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Veränderung muss im Kopf beginnen

Inklusion Veränderung muss im Kopf beginnen

Julian Friedrich ist sehbehindert. Auf einem Auge hat er noch fünf Prozent Sehkraft. Dennoch ging er zunächst aufRegelschulen und wurde dort vor große Probleme gestellt. Sein Abitur machte er bei der Blista.

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Um Bücher mit kleingedruckter Schrift lesen zu können, benutzt Julian Friedrich ein spezielles Lesegerät. Dadurch benötigt er mehr Zeit.Foto: Peter Gassner

Marburg. „Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass ich mein Abitur auch auf der normalen Schule geschafft hätte“, sagt der 21-Jährige selbstbewusst. Dennoch ist er froh darüber, dass er nach der sechsten Klasse auf die Schule der Marburger Blindenstudienanstalt (Blista) wechselte und dort ein Abitur machte, das seiner Meinung nach dadurch deutlich besser ausfiel.

In seiner Zeit auf der Grundschule und einer Gesamtschule in der Wetterau seien ihm vielfältige Probleme begegnet, berichtet der Inspektoranwärter. Zwar habe ihm von Anfang an eine Integrationslehrerin von der Blindenschule in Friedberg zeitweise zur Seite gestanden, doch seine Nachteile habe das nicht kompensieren können. Friedrich hatte eigens eine aufwendige PC-Ausrüstung und eine Tafelkamera bekommen, doch auch mithilfe der Technik habe er immer nur Ausschnitte eines aufwendigen Tafelbildes erkennen können. Probleme habe es zudem auch mit bunten Arbeitsblättern gegeben und einen höheren Arbeitsaufwand habe er ohnehin gehabt, da er die Punktschrift lernen musste.

Am Anfang war dies aber noch recht gut zu bewältigen, erzählt er, doch später ergaben sich daraus auch Probleme mit dem Stoff. So zum Beispiel im Kunstunterricht, bei Hausaufgaben, die mit Abschreiben zu tun hatten und für ihn einen deutlich höheren Zeitaufwand bedeuteten, oder auch bei Lückentexten, wo die Lücken zu klein für ihn gehalten waren. Es habe zwar auch Lehrer gegeben, die diese Dinge erkannt hätten und ihm zum Beispiel größere Arbeitsblätter kopiert hätten, doch nicht alle Pädagogen hätten sich darauf eingelassen.

Darüber hinaus gab es Probleme mit der Technik. Friedrich wurde im Jahr 1998 eingeschult und bekam einen eigenen Laptop gestellt. „Damals war das aber noch ein schweres Riesengerät“, erzählt er und hatte so Schwierigkeiten die gesamte Ausrüstung bei Raumwechseln mitzunehmen. Gleichwohl sei dieses Problem mit dem Fortschreiten der Technik aber heute nicht mehr in diesem Maße gegeben. Letztlich „steht und fällt erfolgreiche Inklusion mit den Lehrern und dem Klassenverband“, ist er daher überzeugt und verweist auch auf Mobbing durch Mitschüler. Es habe auch derbe Sprüche auf dem Pausenhof oder im Schulbus gegeben, berichtet er. Zwar gesteht er ein, „dass das auch anderen Leuten passiert“, doch Kinder suchten sich nun mal „immer den Schwächsten“.

„Gefühl der Hilflosigkeit“

Grundsätzlich wüsste er daher aus eigener Erfahrung und von Bekannten, dass Menschen mit Behinderung „immer irgendwie Angst haben, durch ihre Behinderung aufzufallen. Man hat schnell auch ein Gefühl der Hilflosigkeit und gewinnt den Eindruck, dass man in diesem Umfeld nicht das zeigen kann, was man eigentlich drauf hat“, so Friedrich weiter. Gerade auch bei den heutigen Klassengrößen sei es vielen Lehrern gar nicht möglich, auf gehandicapte Schüler einzugehen. Wenn dies doch geschehe, dann sei den anderen Schülern Ungeduld und fehlendes Verständnis anzumerken. Bei vielen gebe es die Assoziation „behindert gleich dumm“.

Für eine befriedigende Inklusion sei daher vor allem eine Veränderung in den Köpfen vonnöten. Auch er teile die Ansicht, dass Inklusion in allen Bereichen der Gesellschaft erstrebenswert sei, doch könne man dies nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Gerade bei Kindern gehe es in erster Linie darum, dass man es ihnen vorlebe. Zudem müssten einige Dinge „einfach selbstverständlich werden“, meint Friedrich. So wundere er sich etwa darüber, dass beim neuen Uni-Campus um Aufzüge und Rampen überhaupt gestritten werde.

Erst wenn die Gesellschaft so weit sei und auch der entsprechende Personaleinsatz geleistet werde, könne man eine größer angelegte Inklusion an den Schulen umsetzen. Auch dann plädiert er aber für ein geteiltes Modell, denn es komme im Einzelfall immer auf den Menschen an. Je nachdem, wie stark jemand behindert sei und welchen Charakter er habe, sei es sinnvoll ihn auf eine Regelschule zu schicken. Momentan habe er oft den Eindruck, es gehe nur um die Zahlen. Je mehr Betroffene man an die Regelschulen schicke, desto besser stehe man da.

Für ihn selbst jedenfalls war die Entscheidung, auf die Schule der Blista zu wechseln, die richtige. Dort habe er in kleineren Klassen mit den entsprechenden Methoden besser lernen können. Zudem habe er dort im Internat früh selbstständig werden müssen und wertvolle Tipps für das alltägliche Leben mit auf den Weg bekommen. 2011 machte er dort sein Zentralabitur - mit demselben Stoff wie an den regulären Schulen.

von Peter Gassner

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