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Unterstützung bei der Karriere-Planung

100 Jahre DVBS Unterstützung bei der Karriere-Planung

Hundert Jahre Einsatz für blinde und sehbehinderte Menschen – das soll im September groß gefeiert werden. Doch die Erfolgsgeschichte begann bereits am 6. März 1916.

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Savo Ivanic (links) und Wilhelm Gerike arbeiten im DVBS-Büro in der Frauenbergstraße.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Am Sonntag jährt sich zum 100. Mal der Tag, als der Verein blinder Akademiker Deutschlands (VbAD) ins Vereinsregister eingetragen wurde. Seine Gründungsväter waren vor allem der Direktor der Marburger Augenklinik, Professor Alfred Bielschowsky, und der blinde Student Carl Strehl.

Auslöser für die Vereinsgründung waren ein Kriegsverbrechen und dessen Folgen: Der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg hatte dazu geführt, dass mehr als 3 000 deutsche Soldaten erblindeten. Nicht genug, dass ihnen das Augenlicht geraubt worden war, ihnen drohte auch, ihre Selbstbestimmung entzogen zu bekommen, indem man sie quasi als blinde Handwerker kasernierte, berichtet Dr. Heinz Willi Bach, Zweiter Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), wie sich der VbAD seit 1983 nennt. Zwischenzeitlich musste er sich auf Druck der Alliierten als „Verein blinder Geistesarbeiter Deutschlands“ (VbGD) bezeichnen.

Doch Akademiker, Studenten und Gymnasiasten, die als Soldaten erblindet waren, mochten sich „mit Bürstenbinden und Korbflechten nicht abfinden“, sagt Dr. Bach. Deshalb gründeten Professor Bielschowsky und Strehl sowie weitere Honoratioren 1916 den VbaD mit dem Ziel, eine Studienanstalt und Bücherei für Blinde einzurichten – „in einer kleinen, gesunden, günstig gelegenen und nicht zu teuren Stadt“, also in Marburg. Noch im selben Jahr wurde dort an der „Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Studierende“, der heutigen Blindenstudienanstalt (Blista) in Deutschland erstmals gymnasiale Bildung für blinde Menschen möglich. Beide Institutionen, DVBS und Blista, haben bis heute ihren Sitz in Marburg. In den 1970er Jahren hat sich der Verein emanzipiert, berichtet Dr. Bach. Die Geschäftsstelle, die sich seit mehr als 25 Jahren in der Frauenbergstraße 8 befindet, wurde ausgebaut. Die Mitarbeiter riefen einen Textservice für blinde Menschen ins Leben, ließen Texte auf Tonkassetten, später auf Compact Disc sprechen – „damals eine enorme Arbeits- und Studienerleichterung für blinde und sehbehinderte Menschen“, sagt Dr. Bach.

Der DVBS untergliedert sich in Bezirksgruppen, wobei „Hessen“, geleitet von Bachs Ehefrau Anette Bach, mit 400 Mitgliedern die größte ist – bundesweit sind 1 400 Menschen in akademischen und verwandten Berufen Mitglied. Es gibt aber auch eine Untergliederung in Berufsfachgruppen, zum Beispiel „Erziehung und Wissenschaft“, „Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik“ (MINT), „Medien“ und „Musik“, „Jura“, „Soziale Berufe und Psychologie“. Seit etwa zehn Jahren existiert auch, dem sich dahingehend verändernden Arbeitsleben folgend, eine Gruppe „Selbstständige“.

Regelmäßig Seminare und Exkursionen im Angebot

Vereinsziele sind laut Dr. Bach vor allem die Unterstützung der Mitglieder in Bildungsfragen und bei der Berufsfindung sowie das Coaching. Es geht aber auch darum, blinden und sehbehinderten Menschen die Teilnahme am kulturellen Leben zu erleichtern. So bieten die einzelnen Gruppen regelmäßig Seminare und Exkursionen an. Besonders rührig sei dort unter anderem die Gruppe „Ruhestand“ unter der Leitung von Dr. Johannes-Jürgen Meister.

Aktuell investiert der Verein besonders viel Energie in ein Mentoring-Projekt. Das heißt berufserfahrene Mitglieder beraten zum Beispiel beim Übergang vom Studium in den Beruf. Außerdem soll eine Ehrenamtsakademie zukünftig dabei helfen, Nachwuchs für die „solidarische Selbsthilfearbeit“ zu finden. „Weil blinde Menschen oft nicht wirklich Karriere machen“, wie Dr. Bach es ausdrückt, ist eine Weiterbildungsplattform im Aufbau. Ein wichtiger Bestandteil ist in Zusammenarbeit mit einem Berufsförderungswerk ein Projekt, das dabei hilft, blinde und sehbehinderte Menschen effektiver als bisher beruflich zu inkludieren. Denn laut Dr. Bach nehmen nur 25 Prozent der blinden und sehbehinderten Menschen überhaupt am Erwerbsleben teil – gegenüber 75 Prozent bei den nicht Behinderten. Es sei oft nicht sinnvoll, die Klienten des DVBS schlicht auf offene Stellen der Arbeitsverwaltung vorzuschlagen, betont Dr. Bach. Zielführend sei es, bei den Stärken jedes Einzelnen anzusetzen und darauf basierend geeignete Stellen zu suchen. Das könnte auch in eine Anleitung für Arbeitsagenturen und Jobcenter münden.

von Michael Arndt

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