Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Unverzichtbar oder reine Tierquälerei?

Tierversuche Unverzichtbar oder reine Tierquälerei?

Ohne Tierversuche, sagte der Marburger Professor Michael Lohoff, wären viele Erfolge in der Krebstherapie nicht möglich gewesen.

Voriger Artikel
Obstgehölz zum Kaufen und Gartentipps
Nächster Artikel
Vandalen sprühen 24 Feuerlöscher in Hochhaus leer

Guido Schemken, Leiter des Tierhauses des biomedizinischen Forschungszentrums, füttert eine Maus. 2015 wurden insgesamt gut 13.000 Tiere zu Versuchen herangezogen.

Quelle: privat

Marburg. Der Eingang zur Abteilung im Erdgeschoss erinnert an ein Hochsicherheitslabor. Beschäftigte und Besucher müssen zunächst durch eine Schleuse, in der sie eine Mundschutzmaske verpasst bekommen und eine sterile Kopfhaube, unter der die Haare verborgen werden müssen. Die Straßenschuhe bleiben in der Schleuse, der Besucher erhält stattdessen eine Art Badelatschen, die zudem noch in einen Einmal-Überschuh verpackt werden. Sterile Handschuhe und ein steriler Kittel folgen - ohne diese Vorsichtsmaßnahmen geht es nicht weiter.

Wir befinden uns am Eingang des biomedizinischen Forschungszentrums, in dem sich das Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene befindet. Laborleiter ist Professor Dr. Ulrich Steinhoff, der erklärt, warum dieser hohe Aufwand beim Zutritt des Tierversuchslabors betrieben wird: Zum einen, so Steinhoff, gibt es für jede Art von Tierversuchen hohe Auflagen, die dem Gedanken folgen, die Tiere so gut wie möglich zu schützen und auch das Wohlergehen der Tierpfleger zu beachten. Zum anderen kann jeder eingeschleppte Keim, jede Verunreinigung das Ergebnis verfälschen.

Wenn man die Käfige sieht, hat man als Außenstehender den Eindruck, dass es den Tieren nicht schlecht geht, die Käfige gewähren Bewegungsfreiheit und haben ein kleines Holzhäuschen, das den Mäusen eine Rückzugsmöglichkeit bieten soll.

Professor Dr. Michael Lohoff (Archivfoto) ist Direktor am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene und bekennender Befürworter von Tierversuchen. Ohne Tierversuche, so sagt der Nach-Nach-Nachfolger auf dem Hygienelehrstuhl des Emil von Behring, dem Nobelpreisträger und Urvater der Mikrobiologie, wären viele Fortschritte beispielsweise jüngst in der Krebstherapie nicht möglich gewesen.

Erfolge bei der Suche nach Therapien gegen Asthma

Beispiel: Metastasen beim schwarzen Hautkrebs waren früher ein sicheres Todesurteil. Inzwischen profitieren knapp 50 Prozent der Betroffenen von der Tatsache, dass ein Antikörper gegen ein Molekül mit dem schönen Namen PD-1 verabreicht wird, wodurch es zu einer gesteigerten Immunantwort gegen die entarteten Zellen kommt und somit das Wachstum des Krebses gehemmt wird.

Das PD-1 Molekül ist nur durch intensive Grundlagenforschung an Mäusen entdeckt worden, berichtet Professor Lohoff. Auch die Wirksamkeit des Antikörpers beim schwarzen Hautkrebs wurde erstmals an Mäusen erkannt. „Patienten haben durch diese tierexperimentelle Forschung eine deutlich bessere Überlebenschance, leben länger und haben eine höhere Lebensqualität“, sagt der Mikrobiologe.

Ähnliche Erfolge gebe es bei der Suche nach Therapien etwa gegen Asthma, Rheuma oder MS, deren Symptome mittlerweile häufig stark gebessert werden können.

Kritiker der tierexperimentellen Forschung führen an, dass diese Krankheiten aber trotz intensiver Forschungstätigkeit bis heute nicht geheilt werden können. Sie sehen darin einen Beweis, dass die Forschung mit Tieren sinnlos sei. „Übersehen wird jedoch,“ so Lohoff, „dass vor der Entwicklung einer Therapie Schritt für Schritt erst die exakten molekularen und zellulären Krankheitsmechanismen aufgeklärt werden müssen.“ Gerade hier leiste die tierexperimentelle Grundlagenforschung seit Langem einen großen Beitrag. Ein lebender Organismus bestehe eben aus vielen Regelkreisen (Nervensystem, Hormonsystem, Immunsystem, Stoffwechselsystem), die sich über Jahrmillionen entwickelt haben und in komplizierter Weise in den Organen zusammenwirken.

„Natürlich“, sagt Lohoff, „sind Menschen keine Mäuse, und deswegen sind Erkenntnisse aus dem Tierversuch zwar häufig, aber nicht immer auf Menschen übertragbar.“ Tierversuche, so Lohoff, können immer nur neben und zusammen mit in-vitro-Versuchen, Kulturen von Mensch- und Maus-Zellen, Computermodellen und Gewebeersatz-Kulturen als ein zusätzliches Untersuchungsmodell dienen - aber eben als ein am Ende notwendiges.

EU-Richtlinie fordert Reduzierung von Versuchen

Lohoff, der auch gewählter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ist, wendet sich damit gegen Argumente von Tierversuchsgegnern, die diese Versuche für grundsätzlich austauschbar halten. „Man kann Erfolg oder Misserfolg einer Impfung“, sagt er, „nicht an einer Zelle testen oder ein Kreislaufmedikament an einem Gewebe außerhalb eines Körpers ohne Durchblutung.“

Gleichwohl unterstütze die Deutsche Gesellschaft für Immunologie nachhaltig Bemühungen, mit künstlichen Geweben so viel wie möglich Tierversuche zu ersetzen.

