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Verkehrs-Fans retten Stück Geschichte

Straßenbahn Verkehrs-Fans retten Stück Geschichte

Historischer Fund in der Universitätsstadt: Am Rudolphsplatz sind bei Bauarbeiten alte, verloren geglaubte Straßenbahnschienen freigelegt worden. Verkehrsgeschichtler schätzen ihr Alter auf mehr als 100 Jahre.

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Ein eineinhalb Meter langes, rund 100 Jahre altes Gleis-Stück der Marburger Straßenbahn hat Hermann Gräser (rechts) aus dem Boden am Rudolphsplatz geholt, Martin Klehm besitzt drei weitere ähnlich große.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Bauarbeiter einer Kirchhainer Firma haben die Schienen 70 Zentimeter unter der Asphaltdecke entdeckt. Unmittelbar vor dem Alten Brauhaus holten sie mehrere hunderte Kilo schwere Schwellen aus der Erde.

„Das ist schon ein außergewöhnliches Ereignis, immerhin ging in der Stadt jeder davon aus, dass alle Überreste längst entfernt worden sind“, sagt Hermann Gräser. Der Hobby-Eisenbahner bekam den Fund als erster mit, verständigte daraufhin den Verein Marburger Nahverkehrsgeschichte. „Ich hätte nie gedacht, dass hier mitten unter uns jemals noch so etwas zum Vorschein kommt“, sagt Gräser.

Nach der Abschiedsfahrt der Straßenbahn am 17. Mai 1951 wurden die Schienen, die zwischen Hauptbahnhof und Gisselberger Straße überall in Pflastersteine eingelassen waren, flächendeckend herausgerissen – davon ging die Literatur, gingen Heimatgeschichtler bislang aus. Zuletzt wurden Gräser zufolge ausrangierte  Fragmente Anfang der 1990er-Jahre auf dem ehemaligen Depot in der Gisselberger Straße gefunden. Die Entdeckung am Rudolphsplatz ist jedoch der bedeutendste Fund seit Kriegsende.

1911 ging die Straßenbahn in Betrieb, zunächst mit fünf, ab 1912 mit zehn Wagen. Zum 400. Geburtstag der Universität 1927, kamen Großraumwagen hinzu – „die im Volksmund Marburger U-Bahn genannt wurden“, sagt Martin Klehm vom Verein Nahverkehrsgeschichte. Die Bahnen fuhren einspurig durch die Stadt, in Nord- und Südrichtung. Wann immer ein Waggon entgegenkam, zwängten sie sich an einigen Ausweichstellen – etwa nahe der Elisabethkirche – aneinander vorbei. „Wenn da mal ein Schaffner den Kopf rausgestreckt hätte, wäre der ab gewesen“, sagt Gräser, der eine Kindheitserinnerung schildert: einmal habe er den Wagen 10 lenken, das Pedal treten dürfen.

Eine Fahrt auf der Innenstadtachse Hauptbahnhof–Pilgrimstein–Rudolphsplatz–Wilhelmsplatz kostete anfangs 10 Pfennig, nach der Währungsreform 1923 stieg der Preis binnen eines Dreivierteljahrs von 25 auf 200 Millionen Mark.

Der Verein möchte einen Teil des Funds ausstellen, eventuell im Stadtwerke-Kundenzentrum. „Diese Schienen sind ja ein Stück lokaler Nahverkehrsgeschichte“, sagt Klehm. „Weggeworfen werden die Schätze sicher nicht“, sagt Albert Thöne, ebenfalls Nahverkehrsgeschichtler.

Die Experten vermuten nun, dass auch an anderen Stellen – speziell in den Kurven und Engstellen – wie etwa am Lahntor noch Gleise liegen.

von Björn Wisker

Rückblick

  • 1911, am 23. November wird die elektrische Marburger Straßenbahn in Betrieb genommen – zum größten Teil fährt sie auf dem alten Gleis der Pferdebahn. Die Fahrtzeit zwischen Hauptbahnhof und Wilhelmsplatz, einer Strecke von rund drei Kilometern, lag bei etwas mehr als einer Viertelstunde. Geplant wurde der Bau der elektrischen Bahn ab 1906.
  • 1912 wird die Zahl der Straßenbahnwagen von fünf auf zehn verdoppelt.
  • 1913, im April wird eine Straßennbahnstrecke in der Oberstadt eröffnet. Da sie sich nicht rentierte, wird der Betrieb am 1. August 1914 eingestellt.
  • 1927 werden anlässlich des 400. Universitätsgeburtstags sogenannte Großraumwagen in Dienst gestellt, die mehr Personen befördern konnten, da die Passagierzahlen kontinuierlich stiegen.
  • 1941 beschließt die Stadt Marburg, den Straßenbahnbetrieb perspektivisch einzustellen.
  • 1951, am 17. Mai gibt es die Abschiedsfahrt der Straßenbahn, die Wagen wurden verschrottet oder verkauft, Gleise  demontiert.
  • Zwei Tage nach der letzten Fahrt nehmen Oberleitungsbusse den Betrieb auf. Sie fuhren auf der weitgehend gleichen Strecke wie die Straßenbahn.
  • In einer Einfahrt am Wilhelmsplatz ist heute das letzte Stück der Pferdebahn (ab 1903) zu sehen.
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