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Vergewaltigungsopfer bricht Prozess ab

Opferentschädigungsgesetz (OEG) Vergewaltigungsopfer bricht Prozess ab

Ein Handtaschenraub riss Elke Bellmanns Narben von Vergewaltigung und Misshandlung wieder auf. Das Opferentschädigungsgesetz (OEG) war der Rettungsring, mit dem sie sich über Wasser hielt. Ein lebensgefährlicher Fehler.

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Elke Bellmann vor zweieinhalb Jahren. Damals kämpfte sie noch um eine Entschädigung. Jetzt hat sie dem Prozess ein Ende gesetzt und die Klage zurückgezogen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Ich kann hier nicht mehr weitermachen, wenn ich noch etwas Lebensqualität für meine letzten Jahre haben will“, sagt Elke Bellmann. Trotz aller Hoffnung, die ihr Richterin Katharina Schwarz am Montag am Sozialgericht Marburg gemacht hat, zieht sie ihre Klage zurück und gibt die Chance auf, entschädigt zu werden. „Ich bringe nicht noch einmal den Mut auf, mich begutachten zu lassen. Ich habe Angst, dass mich noch eine Gutachterin fertig macht“, sagt Elke Bellmann.

Die Psychologin wollte es 2008 ganz genau wissen: „Ist er von vorne in Sie eingedrungen, oder von hinten? Haben Sie ihn oral befriedigt?“ Elke Bellmann hatte ein schlechtes Bauchgefühl, aber dann sagte sie es doch. Sie schenkte der Gutachterin Vertrauen und erzählte, obwohl es ihr weh tat. Doch ihr Vertrauen wurde nicht belohnt. Im Gegenteil: Wegen des Gutachtens hätte Elke Bellmann sich beinahe umgebracht. Ohne die Hilfe ihrer Freunde und Therapeuten, ist die 55-Jährige sich sicher, wäre sie heute nicht mehr am Leben.

Die Gutachterin war 2008 zu dem Schluss gekommen, dass Elke Bellmann nicht glaubwürdig sei. Die Kurzfassung der „Expertise“, aus der die Richterin am Montag zitierte: Weil Bellmann schon als Kind vergewaltigt worden ist, habe sie die sexuelle Nötigung durch den Kfz-Schlosser von 1985 überbewertet. Ärzte hätten ihr eingeredet, dass ihre körperlichen Beschwerden auf die sexuellen Übergriffe zurückzuführen wären und überhaupt sei Bellmann hypochondrisch veranlagt – das heißt, dass sie sich einbildet, kleine Wehwehchen wären lebensbedrohliche Krankheiten.

„Als ich das Gutachten gelesen habe, wusste ich, dass die Frau mich gelinkt hatte. Die hat mir kein Wort geglaubt“, sagt Elke Bellmann. Sie wisse, dass für Außenstehende schwer zu glauben sei, wie schrecklich ihr Leben verlaufen sei, von den Schlägen ihres Vaters, der Vergewaltigung durch ihren Großvater, den Tumor mit 16 Jahren und einer weiteren Vergewaltigung neun Jahre später. „Aber ich habe es durchgemacht. Das bin ich“, sagt Bellmann.
Der Marburger Traumatologe Alexander Köhler-Prange und die
Psychotherapeutin Tanja Rode, die Elke Bellmann seit Jahren kennen und beraten, sind immer noch schockiert von der fachlichen Qualität des Gutachtens und zweifeln an der Qualifikation der Gutachterin.

Anerkennung, aber keine Erlösung

Für die beiden Therapeuten und auch für Elke Bellmanns Rechtsanwalt hat sich das Blatt am Montag allerdings noch einmal gedreht. Sie waren froh, dass Richterin Katharina Schwarz sich persönlich engagierte und Mitgefühl zeigte. Aber vor allem stimmte sie hoffnungsvoll, dass die Richterin das Gutachten von 2008 nicht für aussagekräftig hielt. Schwarz ist in den fünf Jahren, in denen Bellmanns Fall inzwischen in Marburg liegt, die dritte Richterin, die sich in den Fall eingelesen hat. Und trotzdem wurde am Montag zum ersten Mal zu Protokoll genommen, wie der Geburtsort des Opfers richtig geschrieben wird. „Ich bin der Auffassung, dass der Fall bisher stiefmütterlich behandelt worden ist“, sagte die junge Richterin am Montag und ging den Prozess mit auffälliger Akribie an.

