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"Verbot der Prostitution reicht nicht aus"

Oberbürgermeister nimmt Stellung "Verbot der Prostitution reicht nicht aus"

Im OP-Interview nimmt Oberbürgermeister Egon Vaupel Stellung zur Diskussion um Prostitution, die Arbeit der Initiative "Frauenrecht ist Menschenrecht" (FiM) mit Prostituierten und der Bewertung dieser Arbeit.

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Das Marburger Bordell "Erotic Island": Über den richtigen Umgang mit Prostitution in Marburg ist eine politische Debatte entbrannt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. OP: Insider sprechen von „mafiösen Strukturen“, berichten von zwangsverschleppten Frauen, von regelmäßigen Gewaltandrohungen und gewaltsamen Übergriffen im „Erotic Island“. Wie kriminell ist Ihrer Einschätzung nach das Rotlicht-Milieu in Marburg?

Oberbürgermeister Egon Vaupel: Eine realistische Einschätzung dazu kann ich nicht abgeben. Ich bin kein Insider. Die Frage kann nur von der Polizei beantwortet werden.

OP: Welche Handhabe haben Polizei und Ordnungskräfte in Marburg, Prostituierte zu schützen und für ihre Sicherheit auch im Falle ihres Ausstiegs zu garantieren?

Vaupel: Vertreter der Marburger Polizei haben immer wieder dargelegt, dass die Polizei die Hilfe und Beratung, die FiM leistet, nicht erbringen kann. Die Streetworkerinnen beherrschen mehrere Sprachen und kennen die Szene sehr gut, sind aber keine „amtliche Stelle“. Beides ist sehr wichtig, um eine Vertrauensbasis möglich zu machen. FiM kann die Frauen, die aussteigen wollen, an einem sicheren Ort unterbringen und sie betreuen.

OP: Wie stehen Sie zur Forderung nach Änderung des Prostitutionsgesetzes, das Polizei und Ordnungskräften mehr Handhabe zum unangemeldeten Kontrollbesuch und zum Durchgreifen geben soll?

Vaupel: Ich unterstütze diese Forderung. Wir haben als Universitätsstadt Marburg nachdrücklich auf die Missstände des bestehenden Prostitutionsgesetzes hingewiesen - hessen- und bundesweit. Die Marburger Empfehlungen und Forderungen wurden z.B. im Hessischen Petitionsausschuss behandelt. Das, was in Marburg erarbeitet wurde, ist eingeflossen in die Forderungen für eine neue gesetzliche Regelung auf Bundesebene. Wir wollen Frauen vor Menschenhandel und Zwangsprostitution besser schützen und die Täter konsequent bestrafen. Das heißt: Verurteilungen sollen künftig nicht mehr daran scheitern, dass das Opfer nicht aussagen will. Das heißt auch: Mehr Rücksicht auf die persönliche Situation von Frauen, besseres Aufenthaltsrecht uund so weiter. Ordnungsbehördliche Kontrollmöglichkeiten müssen gesetzlich verbessert werden.

OP: Sollen Freier in Deutschland bestraft werden?

Vaupel: Wenn ich mir die Erfahrungen aus Schweden anschaue, reicht ein Verbot der Prostitution nicht aus. Die Auswirkungen für die Frauen sind keineswegs nur positiv. Sozialarbeiterinnen in Schweden fordern mehr Hilfen für die Frauen. Denn trotz Verbots - die Freier bleiben. Sex wird im Internet gekauft, die Dunkelziffer ist hoch, der Druck auf Frauen in der Prostitution nehme zu, so Berichte aus Schweden. Dass etwas verboten ist (bestraft wird), heißt nicht, dass es nicht passiert. Das Verbot in Schweden hat nach meiner Kenntnis aber die gesellschaftliche Diskussion verändert. Das ist positiv. Übrigens: Das EU-Parlament hat am Mittwoch eine nicht bindende Resolution verabschiedet. Die EU-Staaten sollen die Nachfrage nach Prostitution eindämmen, indem sie die Freier bestrafen. Nationale Behörden werden aufgefordert, Ausstiegsstrategien für Prostituierte zu entwickeln. Die Frauen brauchen eine Perspektive für andere Einnahmequellen. Wichtig ist die Eindämmung von Armut, die Frauen in die Prostitution treibt.

