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Vage Hoffnung auf einen Neuanfang

Brexit Vage Hoffnung auf einen Neuanfang

Sie haben es getan: In einer historischen Volksabstimmung sprachen sich 51,9 Prozent der Briten für den Austritt Großbritanniens aus der EU aus. In einer OP-Umfrage zeigen sich Bürger sowohl besorgt als auch zuversichtlich.

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Das Ergebnis des EU-Referendums in Großbritannien stößt laut OP-Umfrage in Marburg bei den Bürgern auf geteilte Meinungen.

Quelle: dpa

Marburg. Karin Müßig bezeichnet sich selbst als Anhängerin der EU und ist von dem Gedanken der EU, dem Zusammenleben der Menschen und Völker in Europa im Sinne einer Gemeinschaft, überzeugt. Umso bedauerlicher findet sie die Entscheidung der Briten.

Die 69-Jährige befürchtet, dass nun „immer mehr überlegen, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Auch der Nationalismus, der rundherum überall auftaucht, macht mir Sorge. Von daher habe ich vor den Auswirkungen Angst, weil ich nicht weiß, was es für uns und Europa bedeutet.“

Damit drückt sie die Sorgen aus, die im Moment wohl viele Bürger haben. Die politischen, wirtschaftlichen, aber auch die gesellschaftlichen Folgen sind heute, einen Tag nach dem EU-Referendum in Großbritannien, noch nicht abzusehen.

Janna Franz (24) befürchtet insbesondere: „Es können problematische Folgen im Wirtschaftlichen und in der allgemeinen Zusammenarbeit kommen.“

Jonas Bottenbruch sieht das etwas gelassener: „Wenn jetzt einer der größten Gegner der EU aus der EU verschwindet, dann ermöglicht das ein stärkeres Zusammenwachsen der verbliebenen Nationen“, hofft der 23-Jährige.

EU-Störenfried Großbritannien?

Ähnlich sieht das auch Corina Weickhmann (Foto). „Ich finde die Entscheidung gut, weil Großbritannien immer etwas blockiert und sich die ganze Zeit über irgendetwas mockiert hat.“ Das Ergebnis habe sie nicht überrascht. „Es gab viele Umfragen, die das schon vor der Wahl bestätigt haben.“

Jonas Bottenbruch hingegen war von den Ereignissen überrascht. „Gerade nach dem Mord an der Befürworterin der ‚Remain-Kampagne‘ Jo Cox hätte ich das nicht erwartet. Außer­dem haben die Buchmacher gestern noch gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Verbleib bei 85 Prozent liegt.“

„Ich habe gewusst, dass es knapp über 50 Prozent sein würden“, sagt Karin Müßig. „Aber nach dem Attentat habe ich gedacht, dass es eventuell doch kippt, also dass diese 53 Prozent eher für den Verbleib wären als für den Ausstieg.Was mich jetzt interessiert, ist, was die Schotten und die Nordiren machen. Die haben ja sehr deutlich gemacht, dass sie in der EU bleiben wollen.“

Der Morgen danach in London

Daniel Fenner lebt und arbeitet seit 2010 in London. Den „Morgen danach“ in der Hauptstadt des Vereinten Königreichs beschreibt der 35-Jährige als „irgendetwas zwischen Ungläubigkeit, Schock und Unsicherheit“. Auch er sei geschockt: „Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass eine Mehrheit der Menschen in der globalisierten Welt im Jahre 2016 der Meinung sein könnte, man sei ohne die EU besser dran.“

Fenner, der ursprünglich aus dem Biedenkopfer Stadtteil Kombach kommt,  empfindet das Land als gespalten – nicht zuletzt wegen der hitzigen politischen Debatten, die in den Wochen vor dem Brexit geführt wurden. „Es ging viel zu wenig um Fakten und Inhalte und viel mehr um Emotionen und persönliche Angriffe der Politiker untereinander.“ Viele Politiker, so sein Vorwurf, hätten im Volk absichtlich Ängste, zum Beispiel vor Immigranten, geschürt und aus Eigeninteresse gehandelt, um nach einem Brexit bessere Karrierechancen zu haben; und er nennt als Beispiel Boris Johnson, der nun gute Chancen auf den Premierminister-Posten hat.

In den Medien habe er gehört, dass sich viele Wähler nicht ausreichend informiert gefühlt haben und deswegen entweder nicht zur Wahl gehen wollten oder aus dem Bauch eine Entscheidung treffen mussten, deren Tragweite ihnen nicht bewusst sein konnte.

„Meiner Meinung nach sollten in einer repräsentativen Demokratie die gewählten Volksvertreter Entscheidungen treffen, die nicht nur für das Land selbst, sondern auch für die Zukunft der EU massive Konsequenzen haben können“, findet Fenner, der als Nicht-Brite nicht an dem Referendum teilnehmen durfte.

Ob er in London bleibe, sei jetzt offen. „Zum ersten Mal, seit ich vor sechs Jahren nach England gezogen bin, denke ich ernsthaft darüber nach, das Land zu verlassen.“ Eins habe er sich vorgenommen: „Ich will meine Entscheidung mit dem Kopf treffen und nicht aus dem Bauch heraus.“

Übrigens: In der Marburger Partnerstadt Northampton stimmte eine deutliche Mehrheit von 58,4 Prozent (61 454 Wahlgänger) für den Brexit.

So sucht Deutschland

Nach dem Votum explodierten die Google-Suchanfragen. Bemerkenswerterweise wandten sich viele Briten erst nach Schließung der Wahllokale an Google, um sich über die möglichen Folgen ihrer Entscheidung zu informieren (siehe Grafik). Auch die Deutschen informierten sich fleißig. Dies waren laut „GoogleTrends“ die meistgestellten Fragen in Deutschland am Morgen nach dem Referendum:

  1. Was ist Brexit
  2. Wozu Brexit
  3. Was bedeutet der Brexit für Deutschland?
  4. Brexit was nun?
  5. Was passiert bei Brexit?
  6. Was bedeutet der Brexit für Europa?
  7. Warum wollen Briten Brexit?
  8. Brexit wann Austritt?
  9. Brexit was ändert sich?
  10. Brexit wie geht es weiter?

von Florian Bernhardt, Dennis Siepmann und Ruth Korte

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