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Vaupel fordert kleine Wohneinheiten für Camp

Flüchtlingsunterkünfte in Marburg und Wetzlar Vaupel fordert kleine Wohneinheiten für Camp

Damit es eine Zukunft für das Flüchtlings-Camp in Cappel gibt, stellt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) Bedingungen. Die Landesregierung plant indes Tausende Wohncontainer und Holzhütten zu errichten.

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In den hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen wie in Marburg, wohnen Hunderte Flüchtlinge in Zelten. Wie die Unterbringung der Menschen im Winter aussehen soll, ist noch unklar.

Quelle: Andre Hirtz / dpa

Marburg. Marburg kann sich der „edlen Aufgabe“, Flüchtlinge auch in einer Erstaufnahmeeinrichtung zu betreuen, nicht entziehen. Dieser Überzeugung ist jedenfalls Oberbürgermeister Egon Vaupel, der im Gespräch mit der OP sagt:

Das Land braucht auch mittelfristig Außenstellen der Erstaufnahmeeinrichtung wie in Cappel, um Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf anzubieten. „Auf absehbare Zeit wird die Zahl der Flüchtlinge nicht wieder auf das Niveau von 2012 sinken.“ Für Vaupel ist aber auch klar: Eine dauerhafte Unterbringung in Zelten ist menschenunwürdig.

Der Oberbürgermeister hat gegenüber dem Regierungspräsidenten deswegen Bedingungen genannt, unter denen die Stadt bereit ist, über den Oktober hinaus Flüchtlinge aufzunehmen: Er fordert den 
Ersatz der Zelte durch feste Unterkünfte – keine Wohncontainer, sondern kleinere Einheiten, in denen „Menschen ihre Individualität wahren, sich einen Rest von Intimsphäre wahren können“.

Zudem müsse der Gesamteindruck des Lagers an der Umgehungstraße eine deutliche Verbesserung erfahren, fordert Vaupel. Er will die Standards, die Marburg bei der Flüchtlingsbetreuung gesetzt hat, 
gewahrt wissen – von der Anlaufstelle im Rudert über die Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und die Nutzung des nach wie vor überwältigenden ehrenamtlichen Engagements bis hin zur Arbeit der Ombudspersonen.

Unterschiedliche Angaben zu Lieferzeit von Containern

Die Stadt als Eigentümerin des Geländes plant im Übrigen nicht, das Areal zu verkaufen. Nach OP-Informationen liegen mehreren hessischen Kommunen, die Flüchtlinge aufnehmen, seit Monaten Angebote 
von verschiedenen europäischen Wohncontainer-Herstellern vor.

Ein halbes Jahr 
Lieferzeit sollen diese in Aussicht gestellt haben, sobald Bestellungen aufgegeben werden. Heißt: Um im November Wohncontainer, die von deutschen Herstellern nach eigenen Angaben aufgrund von Lieferengpässen kaum zu bekommen sind, aufbauen zu können, hätten die Landesbehörden bereits im Mai bestellen müssen.

Solche Meldungen klingen fast so, als müssten sich Flüchtlinge darauf einstellen, auch über den Oktober hinaus in Zelten untergebracht zu werden. Vaupel hat allerdings andere Erfahrungen gemacht: Er bekomme jede Woche Angebote verschiedener Hersteller, die auch kurzfristig liefern könnten.

Die Staatskanzlei favorisiert laut Aussagen von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nach einem noch nicht feststehenden Abbau von Zelt-Unterkünften wie in Marburg die Flüchtlings-Unterbringung in solchen Wohncontainern.


Zudem suche das Land an 80 hessischen Standorten Möglichkeiten, Holzhäuser aufzubauen. „Wir setzen alles daran, bis Jahresende insgesamt zusätzliche 13.000 Plätze zu schaffen“, sagt Esther Walter, Sprecherin des Sozialministeriums auf OP-Anfrage.

von Till Conrad
 und Björn Wisker

 
 Hintergrund
Am Mittwoch waren in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) in Gießen mit ihren Standorten in Gießen, Neustadt, Kassel, Rotenburg, Bad Arolsen, Kirchheim, 
Wetzlar, Marburg, Limburg, Bensheim und Darmstadt insgesamt 12.071 Flüchtlinge untergebracht. In den letzten 24 Stunden wurden 421 
Menschen aufgenommen. Hauptherkunftsländer sind in diesem Monat bislang Syrien, Afghanistan, Albanien, Eritrea und Pakistan. 81 Personen sollen noch am Freitag nach Albanien und fünf Personen in den Kosovo abgeschoben. Von Mittwoch auf Donnerstag wurden 
277 Personen aufgenommen. 188 Flüchtlinge wurden den Landkreisen zugewiesen.
 

