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Podiumsdiskussion

„Verkehrskonzepte werden sich ändern müssen“

74 Schüler des Landschulheims Steinmühle in Cappel bereiteten sich wochenlang auf das Thema „Verkehr in Marburg“ vor, um es mit Vertretern verschiedener Interessengruppen zu diskutieren.
Auch wenn er längst nicht so angenommen wird, wie gewünscht: Der Fahrradbus auf die Lahnberge – hier kurz vor seiner Jungfernfahrt am Erlenring – symbolisiert die beiden bevorzugten Verkehrsmittel junger Leute in der Stadt. Archivfoto: Thorsten Richter

Auch wenn er längst nicht so angenommen wird, wie gewünscht: Der Fahrradbus auf die Lahnberge – hier kurz vor seiner Jungfernfahrt am Erlenring – symbolisiert die beiden bevorzugten Verkehrsmittel junger Leute in der Stadt.

© Thorsten Richter

Marburg. Lange galt das Auto als nahezu alternativlos, doch immer mehr, vor allem junge Menschen, steigen lieber aufs Rad oder fahren mit dem Bus. Verkehrsplaner müssen sich diesem Trend beugen, wenn sie Städte lebenswert gestalten wollen.

Um ihre Interessen zu artikulieren sind gerade Veranstaltungen wie diese da, bei denen junge Leute mehr über Verkehrsplanung erfahren und die Verkehrsplaner mehr über die Bedürfnisse der Jungen, denen „das Handy wichtiger ist als das Auto“, wie es Wolfgang Schuch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club Marburg-Biedenkopf ausdrückte.

„Verkehrskonzepte werden sich ändern und ändern müssen. 2 Prozent der Studierenden, aber 40 Prozent der Uni-Mitarbeiter benutzen das Auto, um auf die Lahnberge zu gelangen“, sagte Schuch. Er sehe eine Tendenz zugunsten des ÖPNV und des Fahrrads im Verkehr. Dennoch sei das Verkehrskonzept noch auf Autos als vorrangiges Verkehrsmittel ausgelegt. Dem stimmte Jonathan Schwarz zu, der für die Marburger Linke im Verkehrsausschuss der Stadt sitzt. Er ging sogar noch weiter und favorisierte eine autofreie Innenstadt nach Osloer Vorbild.

"Das Auto ist unabdingbar für Unternehmen"

Dieser Vorschlag bekam Gegenwind vonseiten der Unternehmervertreter. Christian Großmann vom Werbekreis Nordstadt und Jan-Bernd Röllmann, Stadtmarketingkoordinator und Vertreter des Arbeitskreises für Kommunal- und Wirtschaftsfragen, sähen durch ein Autoverbot vor allem die kleinen Unternehmen in Gefahr.

„Das Auto ist unabdingbar für Unternehmen“, lautet ihre Meinung. Dennoch sei es im Interesse der Stadt, so Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), dass möglichst wenig Autos auf den Straßen unterwegs sind, die den Verkehr aufhalten.

Es gebe täglich 25 000 Einpendler sowie 10 000 Menschen, die zwischen Innenstadt und Lahnbergen pendeln, so der OB. Laut Christoph Rau von den Stadtwerken nutzen jährlich 16 Millionen Menschen den ÖPNV, von den rund 26 000 Studierenden müsse ein Großteil zu den Gebäuden auf den Lahnbergen.

Das mache die Verkehrsführung „in einer kleinen, engen Stadt zwischen zwei Bergen“ nicht einfach. Daher werde innerhalb der nächsten fünf Jahre ein neuer Nahverkehrsplan erarbeitet, so Rau.

Oberbürgermeister wünscht sich Elektrobusse

Die Stadtautobahn trage laut Hannes Kleinhenz von der Bürgerinitiative Stadtautobahn erheblich zu Gesundheitsschäden bei. Die Stickoxidwerte in der Stadt lägen über den erlaubten Werten, sodass zum 1. April die Umweltzone eingeführt werden musste. Dabei störte sich Spies an der Durchsetzung durch das Umweltministerium, da sie für viele Bürger trotz zahlreicher Bekanntmachungen in der OP und bei der Stadt zu schnell gekommen sei. „Veränderungen brauchen Zeit“, sagte auch Großmann, wobei er speziell die Unternehmen bedachte. Problematisch bei der Umweltzone sei allerdings, dass die Stadtautobahn von der Regelung ausgenommen ist, obwohl dort das größte Verkehrsaufkommen herrscht.
 

Ein Schüler fragte nach einer Übertunnelung der Stadtautobahn. Dazu Spies: „Wir streben diese an oder auch einen unterirdischen Tunnel, die Verhandlungen mit Bund und Land laufen bereits.“ Dennoch wäre dies mit mindestens 500 Millionen Euro sehr kostspielig. Zudem würde eine Einhausung  sehr hoch gebaut werden müssen, was das Stadtbild verschandeln könnte. Bis dahin will Spies ein Tempolimit von 60 bis 80 Kilometern pro Stunde durchsetzen, besseren Schallschutz aufbauen sowie das Verkehrsaufkommen reduzieren.

Damit einhergehen soll auch ein Umstieg auf Elektromobilität. „Ich möchte in Marburg Elektrobusse fahren sehen. Die machen keinen Lärm und sind nicht gesundheits- oder umweltgefährdend“, sagte Spies. Der Forderung Schuchs, Elektrofahrräder finanziell zu fördern, entgegnete der OB, dass dies keinen Sinn ergebe, da Anreize für eine fahrradfreundlichere Stadt mit mehr Fahrradwegen und Aufladestationen mehr Erfolg bringen werde.
„Wahrscheinlich lag es an der Aufregung“, denn es kamen nur vereinzelt Fragen der Schüler.

Anders konnte sich die verantwortliche Politik- und Wirtschafts-Lehrerin Carmen Bastian die Zurückhaltung ihrer Schüler nicht erklären. Derlei Podiumsdiskussion gibt es in der Steinmühle schon seit 15 Jahren, seit 10 Jahren leitet Bastian die Vorbereitungen dazu. Im Fach PoWi suchten sich die Schüler das diesjährige Thema „Verkehrspolitik in Marburg – neue Wege gehen“ aus. Moderiert wurde die Veranstaltung von Sam
Tadjiky und Felix Farsch.

von Yannic Bakhtari


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