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Vegan geht nicht spontan

Selbsttest: Vegan leben Vegan geht nicht spontan

Ich habe meinen Alltag verloren. Irgendwo zwischen Graupen, Tofu und Sojamilch. Sieben Tage habe ich vegan gelebt. Dabei war nicht die Ernährungsumstellung, sondern der Verzicht auf meine Spontanität das größte Problem.

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Quelle: Nadine Weigel, Montage: Pavlenko

Marburg. Es sind drei Wörter, die mein Leben verändert haben. Drei Wörter, die mir Diskussionen, anregende Gespräche aber auch eine Portion Stress einbrockten. „Ich lebe vegan“ - zumindest für eine Woche. Niemanden, den ich in dieser Zeit getroffen habe, schafft es, diese Aussage unkommentiert stehen zu lassen. Keine Frage - das Thema polarisiert. Jeder hat eine Meinung dazu. Und jeder will sie loswerden. Ich treffe entweder um Verständnis kämpfende Befürworter oder verständnislose Gegner. Schwarz und weiß. Kein grau. Der Verzicht auf alle tierischen Produkte - vor meinem Experiment auch für mich unvorstellbar. Mehr noch: nicht nachvollziehbar. Und auch nach dem Selbstversuch bin ich keinen Millimeter von diesem Standpunkt abgewichen.

Salatdressing wird zur ersten Stolperfalle

Was ich aber gelernt habe: Nahrung nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen. Ich war gezwungen, mir Gedanken über jede meiner Mahlzeiten zu machen, zu planen und Produkte auf ihre Herkunft und Inhaltsstoffe zu überprüfen. Mit Verwunderung registrierte ich, wie hoch mein Konsum an Milch- und Fleischprodukten tatsächlich ist. Aber bis es zu dieser versöhnlichen Erkenntnis kam, habe ich manches Mal geflucht und einmal bewusst meine vegane Woche durchbrochen. Ich bin in eine neue Welt eingetaucht und darüber fast vereinsamt.

Mein Selbstversuch startete mit einem Einkaufsmarathon. Eier, Milch, Aufschnitt und Käse wurden aus dem Kühlschrank verbannt und gegen Sojamilch, Marmelade, Tofu und einen veganen Aufschnitt ersetzt. Dazu: Gemüse, Gemüse und nochmals Gemüse. Und ich gebe zu: mit jedem Öffnen des Kühlschrankes stellte sich ein gewisses „Hoppla, ich lebe gesund-Gefühl ein.“ An Tag eins, wohlbemerkt. An Tag zwei weicht das „Ich lebe gesund-Gefühl“ der „Von was soll ich leben?-Panik“.

Schließlich hatte ich mir vorgenommen, meinen Alltag vorerst nicht zu ändern. Mittagspause mit den Kollegen muss doch auch für einen „Veganer auf Probe“ möglich sein. Um es kurz zu machen: Nein. Ist es (fast) nicht. Auf kaum einer Speisekarte findet sich ein veganes Gericht. Was bleibt ist Salat vom Buffet und Brot. Später sollte sich herausstellen, dass selbst das Salatdressing, das auf den ersten Blick „vegan“ erschien, alles andere als vegan war. Ich habe den Salat trotzdem gegessen. Denn Lebensmittel wegzuwerfen ist in meinen Augen ein noch größeres Vergehen, als gegen meine eigenen Vorsätze zu verstoßen. An Tag drei gehe ich mit meiner Tupperdose in die Mittagspause. Der Inhalt ist lecker. Essen muss ich trotzdem allein. Die Kollegen sind davongebraust. Es ist Schnitzeltag.

Was fehlt ist dieLebenseinstellung

Tag vier, ein Samstag, verbringe ich im Supermarkt. Die vegane Auswahl - abseits der Gemüsetheke - ist groß. Meine Verwunderung auch. Sojaschnitzel und Frikadellen, Bolognese-Lasagne und veganen Wurstaufstrich. Alles habe ich erwartet hier zu finden. Aber das? Die Erklärung liefern mir die Menschen, die mein Projekt im Internet verfolgen. Unter ihnen zahlreiche Veganer. Der Konsumverzicht von tierischen Produkten sei eine bewusste Entscheidung gewesen. Das sei definitiv eine Gewissens- oftmals aber keine Geschmacksfrage. Wieso also nicht den Ernährungsplan mit Ersatzprodukten, die Geschmack und Konsistenz nachbilden, ergänzen? In meinen Korb wandern also vegane Frikadellen - India Style. Der Geschmackstest zeigt: anders. Nicht schlecht. Aber anders.

Einkaufen - ohnehin eine meiner Hauptbeschäftigungen der letzten Tage. Irgendwie fehlt es an Routine. Ich verirre mich in Läden, die ich nie zuvor betreten habe. Lerne, dass Bulgur kein Land im Osten Europas, sondern eine schmackhafte Grundlage für ein Essen sein kann. Philosophiere mit Menschen, deren Einkaufskorb ebenfalls mit veganen Produkten gefüllt ist, über Soja-, Reis-, und Mandelmilch. Mein Geldbeutel lehrt mich die nächste Lektion: eine bewusste Ernährung hat ihren Preis.

Denn meine Einkäufe waren, auf den ersten Blick, teurer. Beim Nachrechnen muss ich gestehen, dass ich in den vergangenen Tagen mein übliches Budget nicht überschritten habe. Ich habe dafür an anderen Ecken gespart. Wenn auch unfreiwillig: keine Kaffeeverabredung mit Freunden, kaum kostspielige Mittagspausen mit Kollegen. Zu meiner Verwunderung wartet auch ein namhafter Discounter mit einer großen, veganen Produktpalette auf. Aber, ist das im Sinne der veganen Lebenseinstellung? Jein - lautet die Antwort der Internetgemeinde. Es gehe zwar nicht nur darum, den Konsum tierischer Produkte abzulehnen, sondern sich auch für Themen wie „Nachhaltigkeit“ zu interessieren. Aber letzten Endes sei es das Portemonnaie, das den Lebensstil vorgebe. Wenn also der Einkauf bei einem Discounter das Leben dieser Werte ermöglicht - wieso nicht?

Beim Kochen die Einsicht:Ich bin kein Veganer

Wieso nicht!, denke auch ich und probiere mich durch das Sortiment. Nach sieben lehrreichen aber auch anstrengenden Tagen, kommt mir beim Kochen die wohl wichtigste Erkenntnis: ich bin nur ein Mensch, der sieben Tage den Konsum tierischer Produkte verzichtet hat. Ein Veganer bin ich deswegen noch lange nicht. Auch keiner auf Probe. Dafür fehlt es mir an innerer Überzeugung. Vegan leben beinhaltet mehr, als seine Ernährung zu ändern. Es ist eine Lebenseinstellung - und die gibt es nicht im Supermarkt zu kaufen. Auch nicht in der Bio-Abteilung.

Das Tagebuch zum Selbsttest finden Sie hier.

von Marie Lisa Schulz

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