2015 wurden 114 Tierversuche an der Philipps-Universität durchgeführt und 13042 Versuchstiere an das Regierungspräsidium gemeldet; die große Mehrheit - 91 Prozent der Tiere waren Mäuse, berichtet die Pressestelle der Universität.

Professor Lohoff ergänzt, dass die Zahl der „Tierversuche“ steigt. Allerdings liege das auch daran, dass die Nachkommen von gendefekten Mäusen (häufig pauschal als „Krebsmäuse“ bezeichnet) in diesen Zahlen enthalten sind, auch wenn mit ihnen während ihres gesamten Lebens kein einziges Experiment veranstaltet wird.

Lohoff nennt aber auch andere Zahlen: Pro Jahr werden deutschlandweit Tierversuche an etwa 3 Millionen Tieren durchgeführt - eine unglaublich hohe Zahl, die von Tierversuchsgegnern immer wieder ins Feld geführt wird. Demgegenüber, so der Wissenschaftler, stehen aber jährlich 750 Millionen Tiere, die für die Nahrungsmittelerzeugung geschlachtet worden sind - und die sehr häufig unter für die Tiere extrem belastenden Bedingungen in Massentierzuchtanlagen gehalten werden - und dort nur unter Einsatz hoher Antibiotikamengen und damit dem Preis der Entstehung resistenter Keime überleben können.

Ein anderes Beispiel: Von den 33,3 Millionen Haustieren in Deutschland waren 12,3 Millionen Katzen. „Wie viel mehr Mäuse diese Hauskatzen wohl in sehr unschöner Weise getötet - und damit dem Naturgleichgewicht entzogen haben?“, fragt Lohoff. „Da wir nicht verpflichtet sind, Hauskatzen zu haben, werden in beiden Fällen Mäuse letztlich durch den Wunsch des Menschen getötet, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven“.

Er weiß, dass er mit solchen Sätzen provoziert und das will er auch. Lohoff ist für eine ethische Diskussion, aber „in fairer Weise“, sagt er. „Heuchelei“ seien manche Argumente der Tierversuchsgegner, dagegen will er angehen. Wenn die Mehrheit Tierversuche abschaffen wolle, sei dies zu akzeptieren. Aber dies würde auf absehbare Zeit den medizinischen Fortschritt schwer schädigen - und neue Medikamente würden dann erstmals unmittelbar am Menschen erstmals ausprobiert - mit allen Unwägbarkeiten für katastrophale Nebenwirkungen.

Lohoff will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Tierversuche nichts mit sinnloser Tierquälerei zu tun haben. Dafür spreche unter anderem die Genehmigungspraxis für Tierversuche (siehe „HINTERGRUND“).

Entscheidend für die Bewertung von Tierversuchen, so Lohoff, solle die EU-Richtlinie „reduction, refinement and replace­ment” sein. Sie fordert die Reduzierung, optimale Zuchtbedingungen und möglichst den Ersatz von Tierversuchen. „Für die Zuchtbedingungen und den Ersatz ist dies der Maßstab auch unseres Handelns“, sagt Lohoff.

von Till Conrad

 
Hintergrund: Vom Antrag zum Tierversuch

Die Vorarbeiten für einen Tierversuchsantrag benötigen alleine innerhalb der Universität etwa zwei Monate, bis die Tierschutzexperten ihn als gesetzeskonform einschätzen und seine Einreichung beim Regierungspräsidium freigeben. Der Antrag wird dann beim Regierungspräsidium erneut daraufhin geprüft, ob er den formalen Vorgaben der Tierschutzversuchstierverordnung entspricht, berichtet Behördensprecherin Gabriele Fischer. Bei fehlenden oder unklaren Punkten wird nachgefragt.

Nun wird dem Antragsteller mitgeteilt, dass sein Antrag vollständig ist. Damit beginnt die Frist zu laufen, innerhalb derer die Behörde eine Entscheidung treffen muss. Sie beträgt 40 Arbeitstage, die in begründeten Fällen auf 55 Arbeitstage ausgedehnt werden kann.

Die Unterlagen werden an die Tierschutzkommission geschickt. Beim RP Gießen gibt es zwei dieser ehrenamtlichen Experten-Kommissionen, die abwechselnd alle zwei Wochen tagen. Diese Kommissionen unterstützen die Behörde bei der Entscheidung, ob ein Antrag genehmigt werden kann oder nicht.

Und genau hier wird darauf geachtet, ob das zu erwartende Leid der Tiere im Vergleich zu den erwarteten Erkenntnissen gerechtfertigt ist. Manchmal müssen beim Antragsteller zusätzliche Daten für eine weitere Sitzung angefordert werden. Im Rahmen ihrer jeweiligen Sitzungen gibt die Kommission ein Votum ab. Dieses ist für die Behörde nicht bindend, wird jedoch in der Regel befolgt. So kommt es, dass von Seiten des RP eine durchschnittliche Dauer von Genehmigungsverfahren ab Vollständigkeit der Anträge von 51 Tagen dazukommt. In der Summe ist also ein Antrag zumeist mindestens drei bis vier Monate unterwegs, bis es zum abschließenden Votum der Genehmigung kommt – „ein offensichtlicher Nachteil im Wettbewerb mit anderen Ländern außerhalb von Europa, etwa den USA oder China“, sagt Lohoff.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr