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"Vernehmung lief wie Pingpong-Spiel"

Spionageprozess "Vernehmung lief wie Pingpong-Spiel"

Der Spionageprozess ging gestern weiter: Normalerweise sitzt er rechts im Saal 18 des Oberlandesgerichts (OLG) Stuttgart, gegenüber der Anklagebank. Jetzt aber hat Bundesanwalt Wolfgang Siegmund seine weinrote Robe abgelegt und auf dem Zeugenstuhl Platz genommen. Der Ankläger soll vor dem 4. Strafsenat über die Vernehmung Andreas Anschlags aussagen, der zusammen mit seiner Frau Heidrun wegen Spionage für den russischen Auslandsgeheimdienst SWR angeklagt ist.

Stuttgart. „Die Vernehmung verlief wie ein Pingpong-Spiel“, sagt Siegmund. Andreas Anschlag, dessen wahre Identität nicht einmal seine Verteidiger kennen, habe ganz ruhig gesagt, er habe niemals zum Schaden der Bundesrepublik Deutschland gearbeitet. „Deutsche Produktionskultur“ habe er im Auftrag seines Arbeitgebers, eines schwäbischen Industrietechnikunternehmen, exportiert, sonst nichts. Von einer Agententätigkeit wisse er nichts. Das sehen der Verfassungsschutz und die Bundesanwälte ganz anders. Rund 20 Jahre lang soll das Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und zuletzt aus seinem Haus im Marburger Ortsteil Michelbach geheime Botschaften an den SWR gefunkt haben. Die Beweislage scheint gut zu sein. Bei der Durchsuchung des schmucken Einfamilienhauses in Michelbach stellten die Ermittler unter anderem aussagekräftiges Material wie USB-Datenträger, eine Funk- und Satellitenausrüstung und einen Rückzugsplan sicher. Selbst der Code, mit dem das Paar geheime Nachrichten an seine Führungsstelle übers Internet geschickt haben soll, wurde entschlüsselt.

Die Angeklagten, ausgestattet mit falschen österreichischen Pässen, schweigen zu den schweren Vorwürfen, die ihnen bis zu 10 Jahre Gefängnis einbringen könnten. Woher aber hatten sie ihre Informationen? Hier kommt ein schillernder Diplomat mit Namen Raymond P. ins Spiel. Der 60-Jährige war bis zu seiner Festnahme am 24. März vorigen Jahres Beamter des niederländischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten in Den Haag. Der Vater zweier Kinder soll hoch verschuldet sein. Es heißt, er sei spielsüchtig, was ihn zum idealen Kandidaten für den russischen Geheimdienst gemacht hat. Allein, wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein angeblich biederes Ehepaar regelmäßig mit einem holländischen Diplomaten trifft, um intime Details über dessen Kollegen zu erfragen? Der Prozess wird am 31. Januar fortgesetzt.

von George Stavrakis

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