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Verband bangt um Fußgänger-Sicherheit

Unfälle Verband bangt um Fußgänger-Sicherheit

Gefahr im Straßenverkehr: Über die Situation von Radfahrern in Marburg wird seit Jahren diskutiert. Aber was ist mit Fußgängern? Sie verursachen in der Stadt mehr Unfälle, in die sie verwickelt sind, als anderswo in Deutschland. Das geht aus offiziellen Statistiken hervor.

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Ein Verkehrsverband sieht die Fußgänger-Sicherheit in Städten als gefährdet an.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mindestens die Hälfte der deutschen Städte sollte mehr für die Sicherheit von Fußgängern im Straßenverkehr tun - das ist das Ergebnis eines „Städtechecks 2014“ des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland (VCD). „Die Fußgänger werden im Vergleich zu den Radfahrern seit Jahren vernachlässigt“, sagt Anja Hämel, VCD-Sicherheitsreferentin.

Der Verband fordert, die Fußgänger-Sicherheit zu erhöhen. Kreuzungen müssten übersichtlicher gestaltet werden, in geraden Straßen sollten kleine Hindernisse und Kreisverkehre eingebaut und breitere Fußwege geschaffen werden. Der VCD fordert zudem mehr Tempo-30-Zonen für Autofahrer, rigoroses Vorgehen gegen Falschparker, breitere Gehwege und andere bauliche Verbesserungen für Fußgänger.

Besonders gefährdet sind laut der Studie Senioren und Kinder - auch, weil Schüler und Rentner häufiger als andere zu Fuß gehen. 2013 starben im Straßenverkehr in ganz Deutschland 3339 Menschen im Straßenverkehr, davon waren 557 Fußgänger. Mehr als jeder zweite von ihnen war älter als 65 Jahre.

Unfälle häufen sich

In Marburg häuften sich in den vergangenen Tagen die Un-fälle, bei denen Fußgänger zum Opfer wurden. Am Pilgrimstein, Ecke Biegenstraße fuhr ein Autofahrer einen 21-Jährigen an, verletzte diesen, so dass er ins Krankenhaus musste. Eine Radfahrerin an der Ampel Radestraße / Leopold-Lucas-Straße kollidierte zudem an zwei Tagen mit Schülern, die zu Fuß unterwegs waren. Bereits im November 2013 lief eine Joggerin (25) an der Gisselberger Straße über die Fahrbahn, wurde von einem Auto erfasst und fiel ins Koma.

Insgesamt ereigneten sich in den letzten drei Jahren im Stadtgebiet 112 Unfälle mit Beteiligung von Fußgängern, teilt die Polizei auf OP-Anfrage mit (38 in 2013, 40 in 2012, 34 in 2011). Schuld an den Unfällen haben Fußgänger nach VCD-Einschätzung aber so gut wie nie: „Sie verunglücken meist nicht, weil sie sich falsch verhalten, sondern oft aufgrund falscher Abbiegemanöver oder überhöhter Geschwindigkeit von Autofahrern“, sagt Hänel. Nur in drei Prozent aller Unfälle waren Fußgänger Hauptverursacher des Unglücks, so eine Auswertung des Statistischen Bundesamts.

Die Situation in Marburg stellt sich jedoch anders dar: Bei 42 der 112 Unfälle waren die Fußgänger die Verursacher. „Die Hauptunfallursache, zu 33 Prozent, liegt darin, dass die Fußgänger die Fahrbahn überquerten, ohne auf den Autoverkehr zu achten“, sagt Jürgen Schlick, Sprecher der Polizei. Lediglich in zwei Fällen missachteten Fußgänger bei einem Unfall das Rotlicht an der Fußgängerampel. Behinderte und Blinde sind in Marburg besonders gefährdet - sowohl durch Auto- als auch durch Radfahrer. „Oft geht Bequemlichkeit vor Sicherheit“, sagt Franz Josef Breiner, Mobilitätsexperte der Bezirksgruppe Marburg im Blinden-und-Sehbehinderten-Bund (BSBH). Radfahrer seien kaum bereit, Umwege in Kauf zu nehmen. Ärger droht Breiner zufolge daher nach Abschluss der Bauarbeiten in Zwischenhausen. „Dort wird für Blinde kein Leitstreifen gebaut, man muss sich an der Entwässerungsrinne orientieren. Aber Radfahrern ist es erlaubt, auch gegen die Fahrtrichtung zu fahren. Das erhöht die Kollisionsgefahr.“ Vor Baubeginn habe es den Vorschlag gegeben, dass Radfahrer statt durch Zwischenhausen durch die Ketzerbach geleitet werden könnten - das sei abgelehnt worden. Kollisionen können Breiner zufolge für Blinde „übel enden“, ebenso aber für Radfahrer. „Wenn so ein Stock in die Speichen kommt, kann es böse Unfälle geben.“ „Radfahrer, die auf Gehwegen fahren, sind generell ein Problem für blinde Fußgänger“, sagt er. Die Topografie Marburgs erschwere die Verkehrsplanung, trotzdem fordert er ein konsequentes Verlagern der Fahrräder auf die Straße - mit einem eigenen Fahrstreifen.

Mit dem Rad auf dem Gehweg zu fahren ist nach Angaben der Stadtverwaltung verboten - nur Kinder bis zehn Jahre dürfen dort fahren - wenn nicht per Verkehrsschild gestattet. Die Einhaltung dieser Regel kontrollieren Ordnungsamt und Polizei nach eigenen Angaben regelmäßig. 2014 waren es bislang rund 100 Radfahrer, die Bußgelder zahlen mussten.

Parkplatzmangel sorgt Fußgänger

Hauptsächlich kommt es dabei laut Jürgen Schlick zu Verwarnungen wegen des Fahrens auf Gehwegen und weil der vorhandene Radweg nicht genutzt wurde. In den vergangenen drei Jahren gab es 160 Unfälle (46 in 2011, 67 in 2012, 47 in 2013) mit Radfahrern - im gesamten Landkreis 286 Unfälle (84 in 2011, 107 in 2012, 95 in 2013) .

„Spezielle Unfallschwer-punkte für Fußgänger sind nicht bekannt“, sagt Edith Pfingst, Sprecherin der Stadt auf OP-Anfrage. Der Magistrat will indes für mehr Sicherheit sorgen: Auf dem Bahnhofvorplatz seien breitere Gehwege, an der Weidenhäuser Brücke ein neuer Gehweg links und am Rudolphsplatz neue zusätzliche Fußgängerfurten auf Fahrbahnniveau vorgesehen. In der Biegenstraße werde zudem die Einrichtung einer zusätzlichen Fußgängerschutzanlage, im Klinikviertel die Errichtung zusätzlicher Querungshilfen geprüft.

Gut - sagt Breiner. Doch ein großes Problem für Blinde sei der zunehmende Wegfall von Parkplätzen. „Diese Entwicklung zwingt viele dazu, kreuz und quer zu parken, eben auch auf Gehwegen. Das ist ein Hindernis - auch für ältere, gehinderte Menschen mit Rollator“ Zu unbedacht verhielten sich auch Ladenbesitzer: Stühle, Tische und Ständer stünden - vor allem in der Oberstadt - nicht in einer Linie vor den Shops, Blinde liefen daher häufig dort hinein. „Das ist katastrophal“, sagt Breiner.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Fußgänger im Marburger Straßenverkehr? Schreiben Sie uns eine E-Mail an die Adresse: marburg@op-marburg.de

von Björn Wisker

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