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Versagen trifft Mut und Nächstenliebe

Bekennende Kirche Versagen trifft Mut und Nächstenliebe

Die Quellensammlung „Kirche im Widerspruch“ beschäftigt sich mit der Bekennenden Kirche Kurhessen-Waldeck in der Nazi-Zeit. Die OP sprach mit Herausgeber Michael Dorhs aus Josbach über die Rolle heimischer Theologen.

Marburg. OP: Was müssen sich die heutigen jungen Generationen unter der Bekennenden Kirche (BK) im Nationalsozialismus vorstellen?

Michael Dorhs: Die „Bekennende Kirche“ war eine oppositionelle Vereinigung vor allem von Pfarrern, aber auch von einfachen Gemeindegliedern, die 1934 gegründet wurde. Knapp die Hälfte der damals 488 kurhessen-waldeckischen Pfarrer zählte sich zu ihr.

Sie kämpfte im sogenannten „Kirchenkampf“ an „zwei Fronten“: Zum einen setzte sie sich gegen die zahlreichen Versuche des NS-Staates zur Wehr, die evangelischen Kirchen - wie auch die Gewerkschaften oder die politischen Parteien - gleichzuschalten und mundtot zu machen. Zum anderen wehrte sie sich gegen die Irrlehren der so genannten „Deutschen Christen“, die (ganz im Sinne der Nazi-Ideologie) ein von allen Bezugnahmen auf das Judentum „gereinigtes“ Christentum und eine „heldische Frömmigkeit“ forderten.

Etliche Männer und Frauen der BK kann man nur sehr eingeschränkt als politische Gegner der Nazis bezeichnen. Aber dass in der Kirche die christliche Verkündigung unverfälscht und unverkürzt zur Sprache kommen sollte, war ihnen so wichtig, dass sie auch zum Teil heftige Auseinandersetzungen mit dem NS-Staat oder der NSDAP in Kauf nahmen. Aus Sicht der Nazis war die BK übrigens durchaus eine widerständige Organisation. Deshalb versuchten sie ja auch, mit allen Mitteln, die öffentliche Rede in der evangelischen Kirche unter ihre Kontrolle zu bekommen.

OP: Die zusammengetragenen Quellen, Briefe, Protokolle und Dokumente zeigen, dass die Bekennende Kirche gerade auch aus unserem Landkreis sehr viele Impulse bekommen hat - etwa durch den Cölber Pfarrer Bernhard Heppe und die Marburger Professoren Hans von Soden und Rudolf Bultmann. Wie lässt sich das erklären? Und: War man hier kritischer als anderswo?

Dorhs: Möglicherweise spielten hier zwei Faktoren eine Rolle: Zum einen gab es in Marburg die Universität mit ihrer evangelisch-theologischen Fakultät und ein entsprechend „studiertes“ Umfeld, das schneller und leichter in der Lage war, „die Geister zu scheiden“.

Die Theologieprofessoren Rudolf Bultmann und Hans von Soden haben schon 1933 die Gefahren erkannt, die Kirche und Christentum durch den Nationalsozialismus drohten. Da viele kurhessische Pfarrer bei ihnen studiert hatten, war ihre Prägekraft groß. Ihr Wort wurde gehört! Hinzu kommt, dass Oberhessen eine starke und tiefe kirchliche Prägung aufwies. Alle Versuche der Nazis, die Kirche in ihrem Sinne umzugestalten, wurden daher von vielen Gemeindegliedern sehr misstrauisch beäugt. Zwar gab es nicht wenige Christen, die gerade in den Anfangsjahren große Sympathien für den Nationalsozialismus hegten, die Übergriffe der Nazis auf die Kirche und ihre Pfarrer aus ihrem Glauben heraus aber strikt ablehnten.

OP: Was ist ihre überraschendste Erkenntnis aus den Quellen für die Bewertung der jüngeren Kirchengeschichte in Kurhessen-Waldeck?