Lage in Wetzlarer Flüchtlingscamp entspannt sich

Sie hatten sogar mit einem Hungerstreik gedroht. Doch nun hat sich die Stimmung im Wetzlarer Flüchtlingscamp beruhigt. Die ersten Asylbewerber können die Zeltstadt verlassen (Foto: Klaus Pradella).

Nach den Protesten von Flüchtlingen im Wetzlarer Zeltcamp hat sich am Donenrstag die Lage zu entspannen begonnen. „Die Forderung, endlich mit Transfers in weitere Unterkünfte zu beginnen, wurde umgesetzt“, sagte Bettina Twrsnick von der Wetzlarer Flüchtlingshilfe. Das Regierungspräsidium (RP) Gießen bestätigte, dass am Morgen der erste Bus mit mehr als 50 Flüchtlingen die Zeltunterkunft im mittelhessischen Wetzlar verlassen habe.

Es habe medizinische Gründe für die Verzögerungen gegeben. In den nächsten Tagen seien weitere Zuweisungen auf Kommunen vorgesehen. Somit ist auch der von Flüchtlingen angedrohte Hungerstreik vom Tisch. Sie hatten über prekäre Umstände im mit 700 Menschen vollbelegten Camp geklagt. „Wir arbeiten an Verbesserungen und bemühen uns, die Probleme zu lösen“ sagte RP-Sprecherin Ina Velte.

Es werde versucht, mehr Toiletten aufzustellen. Die Flüchtlinge sind unzufrieden mit der Hygiene. Das Camp in Wetzlar ist eine der Notunterkünfte von Hessens Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. In den nächsten Tagen soll ein weiteres Zeltdorf in Schwarzenborn (Schwalm-Eder-Kreis) aufgebaut werden, wie das Sozialministerium am Donnerstagabend mitteilte.

Bluttest verzögerten Transport

Im Gespräch mit Flüchtlingsvertretern hatte die Behörde die Hintergründe für die Situation erläutert. Weil es Fälle von Hepatitis A gab, musste sichergestellt werden, dass die für den weiteren Transfer vorgesehenen Menschen immun gegen die Infektionskrankheit sind. Die Untersuchungen der Blutproben hatte Zeit gebraucht. Als die Ergebnisse vorlagen, konnte mit den Zuweisungen begonnen werden.

Unterdessen informiert die Behörde vermehrt darüber, wie Flüchtlinge freiwillig in ihre Heimatländer zurück
reisen können. Einige Menschen aus Albanien, die keine Bleibeperspektive haben, hatten den Wunsch geäußert, wieder auszureisen, wie Velte erläuterte.

Zwölf der 14 Asylbewerber, die vor zwei Wochen in einer Gießener Unterkunft am Überfall auf ein Notzelt beteiligt gewesen sein sollen, seien am Mittwoch in ihr Heimatland abgeschoben worden. Ein Flugzeug, in dem sich weitere 75 abgelehnte Asylbewerber aus Albanien befunden hätten, habe die zwölf mutmaßlichen Gewalttäter von Calden nach Tirana gebracht. Zuvor waren bereits 72 Albaner, die die Erstaufnahme freiwillig verlassen hatten, ausgeflogen worden.

Bouffier: Haben keine normalen Zeiten

Die Abschiebung der zwölf Männer nannte Regierungspräsident Lars Witteck ein wichtiges Signal. „Wer ohnehin keine Bleibeperspektive hat und dann noch gegen andere Flüchtlinge gewalttätig wird, muss die Konsequenzen tragen“, sagte Witteck. Zwei der Beschuldigten, die zuletzt in Untersuchungshaft saßen, seien noch hier. Es handele sich um minderjährige und alleinreisende Asylbewerber, die nicht einfach abgeschoben werden könnten.

Das Gesundheitsamt habe das Zuweisungs-Verfahren zu sehr aufgehalten, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Donnerstag in Kirchhain-Großseelheim, wo er sich über ein Integrations-Projekt informierte. Man hätte schneller handeln müssen, sagte Bouffier. Allerdings räumte der Landesvater auch ein: „Die Regeln, die wir haben, sind für normale Zeiten gedacht. Normale Zeiten haben wir nicht.“

Das Land sei nicht auf die aktuelle Situation eingestellt. Die Flüchtlingszahlen seien enorm gestiegen, das sei eine riesige Herausforderung. Die Gesundheitslage in Wetzlar musste den Bewohnern des Camps in 17 Sprachen übersetzt werden – auch das müsse stets schnell funktionieren, so Bouffier.

von unserer Agentur 
und Anna Ntemiris

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