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"Vergesst Afghanistan nicht!"

Noor Mohammad Ghafury "Vergesst Afghanistan nicht!"

Dass der Kampfeinsatz der Nato in Afghanistan endet, steht fest. Dass das Land weiterhin Hilfe braucht, allerdings auch. Noor Mohammad Ghafury appelliert, dies nicht zu vergessen.

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Noor Mohammad Ghafury mit Grundlagenmaterial, das er für Studenten der Universität Kabul erstellt hat. Der 59-Jährige setzt sich für die Grundrechte der Afghanen ein.

Quelle: Andreas Arlt

Marburg. Natürlich gebe es Gegner, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, und ja, Angst sei da. Abschrecken lässt sich Noor Mohammad Ghafury davon aber nicht. „Ich wohne in einem ärmeren Gebiet in Kabul“, erzählte Ghafury. „Die Menschen kennen mich dort und sie wissen, was ich mache. Das gibt mir Sicherheit.“

Die Vorstadtidylle in Moischt, wo seine Frau mit den drei Kindern noch immer lebt, hat Ghafury vor sechs Jahren eingetauscht gegen das Leben in der unsicheren afghanischen Hauptstadt - von regelmäßigen Besuchen abgesehen. Auf drei Schienen, so betont er, versucht der 59-Jährige die Situation in seinem Heimatland zu verbessern, das er 1992 verlassen hatte.

An der Universität von Kabul hilft er dabei, neue Fächer zu etablieren. Es fehlen die Grundausstattung und Lehrpläne. Für sechs Fächer im Bereich der Wirtschaftswissenschaften hat Ghafury mittlerweile die Arbeitsmaterialien erstellt. „Es freut mich, dass ich Wissen weitergeben kann“, sagt Ghafury.

Vermitteln will er auch einen Sinn für Demokratie - und das nicht nur an seine Studenten. Es genüge nicht, sich den Bart abzurasieren. Als Minister oder Gouverneur müsse man seine Gesinnung grundlegend verändern. „Demokratie ist eine Lebensart. Man braucht praktische Erfahrung, um sie umsetzen zu können“, sagte Ghafury. Er setzt deshalb auf kleine Schritte an der Basis - sprich der Bevölkerung - statt große Hoffnungen in die Regierung zu setzen. Für diese hat Ghafury wenig gute Wort übrig, sie sei „unfähig, korrupt, unqualifiziert“ und nicht in der Lage, die Probleme des Landes zu lösen.

Marburger Initiative organisiert „home schools“

Als Mitglied einer politischen Partei setzt Ghafury auf Veränderungen von innen heraus - auf nachhaltige Veränderung in der Bevölkerung. Nach der Arbeit in der Universität fährt der 59-Jährige oft direkt in das Parteibüro, organisiert, koordiniert und ist Ansprechpartner für die Menschen. Aber Ghafury setzt auch konkrete Projekte um. Mit der „Initiative Afghanisches Hilfswerk“ (IAH) hat er „home schools“ in der ländlichen Region Wardak gegründet, die westlich der Hauptstadt Kabul liegt. Mädchen werden dort in kleinen Räumen unterrichtet, ein Schulgebäude im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Zumindest noch nicht. „Die Menschen haben erste Erfahrungen mit dem Projekt gemacht, sind jetzt überzeugt, dass es sinnvoll ist und setzen sich für ein eigenes Gebäude ein“, sagt Ghafury. Erste Kinder helfen bereits jetzt ihren Müttern beim Lesen oder den Vätern beim Rechnen. „Es verstärke sich die Meinung, dass Bildung eine gute Sache ist, nichts verdrängt und auch niemanden von der Religion abbringt“, sagte Ghafury.

Auf Unterstützung, auch finanzieller Art, für diese kleinen, aber nachhaltigen Schritte, hofft Ghafury in der Zukunft. „Es scheint so, als wenn der Westen den gleichen Fehler macht und Afghanistan wieder vergisst“, sagte er. Zu stark sei der Fokus auf scheinbar aktuellere Brennpunkte wie den Nahen Osten oder die Ukraine gerichtet. Unterstützung bräuchte aber das afghanische Volk in jedem Fall. Der bevorstehende Truppenabzug wird Nachteile mit sich bringen. Die Sicherheit werde sich mutmaßlich verschlechtern, die wirtschaftliche Lage auch, schließlich hätten viele Menschen in Afghanistan auch direkt von den Hilfsmaßnahmen profitiert, weil sie beispielsweise als Dolmetscher gearbeitet hätten. „Der Lebensstandard wird sinken, auch, weil Investitionen für internationale Firmen riskanter erscheinen“, sagt Ghafury. Pauschalisieren lasse sich das aber nicht. „Es wird auch Initiativen geben, die noch erfolgreicher funktionieren können, weil die Taliban dann nicht mehr das Argument haben, dass sie vom Westen auferlegt seien“, macht Ghafury Hoffnung. „Vergesst Afghanistan nicht“, wünscht er sich und fordert zugleich: „Unterstützt die richtigen Sachen!“

von Andreas Arlt

Über die Initiative Afghanisches Hilfswerk

„Aus einzelnen Tropfen entsteht ein Fluss“ ist ein afghanisches Sprichwort und zugleich das Motto der „Initiative Afghanisches Hilfswerk“ (IAH). Die gemeinnützige Initiative gründete sich 1994 in Marburg und setzt sich seitdem für Bildung, Fortschritt, Demokratie und Verbesserung der Lebensbedingungen in Afghanistan ein. Das Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe vor allem in ländlichen Regionen. Besonders im Fokus stehen dabei die Rechte von Kindern und Frauen. Aktuelles Projekt der IAH ist die Organisation von Mädchenschulen in Wardak, sogenannter „home schools“. Darüber hinaus unterstützt die Initiative Migranten bei der Integration. Weitere Informationen unter www.iah-ev.de

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