Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Verfolgt und gemieden - heute noch

Sinti und Roma Verfolgt und gemieden - heute noch

Bis Freitag, 14. November, ist sie im Landratsamt zu Gast: die Wanderausstellung „Hornhaut auf der Seele - Die Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma in Hessen“. Eine Schau, die ein neues Bewusstsein wecken kann.

Voriger Artikel
Historisches Stadterneuerungsprojekt
Nächster Artikel
Auf Dienstreise im Landkreis: Grundsatz-Urteil rechtskräftig

Rund 40 Tafeln mit Texten, Fotos, Illustrationen dokumentieren im Foyer des Kreishauses die Geschichte von Sinti und Roma in Hessen und speziell im Landkreis. Der Fokus liegt auf der Verfolgung während des Holocaust.

Quelle: Carina Becker

Marburg. Es sind Töne voller Traurigkeit und Melancholie, die zur Eröffnung der Ausstellung im Foyer des Kreishauses erklingen. Die musikalische Einführung von Cellist Gerd Schiebel - sie passt. Denn auch die Geschichte, die die Ausstellung erzählt, stimmt traurig. Und nachdenklich. Aber sie weckt auch Wut, Verzweiflung und die laut gestellte Frage nach dem Warum.

Die Ausgrenzung von Sinti und Roma - ein Thema nicht nur der Vergangenheit, sondern auch des Hier und Jetzt. Adam Strauß erlebt es am eigenen Leib. Der gebürtige Marburger ist Landesvorsitzender des Verbands deutscher Sinti und Roma und engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für die Rechte der Minderheit, der er selbst angehört. „Stellen Sie sich vor, meine Enkeltochter will nicht mehr von mir von der Schule abgeholt werden, weil sie Angst hat, man könnte dann sehen, dass sie eine Sintezza ist“, erzählt er von Alltagsproblemen, die eben nicht der Vergangenheit angehören.

Die Ausgrenzung, die Angst vor den Vorurteilen - für Sinti und Roma ein ganz reales Problem, auch, wenn dies in der Bevölkerung so nicht wahrgenommen wird. „Denken Sie an bestimmte Wahlplakate, die Sinti und Roma verunglimpfen - haben Sie da irgendeinen öffentlichen Aufschrei gehört?“, fragt Strauß und antwortet selbst: „Ich nicht - wenn es dabei um Juden ginge, dann würde dies ganz anders laufen. Dafür ist ein Bewusstsein da. Wie lange müssen wir Sinti und Roma noch darauf warten?“, fragt er.

Was der Landesverbandsvorsitzende sich an erster Stelle wünscht, ist Interesse - für die Geschichte der Sinti und Roma, für ihre Situation heutzutage. Sein Verband hält Lehr- und Lernmaterial für schulischen und außerschulischen Unterricht bereit. „1000 Schulen in Hessen haben wir angeschrieben und dieses Material angeboten - raten Sie, wie viele Antworten wir bekommen haben! Keine einzige, keine einzige von 1000 Schulen“, berichtet er. Herausragendes Gegenbeispiel für Strauß: die Gesamtschule Ebsdorfer Grund.

Post für 1000 Schulen - keine einzige antwortet

Sie mag die einzige oder doch zumindest eine der ganz wenigen sein, wo sich Lehrer und Schüler im Unterricht intensiv mit der Geschichte der Sinti und Roma am Beispiel der eigenen Heimat befassen. Dabei gibt es sogar auf verschiedene Regionen in Hessen eigens zugeschnittene Medienboxen beim Landesverband - für Marburg übrigens eine eigene.

Auch die Ausstellung im Kreishaus bietet die Möglichkeit, bislang Versäumtes nachzuholen. Aufklärungsarbeit auf rund 40 beschrifteten und bebilderten Tafeln: Sinti und Roma - wer sind diese Menschen, wo kommen sie her, welche Geschichte hat sie geprägt und wie sah und sieht ihr Leben mitten unter uns aus? Der Fokus liegt dabei auf der Zeit des Nationalsozialismus. Rund 80 Sinti und Roma aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf wurden Opfer der Nazis, nach Auschwitz deportiert, ermordet.

Der Marburger Historiker und Diplom-Politologe Dr. Udo Engbring-Romang, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, hat die Ausstellung „Hornhaut auf der Seele“ entwickelt und die Texte geschrieben. Bei der Eröffnung führte er in die Geschichte einer seit 600 Jahren währenden Verfolgung ein. „Historiker und Ärzte haben geholfen, Zigeuner und Zigeuner-Mischlinge auszumachen“, erzählte er über die Verfolgung während des Holocaust. „Bis in die fünfte Generation reichten die Nachforschungen - jeder mit mehr als einem Achtel Zigeunerblut wurde zur Vernichtung freigegeben.“

Wer die Ausstellung besucht, wer die Tafeln anschaut und über die Geschichte liest, wer sich alte Lexika-Einträge zu Gemüte führt, der kann durchaus sprachlos werden. Über Vorurteile gegenüber „Zigeunern“, wie sie in der Gesellschaft noch immer bestehen. Über „Zigeunerbilder“, die eine Minderheit für kriminell erklären und zum Sündenbock machen quer durch die Jahrhunderte und immer wieder dann, wenn Gesellschaft und Politik versagen in Fragen der Integration, des Miteinanders.

„Das Schlimmste ist, dass es nicht aufhört“, sagt Sinto Adam Strauß. Er hofft, dass die Ausstellung einen Beitrag leisten kann. Denn nur eine „wachsame Zivilgesellschaft“ könne helfen gegen die Verfolgung und Ausgrenzung von Minderheiten.

Die Ausstellung ist montags bis donnerstags in der Zeit von 7 bis 16 Uhr und freitags von 7 bis 14 Uhr im Kreishaus geöffnet.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr