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"Uns habt ihr schon gerettet"

Hilfsaktion "Uns habt ihr schon gerettet"

Am Anfang steht dieser ungeheuerliche Schicksalsschlag: Ein junger Familienvater fällt nach einer Herzattacke ins Koma. Was danach geschieht, ist eine unglaubliche Geschichte voller Hoffnung und Menschlichkeit.

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Ein Bild aus besseren Tagen: Kai-Eric Fitzner zusammen mit seiner Familie. Oben das Buchcover seines Romans „Willkommen im Meer“.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Denkt der Marburger Nisse Kreysing an seinen alten Freund Kai-Eric Fitzner, sind seine Gefühle gemischt. Natürlich ist da zunächst die Trauer. Denn Fitzner liegt im Koma. Sein Körper schwebt derzeit in einem Dämmerzustand und sein Geist in einem viel zu langen Traum.

Die Tragödie beginnt Anfang Mai, genau einen Tag vor seinem 45. Geburtstag. Fitzner kommt mit Vorhofflimmern ins Krankenhaus. Der schwere Schlaganfall trifft den Vater von drei Kindern dann ein paar Tage später genauso plötzlich wie seine Familie. Denn diese muss von heute auf morgen ohne ihren Ernährer auskommen.

Fitzner hatte sich erst kurz zuvor als Berater und Schriftsteller selbstständig gemacht. Seine Frau Raja steht vor einem finanziellen Dilemma. Zunächst informiert sie ihren Freundeskreis mit einem Facebook-Post über den Gesundheitszustand ihres Mannes. An dieser Stelle könnte die Geschichte bereits zu Ende erzählt sein. Könnte.

In Marburg findet er die große Liebe

Doch mitten in dieser Phase der tiefer Trauer passiert etwas Außergewöhnliches. Etwas, das auch Nisse Kreysing noch immer zum Staunen bringt. „Es ist unglaublich“, sagt er und meint den Anblick der Amazon-Bestsellerliste. Auf Platz 1 steht seit nunmehr elf Tagen das Buch „Willkommen im Meer“. Autor ist Kai-Eric Fitzner. Kresying kennt die kreative Seite des 45-Jährigen noch aus Marburger Studententagen. Gemeinsam standen die beiden Theaterfreunde auf der Bühne in der Waggonhalle.

Im angeschlossenen Gastrobetrieb „Rotkehlchen“ lernte Fitzner seine Frau Raja kennen. Gemeinsam zog das Paar später nach Oldenburg. Der Kontakt zu Kreysing blieb jedoch bestehen. Als der Marburger von der schweren Krankheit seines Freundes erfuhr, war er fassungslos. Die unglaubliche Welle der Unterstützung für den todkranken Autor lässt ihn nun auf eine andere, positivere Art fassungslos werden.

Das Internet und speziell das soziale Netzwerken war Kai-Eric Fitzners großes Thema. Bei Unternehmen hielt er Vorträge über die Möglichkeiten, die das Netz auch für die Firmenkommunikation bietet. Er knüpfte zahlreiche Kontakte. Bei einer Netzwelt-Konferenz lernte er den Blogger Johannes Korten kennen. Als dieser wiederum vom Schlaganfall seines Kollegen erfuhr, wusste er sofort, wie er helfen kann.

Amazon verzichtet auf die Provision

Korten nutzte das Internet ganz im Sinne von Fitzner. Der Aufruf zum Kauf des Buches, den Raja Fitzner bereits bei Facebook eingestellt hatte, verbreitete sich über ein Netzwerk von Freunden und Bekannten weiter. Bis gestern wurde er über 20000 Mal geteilt. Korten twitterte über den Hashtag #einbuchfürkai. Die tragische Geschichte des todkranken Schriftstellers wurde zum großen Online-Thema. Die Folge: „Willkommen im Meer“, das Fitzner bereits im Jahr 2006 fertiggestellt hatte, stürmte über Nacht von Platz 60755 auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste.

Der weltweit agierende Onlinebuchhändler Amazon verzichtet nach ein paar kritischen Nachfragen von Bloggern und Journalisten sogar auf seine Provision. Das Geld kommt nun Fitzners Familie zugute. Die große Bereitschaft der Menschen, das Buch zu kaufen, erklärt Korten auch damit, dass man schließlich etwas zurück bekäme: „Das lesenswerte Buch bildet einen reellen Gegenwert. Und man tut auch noch etwas Gutes.“

Korten richtete zudem ein Spendenkonto ein, auf dem mittlerweile über 12000 Euro eingegangen sind. „Mit so einer Resonanz hätte ich nie im Leben gerechnet. Ich bin seit über zehn Jahren im Online-Marketing aktiv, aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt Korten. Und auch Kai-Erics Fitzners Frau Raja zeigt im Blog von Korten ihre Dankbarkeit mit folgenden Worten:

In den letzten Tagen fegte ein wahrer Lovestorm durchs Netz. Als ich vergangenen Dienstag voll Traurigkeit und tatsächlich auch Verzweiflung aufgerufen habe, Kais Buch zu kaufen, hätte ich niemals mit dieser gewaltigen Lawine gerechnet, die dadurch ins Rollen gebracht wurde.

Ich bin so ergriffen angesichts der wundervollen Kommentare, dieser Welle der Menschlichkeit, des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft, dass mir buchstäblich die Worte fehlen. Zu sehen, welche Kraft dieser sozialen Netzgemeinde innewohnt – was innerhalb so kurzer Zeit erreicht werden kann – ist überwältigend.

Gemeinsam habt ihr geschafft, dass Kais gänzlich unbekannter Roman unzählige Male verkauft wurde Ich danke euch auch so sehr für all die Hilfsangebote und auch für das geschenkte Geld, was uns ganz unmittelbar sehr geholfen hat. Ich denke, unser größten finanziellen Schwierigkeiten sind weitgehend überwunden. Meine Bitte an euch: Bewahrt euch diese Menschlichkeit! Es gibt so viele andere Menschen in Not!

Uns habt ihr schon gerettet – auf so viele Arten und Weisen! (...)“

von Dennis Siepmann

Hier geht es zur Blog von Johannes Korten

#einbuchfürkai

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