Dorhs: Beeindruckt hat mich das hohe Maß an theologischer Bildung und Sprachfähigkeit vieler Pfarrer. Das wissenschaftliche Handwerkszeug, das sie im Studium erworben hatten, ihre persönliche Frömmigkeit, waren ihnen ganz offenbar sehr hilfreich in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen. Vielen Beteiligten am „Kirchenkampf“ ging es wirklich um „die Wahrheit“ und nicht bloß um eine beliebige Meinungsäußerung. Aus heutiger Sicht bedrückt es mich freilich, dass dieselbe Leidenschaft bei vielen fehlte, als es um Protest gegen die Ausgrenzung von Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche ging oder um zumindest kleine solidarische Gesten gegenüber den verfolgten jüdischen Nachbarn, mit denen man gerade im Marburger Land jahrhundertelang „Tür an Tür“ gelebt hatte.Und mich hat auch noch überrascht, dass die BK alles andere als ein monolithischer Block war. Ihre Pfarrer hatten sehr unterschiedliche, zum Teil völlig gegensätzliche Vorstellungen davon, was und wie eigentlich „Kirche“ sein solle. Entsprechend schwer bis unmöglich war es oft, gegenüber dem NS-Staat und der Kirchenleitung geschlossen aufzutreten.

OP: Wie würden Sie die kurhessischen Kirchenvertreter gegenüber dem Nazi-Regime mit diesem Wissen einordnen (gerade auch die heimischen Vertreter)?

Dorhs: In der jahrelangen Beschäftigung mit den Dokumenten aus Kurhessen-Waldeck habe ich eines gelernt: zurückhaltend zu sein bei einer scheinbar sortenreinen Unterscheidung der Personen und ihrer Handlungen zwischen 1933 bis 1945 in „gut“ oder „böse“, in „richtig“ oder „falsch“.

Natürlich hat es auch bei uns persönliches Versagen, politische Naivität, beschämenden Antisemitismus und schlechte Theologie gegeben.Aber eben auch das Andere: ein leidenschaftliches Eintreten für die Wahrheit des christlichen Glaubens, das es so heute in unserer Kirche nur noch selten gibt. Es war eine Gratwanderung, die vielen kirchlichen Entscheidungsträgern abverlangt wurde.

Nicht wenige von ihnen haben die zum Teil geringen Handlungsspielräume für ihre Kirche und ihren Glauben mutig und klug genutzt. Und eine leider deutlich kleinere Anzahl hat auch über die Grenzen der Kirche hinaus tätige Nächstenliebe praktiziert. Die ersten achte ich in ihren Grenzen. Auf die zweiten bin ich stolz.

von Michael Agricola

Hintergrund: Das Buch

Mit der Zeit des Kirchenkampfes zwischen 1936 bis 1945 in Kurhessen-Waldeck befasst sich eine neue dreibändige Veröffentlichung unter dem Titel „Kirche im Widerspruch“. Aus Originaldokumenten und Quellen lässt sich ablesen, wie sich kurhessische Theologen der sogenannten Bekennenden Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus verhalten haben. Die gesammelten Quellentexte vermitteln einen differenzierten Eindruck der kirchenpolitischen und theologischen Diskussionen in den Jahren des Nationalsozialismus und der Konflikte der Bekennenden Kirche mit dem NS-Staat. Für Herausgeber Dr. Michael Dorhs sind die 246 Dokumente auch für Laien verständlich und könnten deshalb gerade auch im schulischen Unterricht gut eingesetzt werden. Der Theologe Dorhs studierte und promovierte in Marburg. Seit 2012 arbeitet er als Referent für Schule und Unterricht im Landeskirchenamt Kassel. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zur Geschichte der Juden in Nordhessen und lebt im Pfarrhaus in Josbach.

Michael Dorhs (Hg.): „Kirche im Widerspruch“, Verlag der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung Darmstadt, 48 Euro (www.hessische-kirchengeschichte.de)

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