Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Gewitter

Navigation:
Verliert Europa heute einen Stern?

Brexit-Referendum Verliert Europa heute einen Stern?

Die Inselbewohner sind uneins. Egal, ob sich heute nun die EU-Gegner oder -Befürworter durchsetzen – die Stimmung bei den Briten bleibt aufgeladen. Die OP hat sich im Landkreis umgehört und
Meinungen gesammelt.

Voriger Artikel
„Trixi“ und ihre fünf „Jungs“
Nächster Artikel
Drogenhändler sticht mit Nagelschere zu

Bürger aus Marburg und dem Landkreis äußern sich zum drohenden EU-Austritt der Briten

Quelle: Jan Pultin

Marburg. Fast jeder hat eine Meinung zum Thema Brexit. Zumindest auf der größten europäischen Insel. Unmittelbar vor der Volksabstimmung über einen möglichen EU-Austritt von Großbritannien äußern sich auch Menschen aus dem Landkreis, die einen Bezug zu Großbritannien haben, zu dem Thema der Stunde .

„Mir fehlt eine klare Debatte mit ausreichender Information zwischen den beiden Camps und ausgewogener Berichterstattung der Medien“, sagt die gebürtige Engländerin Dinah Hirsch. „Natürlich ist in der EU nicht alles super, aber ich wünsche mir von Herzen, dass Großbritannien drin bleibt, mitgestaltet und zur künftigen Verbesserung des Systems beiträgt.“

Dinah Hirsch lebt seit nunmehr 17 Jahren in Deutschland. In dieser Zeit habe sie viel über die deutsche Mentalität gelernt, über die Kultur und die Sichtweise auf Europa und den Status der Briten. „Mittlerweile hat sich mein Blickwinkel über meine Heimat geändert“, sagt sie. „Es hat mich schockiert und traurig gemacht, dass es zu einem Mord gekommen ist im Rahmen der Debatte über dieses Referendum. Ich glaube, die Bevölkerung wurde zu spät und zu wenig informiert über die Fakten auf beiden Seiten.“

Europa: „ein großer Club“

„Europa ist ein großer Club und wir gehören da rein. Es gibt Vorteile und Nachteile, das ist klar. Aber die Vorteile überwiegen die Nachteile“, sagt Trevor Rigby.

Der Trainer, der für den Oberhessischen Golf-Club Marburg tätig ist, lebt seit 29 Jahren in Deutschland. Dennoch hat Rigby auch noch Wahlrecht auf der Insel, da er noch einen Wohnsitz in England hat, zu dem er pendelt. „Das wäre ein Eigentor.“ Kreishandwerksmeister Rolf Limbacher vertritt eine ganz klare, pro-europäische Meinung, wenn es um das Thema Brexit geht: „Sonst wäre ich nicht hier. Ich bin bekennender Royalist, aber für England gäbe es keine Chance ohne die EU – das wäre ein Eigentor.“ In einer solchen Situation sollte man eher vernünftig sein und zusammenstehen und nicht gegeneinander arbeiten“, ist sich Limbacher (Foto: Nadine Weigel), der britische Wurzeln hat, sicher.
Ein sehr emotionales Thema

„Als jemand, der in England studiert hat, mindestens einmal im Jahr in England ist und somit die Menschen dort inzwischen besser kennt, wage ich dennoch kein klares Urteil darüber, wie die Wahlen ausgehen werden“, sagt der Marburger Professor Heinz Stoffregen (Foto: Archiv). „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Engländer eigentlich sehr pragmatisch sein können und rationalen Argumenten gegenüber zugänglich sind. Allerdings zeigen sich gerade bei nationalenFragen plötzlich sehr emotionale Reaktionen.“

Die Befürworter des gemeinsamen Europas sähen hingegen nur sachliche Vorteile, die gegen den Brexit sprechen würden, ist sich Stoffregen sicher. Daher befürchtet der Richtsberger Kommunalpolitiker, dass sich das Ergebnis sehr schlecht vorhersagen lässt. Stoffregen geht von einer hohen Wahlbeteiligung aus, da das Thema viele Menschen in Großbritannien emotional bewege.

