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Verjüngungskur für die Wahllisten

Kommunalwahl Verjüngungskur für die Wahllisten

Der Durchschnittskandidat für die Kreistagswahl ist 53 Jahre alt. Die OP stellt sechs junge Menschen unter 30 Jahren vor, die den Schnitt ihrer Listen nach unten drücken.

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Marburg. Der stereotypische Politiker ist wohl ein Mann im mittleren Alter. Er trägt einen großen Stapel Akten mit sich herum, wirkt ein wenig gestresst und ist gekleidet mit einem schlecht sitzenden Anzug. Ein Blick auf das Durchschnittsalter der Kandidaten auf den Listen für die Kreistagswahl könnte darauf schließen lassen, dass dieses Bild zumindest was Alter und Geschlecht angeht, zutrifft.

Der Mittelwert aller Altersangaben auf der Liste beträgt gerundet 53 Jahre. Vereinzelt haben die Parteien aber auch junge Kandidaten aufgestellt, die den Altersdurchschnitt ihrer Listen etwas senken. Außer bei den Piraten gibt es auf jeder Liste mindestens einen Kandidaten unter dreißig Jahren. Was motiviert und bewegt die jungen Menschen zu ihrem politischen Engagement und was wollen sie damit erreichen?

Bei den Linken tritt die 25-jährige Elisabeth Kula (Privatfoto) aus Marburg zur  Kreistagswahl und zur Wahl der Stadtverordnetenversammlung Marburg an. Kula studiert Politikwissenschaft, und die politische Arbeit macht ihr Spaß, weil „man ganz unterschiedliche Menschen und Lebenswelten kennenlernen kann“. Selbst wenn man nur kleine Dinge erreicht, lohnt sich der Einsatz, findet sie. „Wenn man solidarisch zusammenarbeitet, kann man Sachen bewegen, die den Lebensalltag der Menschen verbessern“, sagt Kula, die sich besonders für Sozialpolitik interessiert.

Christian Schmidt (Foto: Tobias Hirsch) ist 24 Jahre alt, seit 2012 bei den Grünen aktiv und geht für den Kreistag und die Stadtverordnetenversammlung ins Rennen. „Eine demokratische Gesellschaft funktioniert nicht ohne Engagement“, erklärt Schmidt seine Beweggründe. Die inhaltliche Auseinandersetzung und der Austausch mit anderen auch über Parteigrenzen machen den Reiz aus. Auf kommunaler Ebene befasst er sich gerne mit den Themen Wohnraum und Mobilität. „Man kann sich nicht immer nur beschweren. Wenn man konkrete Vorschläge hat, sollte man auch aktiv werden“, ermutigt Schmidt, der ebenfalls Politikwissenschaften studiert.

Für die SPD kandidiert Nina Bojan (Privatfoto) auf der Kreistagsliste und für den Ortsbeirat Marburg-Süd. Die 25-Jährige engagiert sich seit 2013 bei der SPD. Dazu treibt sie ihr „ausgeprägter Sinn für Fairness und Gerechtigkeit“. Besonders möchte sich die Politikwissenschafts-Studentin für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzen. Da gebe es auch im Landkreis noch Nachholbedarf. „Ich war noch nie gut im Stillhalten – deshalb will ich nun auch als Kreistagsmitglied einen aktiven Part in der Gestaltung spielen“, sagt Bojan.

Eric Bangert (Privatfoto) aus Emsdorf ist 19 Jahre alt und tritt für die CDU bei der Wahl zum Kreistag und die Stadtverordnetenversammlung Kirchhain an. Bevor er Mitte des vergangenen Jahres der Union beigetreten ist, war er bereits seit 2012 in der Jungen Union Ostkreis aktiv. „Ich finde es interessant, mich mit Problemen differenziert auseinanderzusetzen“, sagt Bangert. Er will dafür eintreten, dass der Landkreis für die jungen Menschen attraktiv bleibt, und zeigen, dass Kommunalpolitik etwas bewirken kann. „Manchmal wird man etwas komisch angeschaut, wenn man politisch aktiv ist, aber etwas Negatives habe ich noch nicht erlebt“, sagt Bangert. Der 19-Jährige ist im ersten Semester seines dualen Studiums in Wirtschaftsinformatik.

Lisa Freitag (Foto: Tobias Hirsch) steht auf der FDP-Liste für den Kreistag und die Stadtverordnetenversammlung Marburg. Die 22-Jährige findet, „politisches Engagement lohnt sich für junge Menschen auf jeden Fall“, man brauche nur einmal auf die Wahlplakate zu schauen. Darauf seien meistens Menschen, „die alle meine Eltern oder Großeltern sein könnten. Können die meine Interessen vertreten?“ Die Jurastudentin fühlt sich näher an der Lebenswelt junger Menschen, betont aber auch, ein gemischtes Bild sei wichtig: „Pluralität ist wichtig, was das Alter angeht oder die verschiedenen Berufe.“ Politisch interessiert sich die Nachwuchspolitikerin für die Infrastruktur. „Ich verstehe nicht, dass da nicht mehr auf die Palme gehen.“ Marburg sei da einfach nicht alltagstauglich, was Parken und Verkehr angeht.

Eric Markert (Privatfoto) ist mit 18 Jahren der jüngste Bewerber um ein Kreistagsmandat und tritt als Kreisverbandsvorsitzender der AfD an. Er hat sich im August 2013 diese Partei aufgrund ihres „gesellschaftspolitisch-konservativen und wirtschaftsliberalen Profils“ ausgewählt, wie er es beschreibt. Neben mehrheitlich verständnisvollen Reaktionen erfahre er manchmal auch Gegenwind, „weil die AfD in den Medien immer als rechtspopulistisch bezeichnet wird“. Er versuche dann, mit dem Parteiprogramm zu kontern.

Wie genau er „konstruktiv an der Problemlösung der verschiedenen politischen Probleme im Kreis mitarbeiten möchte“, erklärte Markert nicht, man müsse sich erstmal „als Polit-Neuling akklimatisieren“. Neben seinem politischen Engagement bereitet sich Markert gerade auf seine Abiturprüfungen vor.

Die meisten jungen Leute stehen auf der CDU-Liste

Fast alle Parteien setzen also auf den Nachwuchs. Während sich die einzelnen Listen beim Altersdurchschnitt nicht viel geben, weicht die Anzahl der Kandidaten unter 30 Jahren schon etwas deutlicher ab (siehe Grafik). Die CDU hat mit zwölf Kandidaten die meisten unter 30-Jährigen. Dahinter die Linken mit zehn, die SPD mit acht, AfD mit sieben, FDP mit sechs. Die Grünen haben fünf Kandidaten unter 30 Jahren auf ihrer Liste, die Freien Wähler lediglich einen.
Viele der jungen Kandidaten könnten nach der Wahl erstmals in ein Parlament einziehen. Für Neulinge stellt Kreistagsvorsitzender Detlef Ruffert eine Schulung zu den Abläufen parlamentarischer Arbeit in Aussicht, für den Fall seiner Wiederwahl.

von Philipp Lauer

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