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Verständnis, aber auch heftige Kritik

Busfahrerstreik Verständnis, aber auch heftige Kritik

Verfassungsgemäßes Recht oder taktisch geplantes Ärgernis? Die Meinungen zum Streik der Busfahrer gehen bei den Betroffenen zum Teil weit auseinander. Ein Stimmungsbild vom ersten Tag des Streiks.

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Gestern Morgen staute sich der Verkehr in Marburg, besonders auf den Zufahrtsstraßen der Schulen, da die Busse gar nicht erst in Betrieb genommen wurden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Menschen versuchen, im Laufschritt einen Bus zu erwischen. Nichts Ungewöhnliches, eigentlich. Am Montagmorgen ging es den Läufern angesichts des Busfahrerstreiks allerdings nicht darum, einen bestimmten Bus zu erreichen - vielmehr irgendeinen in Richtung Innenstadt. Etwa einen der Busse des Rhein-Main-Verkehrsverbunds, die sich nicht am Streik beteiligten.

Zwei Marburger Studenten­ hetzten vom einen Ende des Busbahnhofs zum anderen, um dann doch nicht in den RMV-Bus der Linie 76 in Richtung Schwarzenborn zu steigen. „Wir haben auf der Anzeige gelesen, dass er in Richtung Erlenring fährt, er hält allerdings nicht dort“, sagt der junge Mann. Er müsse in die Gutenbergstraße.

Busfahrerstreik in Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Unterdessen fährt am Ausgangspunkt des Sprints der Studenten die 383 in Richtung Bad Endbach an. Sogleich bildet sich eine ungewöhnlich lange Schlange vor dem Überlandbus. Die Studenten eilen los und steigen in den vollen Bus.

In der Mitte der großen „Verkehrsinsel“ am Vorplatz des Hauptbahnhofs sitzt Gerardine Freidhof und betrachtet das Schauspiel. Auf einen Bus warte sie nicht, sie habe schon vergangene ­Woche vom Streik erfahren und sich anschließend um eine Mitfahrgelegenheit gekümmert. Freidhof müsse einen wichtigen Termin wahrnehmen und warte nun auf eine Bekannte, die sie hier abholen kommt. „Vom Hauptbahnhof zum Richtsberg wäre ich sonst zwei Stunden zu Fuß unterwegs gewesen. Ich finde es blöd, dass die Busfahrer streiken.“

Weniger gut vorbereitet traf der Streik eine junge Feuerwehrfrau. Unterwegs zur Bildungswoche in der Feuerwehrschule in Cappel ist sie am Hauptbahnhof gestrandet. „Es ist blöd, wenn man von außerhalb hierhin kommt und keine Informationen hat. Zum Laufen ist es definitiv zu weit.“ Einige Kollegen seien mit dem Auto unterwegs und könnten sie mitnehmen - diese seien aber wohl noch vierzig Minuten unterwegs. „So lange wollte ich eigentlich nicht hier warten, dafür ist es mir auch zu kalt“, sagt sie.

Bei den Stadtwerken seien im Laufe des Montags nur wenige­ Beschwerden eingegangen, erklärte Sprecherin Sara Möller - schließlich gehe der Streik ja nicht vom Verkehrsunternehmen aus.

„Wieder mal auf dem Rücken der kleinen Leute“

Es habe allerdings „sehr ­viele Anfragen, wie es weitergeht“ gegeben. Gestern konnten die Stadtwerke zunächst nur die Fortsetzung des Streiks am Dienstag bestätigen. Für die Tage danach gelte weiterhin der Rat, sich aktuell mit Informationen zu versorgen. Neuigkeiten teilten die Stadtwerke auf ihrer Internetseite mit.

In den sozialen Netzwerken stieß der Streik auf unterschiedliche Resonanz. „Wieder mal auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen“, beschwert sich Martin Jahn auf Facebook, der seine Kinder selber in die Schule und in den Kindergarten bringen muste: „Wäre ich nicht zu Hause heute, wäre ich richtig wütend“.

„Wenigstens der Schul- und Kindergarten-Transfer hätte laufen müssen“, findet auch Oliver Matysza. Facebook-Nutzer „MrsJa Sob“ hingegen kann die Busfahrer gut verstehen: „Und mal ganz ehrlich: Marburg ist nicht Berlin! Gute Organisation ist in solchen Situationen eben wichtig und es ist nahezu alles zu Fuß zu erreichen.“

"Wir müssen uns einiges gefallen lassen"

Auch Luca Dersch versteht „das ganze Theater“ nicht: „Für Stadtteile außerhalb (zum Beispiel Bauerbach oder Michelbach) ist es blöd, aber in der Innenstadt kann man die meisten Strecken eigentlich laufen. Muss man halt eventuell mehr Zeit einplanen.“ Viele Leser zeigen Verständnis mit den streikenden Busfahrern. „Wieso sollten die Busfahrer nicht streiken?“, fragt Luca Dersch, ebenfalls auf Facebook.

Auch Busfahrerin Monika Carpini meldete sich zu Wort. Sie würde häufig zwölf Stunden arbeiten „und wenn es hoch kommt, bekommen wir acht Stunden davon bezahlt“. „Wir Busfahrer müssen uns einiges­ gefallen lassen und wir tragen­ Verantwortung. Da ist es doch wohl mehr als verständlich, wenn mehr Lohn gefordert wird“, schreibt Carpini.

Verständnis für die Lage der Busfahrer ja, für den Zeitpunkt des Streiks nicht - so ist die Haltung des Stadtelternbeirats, erklärt Wolfram-Alexander Adam, der Vorsitzende angesichts der Aussicht, dass der Streik noch die ganze Woche dauern könnte. „Dann fehlt den Kindern ­eine Woche Unterricht. Die ­Eltern hatten keine Zeit, sich abzustimmen“, sagt Adam.

Je nach Wohnort könnten Schüler weiterführender Schulen durchaus auch zu Fuß zur Schule laufen. Für Grundschüler oder Schüler, die vom Richtsberg zur weiterführenden Schule müssten, sei das nicht zumutbar. Die vielen zusätzlichen Autofahrten der Eltern zur Schule bedeuteten außerdem eine enorme Verkehrs- und Umweltbelastung, sagt Adam.

von unseren Redakteuren

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