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Vertrauliche Geburt für Mütter in Not

Neues Gesetz Vertrauliche Geburt für Mütter in Not

Verzweifelte Mütter, die ungewollt schwanger geworden sind, dürfen seit dem 1. Mai ihre Babys auch anonym oder unter falschem Namen zur Welt bringen - ohne dabei auf die Hilfe eines Arztes oder der Behörden verzichten zu müssen.

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Ein Babyschnuller hängt an einem Ast auf dem Parkplatz vor dem Mutter-Kind-Zentrum in Marburg. Frauen können neuerdings anonym ärztliche Hilfe bekommen und das Kind in einer Klinik zur Welt bringen – legal.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein seit dem 1. Mai in Kraft getretenes neues Gesetz soll schwangeren Frauen in Not helfen: Sie können anonym oder unter einem Pseudoym ihr Kind legal zur Welt bringen. Die Frauen dürfen ihren wahren Namen verschweigen, wenn sie die Klinik aufsuchen. Das Kind soll aber mit 16 Jahren erfahren können, wer seine leibliche Mutter ist. Das Gesetz soll vor allem die umstrittenen Babyklappen überflüssig machen. In Deutschland werden nach Angaben des Bundesfamilienministeriums jährlich 20 bis 35 Kinder direkt nach der Geburt ausgesetzt oder getötet. Die vertrauliche Geburt soll verzweifelte Frauen daran hindern, sich und ihren Kindern Leid anzutun.

Eine wichtige Rolle nehmen dabei die Schwangeren-Beratungsstellen ein: Die Beratungsstelle nimmt den richtigen Namen der Frau auf und gibt die Daten verschlossen in einem Umschlag an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zur Aufbewahrung. Jedes Kind soll somit die Chance haben, zu erfahren, wo es herkommt. „Das ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen. Deshalb hat das Kind nach 16 Jahren die Möglichkeit, die Personalien seiner Mutter zu erfahren“, erklärt das Familienministerium. In außerordentlich schwerwiegenden Situationen kann die Mutter allerdings auch dann noch die Offenlegung ihrer Identität gegenüber dem Kind verhindern, wenn ihre schutzwürdigen Belange überwiegen.

Weg aus der Illegalität

Das neue Gesetz erleichtert Schwangeren mit dem Wunsch nach Anonymität den Weg in die Beratungsstellen und bewahrt sie vor der Illegalität, sagt Dr. Corinna Zander, Geschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Eine anonyme telefonische Beratung gibt es seit Jahren, sagt sie. Neu ist, dass die Beratungsstellen in Marburg ihre anonyme Beratung vor Ort weiter ausbauen: Neben dem SkF bieten auch die Schwangerenberatungsstelle der evangelischen Kirche im Philippshaus und Pro Familia in der Frankfurter Straße eine qualifizierte Beratung rund um das neue Gesetz „vertrauliche Geburt“ an. „Auch für die Beratungsstellen ist das Thema neu“, erklärt Zander. Die Berater und Beraterinnen lassen sich daher fortbilden und sprechen sich ab, wie sie im Notfall schnell und unbürokratisch Hilfe leisten können. Im Regierungsbezirk Mittelhessen sollen Fachkräfte aus den Beratungsstellen zusätzlich noch speziell ausgebildet werden. Denn vor einer vertraulichen Geburt stehe das vertrauliche Gespräch.

Babyklappen gab es in Marburg nicht, und bisher habe es keine Anfragen nach einer vertraulichen Geburt gegeben, sagt Zander. Doch die Experten wollen für jeden Einzelfall vorbereitet sein.

Zunächst sei wichtig, dass möglichst viele von dem neuen Gesetz und den Möglichkeiten erfahren: „Denn wer Schwangerschaftsberatung hört, denkt vor allem an die Konfliktberatung im Fall eines Abbruchs“, so Zander. Was viele nicht wissen: Frauen haben einen gesetzlichen Anspruch, sich zu allen Fragen rund um eine Schwangerschaft beraten zu lassen - kostenfrei und auf Wunsch anonym. Die Berater haben eine Schweigepflicht. Diese Schweigepflicht wird nun bedeutender, schließlich könnte der Fall eintreten, dass eine Frau ihren Namen nur gegenüber einer Beraterin verrät. Letztendlich werde die Praxis zeigen, inwieweit das Gesetz den Frauen hilft, sagt Zander.

von Anna Ntemiris

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