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Verbindung von historischem und philologischem Wissen

Lutherforscher und Sprachhistoriker Verbindung von historischem und philologischem Wissen

Im Alter von 86 Jahren ist der Sprachhistoriker und Lutherforscher Herbert Wolf gestorben.

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Professor Herbert Wolf ist verstorben. 

Quelle: Privatfoto

Marburg. Herbert Wolf gehörte der Nachkriegsgeneration an, die ihre Ausbildung in der DDR absolvierte, deren weiteres Fortkommen aber dort aus politisch-ideologischen Gründen behindert wurde. Wolf musste­ seine sächsische Heimat verlassen und einen Neuanfang im Westen suchen.

Dabei war der Einstieg in die Lebensverhältnisse der alten Bundesrepublik während der Aufbaujahre nicht leicht. So musste Wolf sein Leipziger Universitätsexamen durch weitere Studien und eine Zusatzprüfung ergänzen. Den Lebensunterhalt bestritt er auf Zeitstellen und als Stipendiat, um dann als Assistent am Marburger Sprachatlas und als Kustos an der Forschungsstelle für Geschichtliche Landeskunde Mitteldeutschlands in Marburgs akademischer Welt heimisch zu werden.

Der Promotion 1957 mit einer Arbeit zu einem volkskundlichen Thema folgte 1966 die Habilitation mit einer philologisch-theologischen Abhandlung; die Gegenstände beider Untersuchungen waren im Ostmitteldeutschen verankert. ­Dieser Sprach- und Kulturraum sollte auch späterhin Wolfs bevorzugtes Arbeitsfeld werden, nachdem er als Professor von der Geschichte zur Deutschen Philologie wechselte und bis zur Pensionierung im germanistischen Fachbereich 08 als Lehrer und Dekan wirkte.

Wertvolle Einsichten in die Geschichte des deutschen Protestantismus

Die Herkunft aus der Geschichtswissenschaft, die Verbindung von historischem mit philologischem Wissen zeichnen Wolfs Lebenswerk aus. Er hat sich dabei besonders verdient gemacht um die Erforschung von Sprache und Literatur der alten Kulturlande Thüringen und Sachsen, etwa mit einer­ Arbeit zur mittelalterlichen ­Literaturgeschichte Thüringens oder mit Ortsbeschreibungen sächsischer Gemeinden in der ­Reihe der „Historischen Stätten Deutschlands“; seine Geburtsstadt Dresden bedachte er mit einem Artikel zu „Elbflorenz“.

Nicht zuletzt hat Wolf die germanistische Luther-Forschung um grundlegende Beiträge zur Leistung des Reformators beim Ausbau und der Verbreitung der hochdeutschen Sprache bereichert, Arbeiten, die zudem wertvolle Einsichten in die Geschichte des deutschen Protestantismus bieten. Seine Interessen im mitteldeutschen Raum, seine Kenntnisse der Forschungslage und -bedingungen brachten es mit sich, dass Herbert Wolf zu DDR-Zeiten den Austausch mit Fachkollegen in Halle, Jena und Leipzig intensiv pflegte, wobei manche dort unzugängliche Publikation durch Wolf beschafft wurde oder, nach der „Wende“, mancher Ostkollege dank Wolfs Vermittlung zu Lehrstuhlvertretungen und Vorträgen an westdeutsche Hochschulen eingeladen wurde.

Die letzten Lebensjahre Wolfs waren von anhaltender Krankheit bestimmt, zudem war er völlig erblindet. Seine Frau Ursula als Vorleserin und Marburgs Blindenbücherei brachten Licht und Trost in das Dunkel. Am 18. Februar 2017 ist Herbert Wolf in Goßfelden verstorben.

von Dr. Norbert Nail

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