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Verstärkung in der Flüchtlingshilfe

Integration Verstärkung in der Flüchtlingshilfe

Fast 100 Menschen, die ihre Heimat als Kriegsflüchtlinge verlassen haben, kommen monatlich in Marburg-Biedenkopf an. Der Landkreis unterstützt Initiativen, die den Flüchtlingen den Start erleichtern.

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Eine Familie bricht auf dem Gelände der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen zu ihrer Unterkunft auf.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. 23 Frauen, Männer und Kinder erreichen den Landkreis Woche für Woche und finden hier ein neues zu Hause. Mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow hat die OP über die aktuelle Lage der Flüchtlingshilfe im Landkreis gesprochen.

Ende Juli lebten 820 Asylsuchende in Marburg-Biedenkopf - knapp 100 weitere Flüchtlinge sind seither eingereist und nochmals 500 Menschen sollen bis zum Jahresende folgen. Eine Herausforderung für den Landkreis. Er übernimmt nicht nur die Aufgabe, gemeinsam mit den Kommunen Wohnraum zu suchen, sondern stellt auch die Sozialarbeiter, die den Flüchtlingen nach der Ankunft bei den ersten Schritten in der neuen Heimat hilfreich zur Seite stehen - etwa bei Behördengängen, der Schulanmeldung für die Kinder oder der Gesundheitsversorgung. Drei Sozialarbeiter sind bislang im Kreisgebiet im Einsatz, um die Flüchtlingsquartiere aufzusuchen und den Menschen dort zu helfen - zwei weitere Vollzeitkräfte werde der Landkreis nun einstellen, berichtet Zachow.

Der Kreis kommt für Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Lebenshaltungskosten der Flüchtlinge auf, denen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, also der Hartz-IV-Satz, zustehen. Finanziell gesehen schlägt sich dies im aktuellen Kreishaushalt mit Ausgaben von rund 6,5 Millionen Euro nieder - Kosten, die eigentlich durch Landeszuweisungen abgedeckt werden sollten. Doch das haut bei Weitem nicht hin, wie Zachow erklärt. „Wir verhandeln diesbezüglich derzeit mit dem Land und hoffen auf höhere Zuweisungen.“

Auf jeden Fall sollen die Flüchtlinge, die in Kriegs- und Krisenregionen teils schlimme Traumata erlitten haben, in Marburg-Biedenkopf gut versorgt werden. Über die Willkommens-Kultur, die den Menschen in den Kommunen bislang entgegengebracht wird, ist Zachow sehr froh. Er ruft die Bürger auch weiterhin zum Einsatz für die Flüchtlinge auf. „Der Landkreis ist bereit, Initiativen zur Integration finanziell zu fördern - seien es Projekte von den Kommunen, den Vereinen oder auch von Privatleuten“, erklärt er und hält die Menschen dazu an, sich bei der Kreisverwaltung mit ihren Ideen zu melden. „So könnten Fahrdienste auf den Dörfern eine gute Einrichtung sein, wenn der Busverkehr nicht ausreicht“, nennt er ein Beispiel.

Ausschließlich möbilierte Unterkünfte sind geeignet

Nach dem Aufruf des Landkreises vor einigen Wochen haben sich viele Menschen aus dem Landkreis gemeldet, um Wohnraum für Flüchtlinge anzubieten - weitere Angebote nimmt der Landkreis gern entgegen. „Denn die Unterbringung in Notunterkünften wollen wir möglichst vermeiden“, sagt Zachow und weist darauf hin, dass auch der Landkreis seinerseits dabei ist, frühere Dienstwohnungen von Lehrern und Hausmeistern als Flüchtlings-Quartiere auszustatten. Für Vermieter lohnt es sich, Wohnraum bereitzustellen. Die Sätze, die der Kreis pro Person und Tag entrichtet, werden individuell und je nach Aufwand ausgehandelt - und können auch über dem örtlichen Miet-Preis-Niveau liegen. „Wir versuchen auch, finanziell auszugleichen, wenn Häuser und Wohnungen erst entsprechend hergestellt werden müssen“, erklärt Zachow und verweist darauf, dass möbilierte Unterkünfte gesucht werden.

Als Mindeststandards gelten pro Wohnung mit vier bis sechs Bewohnern: ein Herd, ein Kühlschrank, ein Esstisch mit Stühlen, ein WC, eine Dusche oder Badewanne, eine Waschmaschine sowie Trockenmöglichkeiten, pro Person ein Bett mit allen Auflagen, ein Kleiderschrank (zweitürig), ein Stuhl, Sitzgelegenheiten in Gemeinschaftsräumen. All dies müssen potenzielle Vermieter bereitstellen. Die Bürger können sich auch an ihre Kommunen wenden, um gemeinsam mit anderen Möbel zu organisieren. Die Kommunen sind in der Pflicht. Sie müssen die Grundausstattung an Töpfen, Geschirr und Besteck stellen sowie ausreichend Bettwäsche und Handtücher bereithalten. Die Stadt Wetter ruft ihre Bürger derzeit zu Sachspenden auf: Alle Arten von Möbelstücken, Kühlschränke, Töpfe, Geschirr, Besteck sowie Bettwäsche, Handtücher, Staubsauger und Waschmaschinen, außerdem Kinderausstattungen werden benötigt. Wer Möbel und sonstiges kostenlos anbieten kann, wendet sich unter Telefon 06423/820 an das Bürgerbüro.

Zachow ist indes froh, dass so viele Menschen mitdenken und ihre Hilfe anbieten. So hatte sich auch der Kirchhainer Bürger Peter Jackl, bewegt vom Schicksal der Flüchtlinge, bei Landrätin Kirsten Fründt gemeldet, um eine Unterbringung in leerstehenden Kasernen in Neustadt und Stadtallendorf vorzuschlagen - sofern sich nicht ausreichend Wohnungen fänden.

Aus zweierlei Gründen werde der Kreis versuchen, andere Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen, antwortete die Landrätin auf Jackls Vorschlag. „Zum einen möchten wir vermeiden, zu viele Flüchtlinge gemeinsam an einem Ort unterzubringen. Die Menschen, die nun zu uns kommen, sind erschöpft, traumatisiert, psychisch belastet. Für Menschen ohne diese Belastungen ist es oft schon schwierig, mit vielen Menschen auf engem Raum über einen längeren Zeitraum zusammenzuleben. Für Menschen mit Erfahrungen von Verfolgung, Flucht und Krieg gilt dies umso mehr.“ Zum anderen stünden die Kasernen nach Auskunft des Bundeswehrdienstleistungszentrums in Hessen nicht zur Verfügung oder würden für die Unterbringung von Flüchtlingen nicht als geeignet angesehen.

von Carina Becker

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