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Urteile der NS-Justiz trafen die Opposition

Marburger Wissenschaftler stellen Sammelband vor Urteile der NS-Justiz trafen die Opposition

Der Soziologe Dr. Wolfgang Form, der Politikwissenschaftler Professor Theo Schiller und der Jurist Professor Georg Falk stellen am Donnerstag, 28. Januar, ab 20 Uhr in der Buchhandlung Elwert-Lehmanns ihr Buch über NS-Justiz in Hessen vor.

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Über die Eröffnung der in Marburg konzipierten Ausstellung freuten sich im Sommer 2013 der damalige Landgerichts-Präsident Dr. Christoph Ullrich (von links) sowie die Forscher Dr. Wolfgang Form und Professor Theo Schiller.

Quelle: Archiv

Marburg. Allein im Gebiet des heutigen Landes Hessen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus Tausende Männer und Frauen wegen ihrer Gesinnung oder aus nichtigen Anlässen zu schweren Strafen bis hin zum Tod verurteilt. Das haben Forscher der Marburger Universität zusammen mit Rechts-Experten und Historikern herausgefunden. „Nach 1945 war eine Aufarbeitung über Jahrzehnte unterblieben, Richter und Staatsanwälte wurden strafrechtlich nicht belangt“, macht Dr. Wolfgang Form deutlich.

Das von Marburger Forschern um Form und Professor Theo Schiller mit auf den Weg gebrachte Forschungsprojekt mündete im Jahr 2012 in eine vom Hessischen Studienzentrum der Finanzverwaltung geförderte Wanderausstellung, die im April 2013 auch in Marburg zu sehen war.

Justiz als „Stützpfeiler des NS-Systems“

Jetzt ist auch ein umfangreicher Band erschienen, der auf mehr als 650 Seiten nicht nur den Ausstellungskatalog dokumentiert, sondern auch zahlreiche vertiefende Aufsätze beinhaltet, die zum größten Teil im Rahmenprogramm gehalten wurden.

„Die Justiz hatte dem Wesen des bürokratischen Staatsverbrechens der Nationalsozialisten nichts entgegengesetzt“, schreiben die Herausgeber Form, Schiller und Lothar Seitz im Vorwort des Buchs. „Sie gehörte mehrheitlich zu den Stützpfeilern des NS-Regimes“.

Wo immer der NS-Staat zur Durchsetzung seiner Ziele Richter und Staatsanwälte brauchte und zum Einsatz brachte, sei der „furchtbare Jurist“ im Zweifel die Regel und nicht die Ausnahme gewesen, so die Herausgeber. Mit dem politischen Strafrecht habe das NS-Regime ein fast grenzenlos einsetzbares Instrumentarium zur Aufrechterhaltung, Festigung und zum Ausbau seines alleinigen Machtanspruchs geschaffen, ergänzt Form in seinem Überblick zum Thema „Politische NS-Justiz in Hessen“.

Zuchthausstrafen
 wegen „Hochverrat“

Vor allem am Beispiel des Oberlandesgerichts Kassel hatten Forscher aus Marburg in dem langjährigen Forschungsprojekt die Rolle der NS-Justiz in Hessen untersucht. Im Gegensatz zum in Berlin tagenden Volksgerichtshof, der als Instrument der Auslöschung der politischen Opposition gedacht gewesen sei, hätten die Oberlandesgerichte in Sachen politischer Verfahren vor allem der Abschreckung gedient, erläutert der Politologe Professor Theo Schiller.

Der politische Senat dieses Gerichts tagte noch 1944 in der ehemaligen landgräflichen Kanzlei in Marburg unterhalb des Landgrafenschlosses. Dort waren in der NS-Zeit 2980 Personen angeklagt wegen Tatvorwürfen wie Vorbereitung zum Hochverrat, staatsfeindlicher Mundpropaganda oder Landesverrat. 15 der Angeklagten wurden zum Tod verurteilt, der Großteil der übrigen Angeklagten erhielt langjährige Gefängnis- oder Zuchthausstrafen.

So wurde beispielsweise Gerda Wende aus Limburg im letzten Urteil des Senats im Dezember 1944 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie englische Radiosender gehört hatte und mit einem französischen Kriegsgefangenen liiert war. Fünf Jahre ins Zuchthaus musste der Maurerpolier Richard Sebastiani. Ihm wurde vorgeworfen, er habe in einem Gespräch mit einem überzeugten Nationalsozialisten im August 1943 verkündet, Adolf Hitler leide an Kehlkopfkrebs und sei innerhalb von 14 Tagen erledigt.

Buchvorstellung am 28. Januar

In detektivischer Kleinarbeit hatten die Forscher die über unterschiedliche Gerichtsarchive zerstreuten Akten zu den Prozessverläufen und Gerichtsurteilen zusammengetragen. Insgesamt 40.000 Aktenblätter bereiteten sie so auf, dass sie auch mit Hilfe von Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der hessischen Landesregierung jetzt in digitalisierter Form der Forschung zur Verfügung stehen.

Der Jurist Professor Georg Falk, der NS-Justizforscher Dr. Wolfgang Form und der Politikwissenschaftler Theo Schiller stellen die jetzt erschienene Publikation am Donnerstag, 28. Januar, ab 20 Uhr in der Buchhandlung „Elwert-Lehmanns“, Reitgasse 7, vor. Form wird die Vorgeschichte des Buchs präsentieren und die grundlegenden Ergebnisse vorstellen. Anschließend wird Falk an einem Fallbeispiel die Rolle eines Richters in der NS-Zeit analysieren. Schiller berichtet exemplarisch darüber, was aus den Richtern nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus ab dem Jahr 1945 geworden ist.

  • Wolfgang Form, Theo Schiller, Lothar Seitz (Hrsg.): NS-Justiz in Hessen. Verfolgung, Kontinuitäten, Erbe. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Marburg 2015. 692 Seiten. 19,90 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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