Mit ihrem Auftreten erfüllte die Richterin der Klägerin einen sehnlich gehegten Wunsch: Anstatt Elke Bellmann als psychisch gestört abzuschreiben, nahm sie die Verbrechen ernst, mit deren Folgen sie leben muss. Doch vom größten Leid konnte nur Elke Bellmann selbst sich befreien: „Über das Verbrechen wäre ich vielleicht hinweggekommen. Aber das Opferentschädigungsgesetz hat mein Leben zur Hölle gemacht.“

Nachdem feststand, dass die Richterin am Montag kein Urteil sprechen würde, hat Elke Bellmann ihre Klage zurückgezogen und den Prozess aus freien Stücken beendet. Mindestens zwei weitere Gutachten und wieder Monate der Anspannung wollte sie nicht mehr ertragen. Allerdings nutzte Elke Bellmann ihren letzten Auftritt vor Gericht, um zu Protokoll zu geben, welche Leiden ihr das OEG zugefügt hat: Den Antrag auf Entschädigung stellte sie im Jahr 2005. Nach einem Überfall auf offener Straße in Hannover war sie 2004 in eine Schockstarre verfallen. Der Überfall riss die Wunden wieder auf, die Vergewaltiger ihr lange vorher zugefügt hatten. Dass kein Passant ihr geholfen hatte, traf sie besonders.

„Ich musste zusehen, wie mein soziales Umfeld nach und nach wegbrach, weil ich mich zurückzog und nicht mehr arbeiten konnte“, erzählte Elke Bellmann am Montag vor Gericht. „Ich spürte Schuld und Scham und wollte mir das Leben nehmen, weil ich mich nicht aus der Schockstarre lösen konnte.“ Elke Bellmann klammerte sich an die Hoffnung, dass alles wieder gut würde, wenn Ihr ein Gericht Recht geben würde. Das Gesetz sei schließlich dafür gemacht, Verbrechensopfern zu helfen.

Psychische Belastung durch das OEG

Doch bis ihr Fall vor einem Gericht verhandelt wurde, vergingen drei Jahre. „Zu Hause sitzen und hoffen, dass endlich irgendetwas passiert – das erträgt man ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre vielleicht, aber die Zeit lief gegen mich.“ Als Bellmann mit einem drohenden Schlaganfall ins Krankenhaus kam, war eine ihrer größten Sorgen, was aus ihrem Prozess werden würde.

Sie schrieb in ihr Testament, dass die Prozessakten nach ihrem Tod vernichtet werden sollten. Sie wollte nicht, dass ihre Kinder sie lesen. Doch bald darauf packte sie die Panik. Die Behörden würden jetzt noch langsamer arbeiten, auf Zeit spielen und warten, bis sie tot sei. Die Bedeutung, die Elke Bellmann dem Entschädigungsverfahren beigemessen hat, ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Besonders, weil sie in keinem Satz von finanzieller Entschädigung spricht.  „Es geht ihr darum, dass ihre Not gesehen wird, dass der Staat sagt ‚wir helfen dir‘. Etwas, das sie als Kind nicht erfahren hat, als sie misshandelt wurde. Und auch nicht, als sie in Hannover überfallen wurde“, erklärt Köhler-Prange. Tanja Rode weiß von anderen Verbrechensopfern, die ähnlich unter der psychischen Belastung leiden, die ein langwieriges OEG-Verfahren mit sich bringt.

„Ich will wissen, wie viele Verbrechensopfer sich zwischen dem Antrag auf Entschädigung und dem Urteil das Leben nehmen“, sagt Elke Bellmann und fordert eine Reform des OEG: „Ich will, dass die Verhandlungsdauer begrenzt wird – die Opfer dürfen nicht schlechter gestellt werden als die Täter.“

von Thomas Strothjohann

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Klage auf Entschädigung
Ihre Kinder und deren Familien sowie ihr Glaube geben Elke Bellmann Halt. Jetzt will sie einen Neustart wagen.

Seit neun Jahren kämpft Elke Bellmann um Unterstützung durch das Opferentschädigungsgesetz. Nun will sie ihren Kampf um Gerechtigkeit niederlegen, um die eigene Würde zu wahren.

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