OP: Wie stehen Sie zu der Forderung, angesicht der umfangreichen und komplizierten Aufgabe eine Streetworker-Stelle direkt bei der Stadt Marburg zu schaffen, die sich um die Situation der Prostituierten in Marburg beschäftigt (die könnte ja mit einer Streetworkerin von FiM besetzt werden)?

Vaupel: Die Entscheidung, die Marburg getroffen hat, hat sich bewährt. FiM als erfahrene, anerkannte und vernetzt arbeitende Beratungsstelle hat einen Zugang, den die Stadt nicht gewährleisten könnte.

OP: Muss in Marburg mehr Geld für die Sozialarbeit im Rotlicht-Milieu bereitgestellt werden?

Vaupel: Mehr Geld bedeutet nicht effektivere Arbeit. Effektivere Arbeit ist meines Erachtens nur durch Netzwerke möglich. Deshalb habe ich bereits vor Jahren die OB-Kollegen aus Wetzlar und Gießen sowie den Bürgermeister aus Pohlheim zu Gesprächen über eine Zusammenarbeit eingeladen. Erst im vergangenen Jahr ist es, auch dank der Unterstützung von FiM, gelungen, einen Runden Tisch „Prostitution in Mittel­hessen“ einzurichten. Meine Zielsetzung war und ist, durch Zusammenarbeit ein Netzwerk zu errichten, für dessen Arbeit alle Kommunen einen Beitrag leisten - finanziell wie ideell.

OP: Werden in Marburg künftig weitere neue Etablissements eröffnen können?

Vaupel: Persönlich sage ich Nein! Aber ich bin an Recht und Gesetz gebunden und muss danach entscheiden. Wir haben schon vor Jahren eine Sperrbezirksverordnung mit klaren Regelungen erlassen, um damit Prostitution im Großteil der Stadt so weit wie möglich zu verhindern.

OP: Wie beurteilen Sie die Arbeit von FiM in Marburg?

Vaupel: Unsere Entscheidung für FiM war goldrichtig. Die Mitarbeiterinnen sind regelmäßig in den Bordellen in Marburg unterwegs, die Frauen und auch die Freier wissen: Es gibt eine Stelle, die helfen kann. Vieles, was FiM in Marburg leistet, kann nicht öffentlich gemacht werden. Schließlich geht es um den Schutz von Frauen in Notsituationen. Für diese Arbeit ist Vertrauen unabdingbar. Bei FiM arbeiten 15 Frauen. Die Mitarbeiterinnen sprechen 10 verschiedene Sprachen und beraten jährlich Frauen aus ca. 80 Herkunftsländern. Sie sind außerdem sehr erfahren, Klienten mit Dolmetscherinnen zu beraten. Eine andere Organisation, die auch zur Auswahl stand, konnte diese Qualifikation nicht vorweisen.

OP: Wann ist die Arbeit von FiM zuletzt evaluiert worden?

Vaupel: In der Sitzung der Gleichstellungskommission im Januar. Eine Evaluation der Arbeit von FiM in Marburg erfolgt kontinuierlich, z.B. auf Grundlage der jährlichen FiM-Berichte. Darüber hinaus finden stetig Gespräche, Sitzungen und Vorträge statt, die eine Rück­kopplung und Abstimmung der Arbeit von FiM gewährleisten.Hinzu kommen die Rückmeldungen der Polizei. Die Bewertung ergibt: Aufwand und Ergebnis sowie die konkreten, praxisorientierten Maßnahmen von FiM sind sehr gut geeignet, um die für die Universitätsstadt Marburg angestrebten Zielsetzungen zu erfüllen.

OP: Wann ist die Arbeit von FiM zuletzt gebenchmarkt worden?

Vaupel: Mit welchen vergleichbaren Kommunen soll dieser zielgerichtete Vergleich erfolgen? Was wir in Marburg geschaffen haben, ist einzigartig. Wir haben 2007 ganz bewusst FiM ausgewählt aus einer vergleichbaren Gruppe. Es hat sich gezeigt, dass wir sehr gut gewählt haben.

von Björn Wisker und Till Conrad

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