Brexit wird Folgen haben

Auch seine Ehefrau und Vorsitzende des Freundeskreises Marburg-Northampton Christa Stoffregen  hat eine klare Einstellung zum Referendum. „Ich bin natürlich für das Drinnenbleiben. Gestern Abend hatten wir noch eine Mitgliedsversammlung und die Stimmung stand auch dort so, dass die Mehrheit dafür war, drin zu ­bleiben. Die Engländer sehen die Nachteile, die durch den Brexit entstehen, nicht“, so Christa Stoffregen.

Ebenfalls Mitglied dieses Freundeskreises ist Jane Lawrence. Auch sie ist gegen einen möglichen Brexit: „Großbritannien sollte in der EU verbleiben. Diese Sache ist von großer ökonomischer und kultureller Bedeutung“, meint die gebürtige Britin. In ihrer Heimat Northampton setzt sich Lawrence für Städtepartnerschaften wie die zu Marburg ein. Solche Partnerschaften seien eine Bereicherung für Ältere und Jüngere. Nun sollten aber besonders die älteren Menschen, die sich zumeist für einen Brexit einsetzen würden, bedenken, welche Folgen der Austritt für die nachfolgenden Generationen haben würde.

Ein weiterer Kontakt im Freundeskreis Marburg-Northampton ist der englische Anwalt Tony Bullen. Seiner Meinung nach würde ein Beschluss für den Brexit eventuell unwiderrufliche Folgen nach sich ziehen. Bullen weiß um die Unzulänglichkeiten der europäischen Gemeinschaft, dennoch spricht er sich dafür aus, „lieber einer Sache zu vertrauen, die man kennt, als sich in etwas Ungewisses zu stürzen“.

Gefahr für die Wirtschaft

„Unsere Wirtschaft ist fragil.Wir wissen nicht, was dieser große Umbruch bewirken würde.“ Bullen geht davon aus, dass es eine deutliche Einschränkung für die britischen Unternehmen, die sich auch auf den Export konzentrieren, geben würde: „Gerade in einer globalisierten Zeit.“ Ein immer wiederkehrendes Argument der Brexit-Befürworter sei, so Bullen, die Angst vor Überfremdung. Es sei ein Leichtes zu behaupten, die Europäer würden den Briten die Jobs wegnehmen. Viel mehr sei es so, dass gerade die Arbeiten von Emigranten übernommen würden, für die sich keine Einheimischen interessierten. Als Beispiel nennt Bullen Krankenhäuser, in denen häufig indische, polnische oder auch spanische Facharbeiter das Fehlen einheimischer Kräfte ausgleichen würden.

Wer darf wählen?
Nach Angaben der Wahlkommission dürfen beim EU-Referendum heute Briten, Iren und Commonwealth-Bürger wählen, die über 18 Jahre alt sind und im Vereinigten Königreich leben. Es gelten die gleichen Bestimmungen wie bei Parlamentswahlen – mit einer Ausnahme: Auch die Bürger Gibraltars, die EU-Wahlrecht besitzen, dürfen mitentscheiden. Bürger aus EU-Staaten dürfen nicht wählen – mit Ausnahme von Einwohnern aus den Commonwealth-Staaten Malta und Zypern, sofern sie im Vereinigten Königreich leben. Iren, die in Großbritannien wohnen, dürfen aufgrund eines Sonderstatus mitentscheiden. Die Wähler müssen sich vor dem Urnengang registriert haben. Bisher ist von 45 Millionen registrierten Bürgern die Rede. Auch Briten in Übersee dürfen wählen, wenn ihre Namen in den vergangenen 15 Jahren im Register für Parlamentswahlen standen.

von Florian Bernhardt und Dennis Siepmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr