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Verhandlung spitzt sich auf Totschlag-Verdacht zu

Prozess gegen Messerstecher Verhandlung spitzt sich auf Totschlag-Verdacht zu

Eine Messerattacke, die gerade noch halbwegs glimpflich ausging, brachte einen Marburger vor das Amtsgericht. Die Richterin vermutete eine versuchte Tötung und verwies den Fall an die nächsthöhere Instanz.

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Ein 46-jähriger Marburger soll auf einen Nachbarn mit einem Messer eingestochen haben.

Quelle: Archiv

Marburg. Anfang Juni vergangenen Jahres kam es zwischen dem 46-jährigen Angeklagten und einem Nachbarn zu einer handfesten Auseinandersetzung. Beide Männer trafen im Treppenhaus des gemeinsamen Wohnhauses in Marburg aufeinander.

Während der folgenden Schlägerei attackierte der stark alkoholisierte Angeklagte den Nachbarn urplötzlich mit einem Messer und stach ihm in die linke Schulter, so die Anklage. Der Geschädigte erlitt eine drei bis vier Zentimeter breite Stichverletzung, die ihm bis heute Schmerzen bereitet. Durch seine Gegenwehr wurde auch der Angreifer verletzt, er zog sich mehrere blutende Wunden zu. Beide Männer mussten im Krankenhaus behandelt werden. Vor Gericht schilderten sie die Auseinandersetzung sehr unterschiedlich. Nicht er habe die Rangelei ausgelöst, sondern der Nachbar, gab der Angeklagte an. Mehrfach habe der Nebenkläger ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen, ihn zu Boden geworfen und seinen Kopf gegen die Wand gerammt.

Daraufhin verlor er das Bewusstsein, könne sich an das weitere Geschehen nicht mehr erinnern. „Ich habe ihn nicht angerührt, mich nicht mal gewehrt. Er hat mich verprügelt“, betonte der Beschuldigte. Selbst attackiert habe er den Nachbarn nicht, „ein Messer war nicht im Spiel“, bestritt der Mann die Vorwürfe.

Dies sah der Geschädigte vollkommen anders. Der pöbelnde Nachbar habe ihn angegriffen und schwer verletzt, berichtete der Zeuge vor Gericht.

Beide Männer fielen die Treppe hinunter

Der im Haus bereits als aggressiv bekannte und betrunkene Angeklagte hatte an dem Abend an seine Wohnungstür geklopft und wollte mit ihm angeblich „was saufen“. Als der 46-Jährige versuchte, unaufgefordert in die Wohnung zu gelangen, drängte der Zeuge den Betrunkenen zurück in den Flur und drückte ihn gegen das Treppengeländer, erklärte der Geschädigte.

Während des folgenden Streits sei der wütende Nachbar einige Stufen hinaufgestiegen und habe plötzlich, aus der erhöhten Position heraus mit einem Messer in seine Schulter gestochen. Daraufhin schlug der Getroffene zu, nahm den Angreifer in den Schwitzkasten und beide fielen die Treppe hinunter. Dabei sei der Angeklagte mit dem Kopf aufgeschlagen und bewusstlos geworden, erklärte der Zeuge dessen Verletzungen.

Er war sich absolut sicher, dass der Angreifer ihn gezielt mit der Klinge im Hals treffen wollte. Nur durch ein schnelles Ausweichmanöver und seine Gegenreaktion sei Schlimmeres verhindert worden. „Hätte er die Gelegenheit gehabt, er hätte noch mal zugestochen“, betonte der Zeuge aufgebracht.

Die Beweisaufnahme vor Gericht gestaltete sich zeitweise kompliziert, intensiv studierten die Prozessbeteiligten wiederholt die Tatortfotos, die eine Menge Blutspuren im gesamten Treppenhaus dokumentieren. Dass diese ausschließlich von einer geringfügigen Verletzung des Angeklagten stammen sollten, konnte das Gericht nicht glauben. „So viel Blut von einer kleinen Wunde – das ist doch sehr zweifelhaft, was sie hier erzählen“, kritisierte Strafrichterin Dr. Antonia Wetzer. Als besonders aussagekräftig erwies sich ebenfalls eine abgebrochene Messerklinge, die von den Ermittlern im Treppenhaus sichergestellt werden konnte. Der dazugehörige Griff ist bis heute verschwunden. Auch die Ehefrau des Angeklagten, welche die Auseinandersetzung zum Teil mitbekam, stritt einen Angriff seitens ihres Mannes ab, beschuldigte vielmehr den Geschädigten, der vehement auf ihren Mann eingeschlagen haben soll. Verletzt sei der Nachbar nicht gewesen, „ich habe kein Messer gesehen“, betonte die Zeugin. Gegenüber der Polizei hatte sie jedoch vom Gegenteil gesprochen und die Messerattacke damals bestätigt, erinnerte sich einer der beteiligten Polizisten vor Gericht.

Andererseits gab sie ebenfalls an, dass der Nachbar ihrem Mann eine Weinflasche über den Kopf geschlagen hatte. Dies passe wiederum zu den Verletzungen des Beschuldigten und der beschriebenen Situation, „der eine hat gestochen – der andere geschlagen“, fasste einer der Beamten zusammen.

Die Entlastungszeugin stellte sich nach Meinung des Gerichts schlussendlich „als unglaubwürdig“ heraus, betonte die Richterin.

Deutlich höhere Strafe zu erwarten

Die detaillierte Schilderung des Geschädigten wie auch die weitere Beweisaufnahme habe eine Messerattacke hingegen bestätigt. Vor allem aber sei der Verdacht aufgekommen, dass es in diesem Prozess nicht mehr um eine gefährliche Körperverletzung, sondern durchaus um den Straftatbestand des versuchten Totschlags gehen könnte. Der Angeklagte habe nicht nur versucht, das Opfer am Hals und im Bereich der Arterien zu treffen, sondern das Messer auch noch mit solcher Heftigkeit zurückgezogen, dass der Griff abbrach.

„Er hatte wohl vor, erneut zuzustechen“, vermutete die Richterin. Da in diesem Fall eine deutlich höhere Strafzumessung zu erwarten sei, ist das Amtsgericht nicht mehr zuständig. Dieses wird bei zu erwartenden Freiheitsstrafen nicht über zwei Jahren (Strafgericht) beziehungsweise vier Jahren (Schöffengericht) tätig. Die Richterin verwies den Fall daher an das Landgericht.

von Ina Tannert

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