Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Unter ständiger Beobachtung

Burkini im Selbstversuch Unter ständiger Beobachtung

In Frankreich ist er eine Staatsaffäre und auch in anderen Ländern erhitzte er in diesem Sommer die Gemüter: der Burkini. Wie reagieren die Marburger auf den Ganzkörper-­Badeanzug? Ein Besuch im Aquamar an einem sonnigen Septembertag.

Voriger Artikel
Flüchtlinge treten in Hungerstreik
Nächster Artikel
SPD-Politiker für Ceta, aber gegen TTIP

Egal ob beim Duschen, auf dem Weg ins Becken oder entspannt am Beckenrand sitzend, der Burkini zieht die Blicke der Aquamar-Besucher auf sich.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Es ist heiß. Sehr heiß. Lufttemperatur: 31 Grad Celsius. So steht es auf einem Schild am Eingang des Marburger Aquamar. Mir ist heißer. Denn ich trage Burkini. Während alle anderen in knappen Badeanzügen in der Sonne liegen, trage ich einen Ganzkörper-Anzug, der nur Hände, Füße und Gesicht frei lässt. Der Schweiß rinnt über den Bauch. Keiner sieht das, ich fühle es.
So wie ich die Blicke der anderen Badegäste fühle. Sie schauen mich an. Mal interessiert, mal schockiert. Mal staunend, mal voller Mitleid. Mal verstohlen, mal ganz offen glotzend. Ich lächele und manchmal bekomme ich ein Lächeln zurück. Manchmal auch nicht, dann wird peinlich berührt weggeschaut.

Ich sorge für Gesprächsstoff auf der Liegewiese. Und zwar seit jenem Moment, an dem ich mit nackten Füßen aber verhülltem Körper die Umkleidekabine verlassen habe. In Begleitung von OP-Praktikantin Nigar Ghasimi laufe ich über die Wiese, suche mir ein nettes Plätzchen, breite mein Handtuch aus und lasse mich nieder. Nigar nimmt neben mir Platz. Wir unterhalten uns, lachen, haben Spaß. Zwei ganz normale junge Frauen an einem heißen Tag im Freibad. Wäre da nicht der Burkini.

Burkini soll Musliminnen Schwimmen ermöglichen

Und der sorgt nicht nur an diesem Spätsommertag in Marburg für Aufregung. Im August spaltete die hitzige Debatte über Sinn und Unsinn von Badebekleidungsregeln ganz Frankreich bis in die Pariser Regierung hinein. Frankreichs Staatsrat, ­also das oberste Verwaltungsgericht, hatte zuvor das Burkini-Verbot einer Gemeinde in der Nähe von Nizza gekippt. Insgesamt hatten etwa 30 französische Kommunen solche Verbote ausgesprochen. Die Folge: heftige Diskussionen auch in anderen europäischen Ländern, darunter Deutschland.

Dass der Burkini dabei häufig mit der Burka in einen Topf geworfen wird, mag vom Begriff herrühren. Anders als die Burka ist der Burkini aber alles andere als eine Vollverschleierung. Das Gesicht der Burkini-Trägerin ist schließlich komplett frei, während die Burka nur Schlitze für die Augen offen lässt. Sinn des Burkinis ist es, religiöse Frauen am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Damit sie Schwimmen gehen können, ohne dabei ihren Körper offen zeigen zu müssen, wird er in eine lange Hose und ein kleidförmiges Oberteil mit kapuzenähnlichem Kopftuch gesteckt – alles bestehend aus einer Mischung aus  Polyamid und Elasthan. So wie ich es im Marburger Freibad trage. In dunklem Blau mit hellen Absetzungen.

Gekauft habe ich den Burkini übrigens über das Internet. In Großstädten kann man ihn auch in Sanitätsfachgeschäften bekommen. Es gibt die verschiedensten Ausführungen, hauptsächlich in gedeckten Farben, aber vielfach mit bunten Mustern und farbenfrohen Verzierungen versehen. Kosten: ab etwa 40 Euro.

Schwimmen ist gar nicht so einfach

Mittlerweile fließt der Schweiß bei mir in Strömen. Gott sei Dank kann das keiner sehen, denke ich, und beschließe, mich im Schwimmbecken abzukühlen. Schon beim Weg durch das Wasserbecken der Dusche merke ich, wie sich das Gefühl des Stoffes auf der Haut von angenehm zu eklig verwandelt. Das kühle Wasser bahnt sich nur ganz langsam seinen Weg zur Haut. Es ist jedoch einfacher, an der Leiter hinab ins Becken zu steigen, als im knappen Bikini. Da habe ich immer so meine Probleme und brauche eine gefühlte Ewigkeit.

