem Förderverein. Am Mittwoch berichtete die OP, dass der ehemalige Schatzmeister über 85.000 Euro veruntreut haben soll. 

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