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"Vergesst nicht, was Marburg war"

75 Jahre nach der Reichspogromnacht "Vergesst nicht, was Marburg war"

Am Sonntag gedenkt Marburg der Pogromnacht vor 75 Jahren. Ziel des Gedenkens ist es, dass sich nie wieder Hass gegen Minderheiten entwickeln kann, sagt Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

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Nach dem Brand im November 1938 wurde die Synagoge gesprengt – angeblich aus Sicherheitsgründen.

Quelle: W. J. Becker

Marburg. 75 Jahre nach der Reichspogromnacht gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die sich an den Brand der Marburger Synagoge im November 1938 erinnern. Die letzte Shoah-Überlebende, die der jüdischen Gemeinde Marburg angehörte, ist vor sechs Jahren gestorben, berichtet Amnon Orbach. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg hat noch Kontakt zu Überlebenden in Israel und Kanada, die in den Konzentrationslagern der Nazis den Tod vor Augen gesehen hat. „Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann gibt es keinen mehr“, sagt Orbach.

Schüler schreiben Texte für „Garten des Gedenkens“

Das Gedenken an Millionen von den Nazis ermordete Juden ist geblieben, doch der Charakter dieses Gedenkens hat sich verändert. „Die Trauer, die wir haben, ist keine Trauer mit Tränen“, so beschreibt es Orbach. „Die Leute, die mit ihrem Leben bezahlt haben, haben wir nicht gekannt. Es geht darum, nicht zu vergessen.“ Wenn Orbach Schüler oder andere Gäste in der neuen Synagoge an der Liebigstraße empfängt, dann erklärt er ihnen, dass das Judentum mehr ist als eine Religion. „Es ist ein Volk, das eine der reichsten Kulturen aus 4500 Jahren geerbt hat. Und dieses Judentum haben die Nazis gehasst und getötet“, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde.

Weil die Erinnerung lebendig bleiben soll, soll auch der Ort, wo früher die Synagoge stand, ein „aktives Monument“ sein. Im „Garten des Gedenkens“ an der Universitätsstraße, wo am Sonntag an die Pogromnacht erinnert wird, haben Schüler der Elisabethschule neue Texte für die Schaukästen geschrieben. „Du gehst durch die Stadt und siehst dieses Gebäude und stellst dir vor, wie dieses Haus in einer Nacht auseinander genommen wurde“, schreibt ein Schüler. Zuvor waren Aussagen von Überlebenden der Shoah in den Kästen zu lesen. Orbach ist begeistert davon, dass sich nun Schüler engagiert, ihre Gedanken und Gefühle ausgedrückt haben. „Es ist sehr leicht, mit einem Funken den Hass gegen Minderheiten zu zünden“, warnt er. „Wir sollten das in Europa nicht erlauben.“

Viele stammen aus der früheren Sowjetunion

Offensichtlich haben auch heute noch viele Juden in Deutschland Angst vor Antisemitismus. Wer versucht, einen jüngeren Menschen dazu zu bringen, für die Zeitung zu erzählen, wie man sich als Jude in Deutschland fühlt, bekommt nur Absagen. Orbach bestätigt die Vermutung, dass viele Angst haben, öffentlich als Juden in Erscheinung zu treten, fügt aber hinzu: „Ich denke: zu Unrecht. Hier in Marburg leben wir in Ruhe und Freundschaft.“

Die Jüdische Gemeinde pflege den Kontakt zu Muslimen und Christen, überall finde sie offene Türen. „Ich rede in der Öffentlichkeit, alle wissen, dass ich Jude bin, aber ich bin nie attackiert worden.“ Einen Anruf von „Verrückten“ habe er einmal bekommen - aber Angst hat ihm das nicht gemacht.

Heute gibt es wieder jüdisches Leben in Marburg - aber die meisten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde stammen aus den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion. Einige von ihnen haben dort während des Zweiten Weltkriegs auch unter den Nazis gelitten. Aber ihre Geschichte, ihre Erinnerungen sind anders als die der aus Deutschland stammenden Juden. „Sie hatten keine Gelegenheit oder Möglichkeit, mit der jüdischen Kultur in Berührung zu kommen - weil es verboten war oder sie Angst hatten“, berichtet Orbach. „Die Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, können von ihren Eltern nichts über das Judentum mitbekommen.“ Die Jüdische Gemeinde muss deshalb Mitglieder erst mit den eigenen Traditionen bekannt machen.

Die jüdische Kultur, wie sie vor der Nazi-Zeit in Deutschland existierte, ist weitestgehend zerstört. „Der materielle Schaden ist bezahlt, Grundstücke sind zurückgegeben worden“, sagt Orbach, „aber der kulturelle Schaden ist nicht bezahlt“. In Marburg habe es vor der Nazi-Zeit viele jüdische Professoren gegeben - in einer Zeit, als die Universität führend in Deutschland gewesen sei. Auch viele Ärzte und Geschäftsleute seien Juden gewesen.

„Sie haben die Kultur mit entwickelt“, betont Orbach. Den Sinn des Gedenkens an die Novemberpogrome von 1938 fasst er deshalb in die Aufforderung: „Vergesst nicht, was Marburg verloren hat! Vergesst nicht, was Marburg vorher war!“

von Stefan Dietrich

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