Jetzt geht es schneller. Vielleicht auch wegen all der Blicke, die auf mir ruhen. Meine Begleiterin berichtet später, alle im Becken hätten mich angestarrt.
Ich beginne zu schwimmen. Im Aquamar ist das erlaubt, solange man dazu spezielle Badekleidung trägt, der Burkini gehört dazu. Eine Jogginghose und ein langes Baumwollshirt dagegen sind aus hygienischen Gründen nicht zugelassen – das gilt übrigens für so ziemlich alle Schwimmbäder.

Zug um Zug ziehe ich meine Bahnen – und komme doch nur schleppend voran. Der Burkini ist schwer, richtig ins Gleiten komme ich nicht. Der Stoff, der im trockenen Zustand eigentlich recht eng an Armen und Beine anlag, zieht sich jetzt in die Länge und flattert bei jedem Schwimmzug vor und zurück. Das Gefühl des Wasser auf meiner Haut fehlt, dennoch fühle ich mich erfrischt und beschließe nach kurzer Zeit, das Becken wieder zu verlassen.

Hinaus zu steigen fällt mir schwer. Der Stoff klebt an meiner Haut und hat durch das aufgesogene Wasser ein ganz anderes Gewicht bekommen. Plötzlich ist mir kalt. Ich frage mich, ob der Burkini, der ja zur Verhüllung des Körpers gedacht ist, seinen Zweck in nassem – klebendem – Zustand noch erfüllt. Ein laues Lüftchen weht und ich fröstele. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie wenn man beim Joggen in einen Regenschauer geraten ist und triefend nass nach Hause laufen muss.

Die Blicke der anderen Schwimmer und Badbesucher folgen mir vom Beckenrand zu meinem Handtuch auf der Liegewiese. Ich fühle mich etwas unwohl in meiner Haut, von der man doch eigentlich nichts sieht. „Das war krass“, sagt Nigar. Und weiter: „Da war ein Mann, der hat seinen Mund vor Staunen gar nicht mehr zubekommen, als du geschwommen bist.“ Und eine Frau in gepunktetem Zweiteiler habe immer wieder ihr Buch zur Seite nehmen und zu mir rüber starren müssen.

Als ich wenig später zur Toilette gehe, begegnen mir Kinder. Im Gegensatz zu den erwachsenen Badbesucher staunen und schauen sie ganz unverhohlen. Voller Neugier sind ihre Blicke. Und doch respektvoll. Mich ansprechen, das trauen sie sich aber nicht. Ich spreche auch nicht, habe irgendwie Bedenken, sie zu verschrecken. Lieber schnell zurück auf mein Handtuch.

Erleichterung beim Fotos machen

Weil der Stoff nur langsam trocknet, ist mir mittlerweile richtig kalt. Die Luft hat weiterhin eine Temperatur von 31 Grad Celsius. Ich habe Gänsehaut. Um mich herum schwitzen die Menschen in der prallen Sonne, die Plätze im Schatten sind alle vergeben.
Als mein Kollege Dennis Siepmann kommt, um mich und meinen Burkini im Marburger Freibad zu fotografieren, werden die Blicke der Schwimmer und Sonnenanbeter milder. Nun wissen sie, dass ich eigentlich keine Burkini-Trägerin bin. Erleichterung sei in manchen Gesichtern zu lesen gewesen, meint Nigar. Geredet wird trotzdem weiter. Vielleicht nicht mehr über mich, aber bestimmt über meinen Burkini.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
 
Hintergrund
Der Burkini

- Der Begriff „Burkini“ bezeichnet eine Badekleidung für Musliminnen. Er bedeckt alle Körperpartien bis auf Gesicht, Hände und Füße. In der Regel besteht er aus einer Hose, einem Oberteil und einer Haube für den Kopf. 

- Der Burkini – das Wort ist eine Kreuzung aus Burka und Bikini – wurde im Jahr 2004 von der libanesischstämmigen Australierin Aheda Zanetti erfunden. Und zwar mit dem Ziel, auch Musliminnen das Schwimmen und damit die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. „Sie sollen unsere Kleidung nicht für politische Zwecke nutzen“, sagt die Erfinderin: „Ich bin damit rausgekommen, damit wir uns leichter in Australien integrieren können.“ Nach Zanettis Überzeugung hat der Burkini Tausenden Musliminnen das Selbstvertrauen gegeben, sich raus zu wagen und aktiv am sozialen Leben teilzunehmen.

- Gerade in Australien wird der Burkini aber auch von Nicht-Musliminnen getragen: Nicht aus religiösen Gründen, sondern zum Schutz vor der starken Sonneneinstrahlung.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr