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Verlacht, verhöhnt, verspottet

Mobbing Verlacht, verhöhnt, verspottet

Ob Grundschule oder Altersheim - Mobbing gibt es überall. In fast jedem Alter, quer durch alle sozialen Schichten tritt das Phänomen auf. Hilfesuchende finden Rat im Gap-Zentrum.

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Die Erziehungsberaterin Ulrike Heinemann und der Diplom-Psychologe Dennis Danner in den Räumlichkeiten des Gap-Zentrums in Marburg.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Oft beginnt es mit Getuschel hinter vorgehaltener Hand. Das Opfer bemerkt die abwertenden Blicke. Es kommt zu offenen Beschimpfungen. Nach und nach entsteht eine Atmosphäre der Feindseligkeit. Mobbing kennt kein Alter, keine gesellschaftliche Zuordnung.

Die Betroffenen kämpfen mit den ständigen Anfeindungen und Leiden häufig im Stillen. Fälle von Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Das Phänomen ist weit verbreitet und erfordert eine adäquate Aufarbeitung - am besten von geschultem Personal. An dieser Stelle kommen Ulrike Heinemann und Dennis Danner ins Spiel. Die Erzieherin und der Diplom-Psychologe sind Experten, wenn es um das Thema Mobbing geht. Im Gap-Zentrum (Gesellschaft für angewandte Psychologie) in Marburg finden sich Hilfesuchende ein. Oft sind es Eltern, die merken, dass etwas mit ihren Kindern nicht stimmt. Eine Folge von Hänseleien oder fortwährenden Demütigungen.

Den Täter schlicht abzuwerten greift zu kurz

Per Definition ist Mobbing keine Aktion, die von nur einer Person ausgehend stattfindet (siehe Hintergrundkasten). In der Regel herrscht eine Gruppendynamik vor, bei der sich ein einzelner als Rädelsführer präsentiert. Immer gibt es Mitläufer, erklärt Ulrike Heinemann. Um die Mechanismen des Mobbings zu verstehen, sei es unbedingt notwendig, sich auch mit dem Täter zu beschäftigen, sagt Heinemann. Denn sein Verhalten spiegele auch immer einen Teil seiner eigenen Gefühlswelt wider. „Oft verkörpert das Opfer Werte, nach denen sich der Täter insgeheim sehnt, aber selbst nicht erfährt“, sagt Heinemann.

Psychischer und physischer Druck ist enorm

Kommt der Aggressor aus problematischen Familienverhältnissen wird sich sein Frust am ehesten bei einem Opfer entladen, das sich in einem intakten Familienumfeld befindet. Tritt Mobbing bei Erwachsenen auf handelt es sich häufig um eine Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz, sagt Dennis Danner. Der Täter kämpft mit seinen eigenen Lebensumständen - es geht nicht darum irgendjemanden schuldig zu sprechen, fügt Heinemann hinzu. Dieser Umstand hilft zu verstehen, warum Mobbing entsteht, täuscht jedoch nicht darüber hinweg, wie stark die Betroffenen unter den psychischen und physischen Übergriffen leiden. Kinder haben Angst in die Schule zu gehen, Erwachsene bekommen Panik vor jedem neuen Arbeitstag.

Und der Weg hinaus aus dieser Spirale der Gewalt und Erniedrigung? Laut Heineman und Danner besteht die Lösung in der Selbstbejahung - ob nun Kind oder Erwachsener. „Es geht immer um den Schutz der Würde des Individuums. Mobbing ist der Angriff auf diese Würde“, sagt Danner. Im Gap-Zentrum versucht man dem Mobbing-Problem mit Hilfe eines „integrativen Systems“ zu begegnen. Das bedeutet, dass sich die Mobbing-Opfer zunächst mit ihren eigen Empfindungen beschäftigen, bevor es um die Übergriffe geht. „Innerhalb unserer Gesellschaft tendiert man dazu, alle hässlichen Gefühle wegzudrängen. Dabei ist es aber wichtig, genau diese Stimmungen und Gefühle zuzulassen und zu hinterfragen“, sagt Heinemann. Die Frage lautet dann: „Warum tut mir das gerade so weh?“

Keinesfalls darf es so weit kommen, dass sich die Betroffenen aufgeben und in die Opferrolle einfinden, bekräftigt Heinemann. Besonders schlimm sei es, wenn Kinder keine Lösung für ihr Problem sehen und sich in ihr Schicksal ergeben, frei nach dem Motto: „Ich bin jemand, der hier einfach nicht reinpasst“, sagt Heinemann.

Das Selbstwertgefühl steigern. Lebensmut schöpfen - darum geht es den Mitarbeitern im Gap-Zentrum. Finden die Opfer zu sich selbst, entwickeln sie auch eine eigene Wertschätzung. Ein Weg aus dem Mobbing-Teufelskreis wird greifbar, wenn sich auch das Umfeld einschaltet - wenn Lehrer, Eltern, Arbeitskollegen und Vorgesetzte aktiv werden. Kein Bagatellisieren, sondern das offene Gespräch suchen, lautet der eindringliche Appell von Danner und Heinemann. Schweigen ist in diesem Fall nicht Gold wert - Schweigen bedeutet ein stilles Hinnehmen der Situation. Aber nur im Diskurs lassen sich die Probleme lösen.

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