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Versicherer fürchtet Luxussanierung

Sanierung des Hochhauses „Am Richtsberg 88“ Versicherer fürchtet Luxussanierung

Für die Schadensregulierung des Hauses „Richtsberg 88“ wurde von der ­Versicherung bereits ein Millionenbetrag gezahlt. Die Allianz ist nun irritiert über die Sanierungs­verzögerung und Klage-Drohungen.

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Für die Sanierung des Hochhauses „Am Richtsberg 88“ ist bereits eine Millionensumme von der ­Allianz-Versicherung in Richtung Studentenwerk Marburg überwiesen worden.

Quelle: Archiv

Marburg. Der Münchener Versicherungskonzern hat bereits im vergangenen Jahr einen Millionenbetrag auf das Konto des Studentenwerks Marburg überwiesen. Die ersten Zahlungen soll es im Oktober 2014 gegeben haben – womit nur noch 
eine Restsumme in niedriger sechsstelliger Höhe zur Deckung des Gesamtschadens offen 
wäre. Entsprechende OP-Informationen hat das Studentenwerk auf Nachfrage bestätigt.

„Wir sehen uns als Partner des Kunden und sind von Beginn an bemüht, alles so schnell wie möglich zu regeln“, sagt Sabine Schaffrath, Allianz-Sprecherin auf OP-Anfrage. Die Versicherung hält die letzte Zahlung offenbar nur zurück, weil das Studentenwerk noch keine endgültige Entscheidung über Sanierung oder Abriss samt Neubau – und etwaiger baulicher Neuerungen – getroffen hat.

Zusätzliche Extras werden zum Streitfall

Das stimme so nicht, entgegnet Franziska Busch, Studentenwerks-Sprecherin. „Unser Wunsch ist, das Haus zu sanieren und damit so schnell wie möglich dem studentischen Wohnungsmarkt wieder zur Verfügung zu stellen. Das wurde auch der Versicherung schon mehrfach und bereits vor längerer Zeit so kommuniziert.“ Eine dementsprechende Baugenehmigung sei ebenfalls bereits vor einem Jahr beantragt worden – das liege der Allianz auch vor.

Ein Streitpunkt scheint zu sein, dass das Studentenwerk im Zuge einer geplanten Sanierung Extras einbauen will, die die Versicherung als unnötigen Zusatz erachtet. Denn es gilt: Solange es keine zwingend geltenden behördlichen Vorgaben gibt – etwa bei der Modernisierung des Brandschutzes – zahlt die Versicherung „das, was nötig ist und eben nicht das, was besser, schöner, teurer ist“, sagt Schaffrath. Beispiel: Sind laut geltender Vorschriften Brandschutztüren verlangt, wird das bezahlt. Nicht aber darüberhinausgehende Schutz-
systeme, etwa automatische Feuerlöscher oder elektronische Rauchabsauger.

Die ausgezahlte Summe richte sich grundsätzlich danach, dass qualitativ nach gleicher Art und Güte gebaut werde wie beim Ursprungshaus. Das beuge Luxussanierungen vor. „Wenn ein Einfamilienhaus abbrennt, kann der Eigentümer danach mit dem Versicherungsgeld keine Villa bauen“, erläutert Schaff­rath. So würden dem Studentenwerk sämtliche Reparaturkosten erstattet – alternativ zur Kostenübernahme für Abriss samt Neubau. Eine Sanierung ist für die Versicherung teurer, sie akzeptiere aber die Entscheidung des Kunden und werde alles zahlen, was sie laut Regularien zahlen müsse.

„Gefahr, auf erheblichen
 Kosten sitzenzubleiben“

Zwei Sachverständige – 
einer von der Versicherung, 
einer vom Studentenwerk beauftragt – haben 2014 Gutachten über den Immobilienwert und die Schadenshöhe erstellt. Diese sind von einer Kommission geprüft und bestätigt worden. Über die Ergebnisse und die Summen ist man sich demnach einig gewesen.

Gezahlt worden sei bislang aber nur für Schäden, die „unstrittig festgestellt wurden“, etwa Evakuierungskosten oder Reinigungsmaßnahmen, heißt es vom Studentenwerk. Aus der Baugenehmigung ergeben sich laut Studentenwerk jedoch Auflagen, die „erhebliche Kosten verursachen“. Diese müsse die Versicherung tragen. Solange das nicht geschehe, „können wir nicht handeln, ohne die Gefahr, auf diesen Kosten sitzenzubleiben“, sagt Busch.

Das sieht die Allianz, die „verwundert“ über die angedrohte Klage ist, anders. Ein Großteil des Geldes sei bereits geflossen, Rechtsanwälte würden nun über die strittigen Positionen verhandeln. Dabei sei die Allianz bereit, prompt die Restsumme zu zahlen, sobald das Studentenwerk sich für den Sanierungsbeginn entschieden habe.

Das Studentenwohnheim wurde bei einem Brand im ­Juni 2014 beschädigt und ist seitdem unbewohnbar. Zum zweiten Jahrestag gab es Proteste gegen die Versicherung – und auch
mein Antrag von Piratenpartei und SPD, der am Mittwoch (17 Uhr) im Sozialausschuss debattiert wird, kritisiert vor allem die Allianz wegen des Stillstands bei der Hochhaussanierung.

von Björn Wisker

 
Zeit- und Neuwert

Versicherungen unterscheiden zwischen der Erstattung des Zeitwerts und des Neuwerts. Beim Zeitwert wird der Wert der Immobilie unmittelbar vor Schadenseintritt – also samt der bis dato geschehenen Abnutzung – ermittelt und erstattet.

Die Erstattung des Neuwerts soll die exakten Bau- und Planungskosten, die vor Ort üblich sind, abdecken. Das Studentenwohnheim ist, wie die meisten vergleichbaren Immobilien, nach Neuwert versichert.

 
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