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Uni plant Abriss der Chemie-Gebäude

Campus Lahnberge Uni plant Abriss der Chemie-Gebäude

Wie geht es weiter mit den unter Denkmalschutz stehenden Chemie-Bauten auf den Lahnbergen?

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Die Uni will die Gebäude der Chemie auf den Lahnbergen mittelfristig abreißen lassen. Panorama-Fotomontage.Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Sie stehen unter Denkmalschutz: die „Marburger Systembauten“ auf den Lahnbergen. Dabei handelt es sich vor allem um die maroden Gebäude der Chemie-Institute, für die derzeit ein Nachfolgebau in unmittelbarer Nähe der aus den 60er Jahren stammenden und miteinander zusammenhängenden stammenden Altbauten entsteht.

„Wenn der Chemie-Neubau in diesem Jahr fertiggestellt sein wird, dann ist unser nächstes Thema die Realisierung der neuen Infrastruktur für den Campus auf den Lahnbergen“, erklärte die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause im Gespräch mit der OP. Zur neuen Infrastruktur zählt sie die Verlegung von neuen Leitungen im Untergrund für Wasser, Abwasser, Daten und die Elektrikversorgung sowie die Verlegung einer Busspur, die den Campus für die Busanbindung erschließen soll. „Das Anlegen der Busspur funktioniert aber nur, wenn ein Teil des Altbaus der Chemie abgerissen wird“, betont die Uni-Präsidentin. Dabei handele es sich um das zweistöckige Gebäude zwischen dem ehemaligen Chemie-Parkplatz und dem derzeitigen Chemie-Hauptgebäude. Im Zuge der Planung strebe die Uni-Leitung dann an, für dieses Gebäude einen Abrissantrag zu stellen. „Dann werden wir auch mit der Denkmalpflege sprechen“, betonte Krause.

Architekturforscherin:Bautechnische Mängel

Das damit verbundene restliche Hauptgebäude solle zunächst nicht abgerissen, sondern so weit wie möglich stillgelegt werden, erläuterte die Präsidentin. Denn auch ein Abriss kostet viel Geld, das nicht ausreichend zur Verfügung stehe. Wenn der Neubau bezugsfertig sei, werde das Hauptgebäude nicht mehr für universitäre Zwecke benötigt. Eine Umnutzung des alten Chemie-Gebäudes wäre für die Uni viel zu teuer, weil diese mit einer Generalsanierung verbunden wäre, erläutert Krause.

Das Gutachten eines Ingenieurbüros, das den Chemie-Gebäuden eine mangelhafte energetische Effizienz bescheinigt, sei auch eine Grundlage für den Masterplan Campus Lahnberge gewesen. Mittelfristig solle die „alte Chemie“ abgerissen werden. Frühestens ab 2020 sieht die Uni-Leitung dort vor, einen Neubau für die Fächer der Vorklinik des Fachbereichs Medizin zu errichten, die noch im Lahntal angesiedelt sind.

Mängel durch weniger erprobte Materialien

Wieso stehen die Chemischen Institute in der Hans-Meerweinstraße eigentlich unter Denkmalschutz? Im soeben erschienenen Band II der Denkmaltopographie der Stadt Marburg ist es nachzulesen. Als erste umfangreiche Umsetzung des Marburger Systems (siehe „HINTERGRUND“) wurden die Chemie-Institute zu einem „Kulturdenkmal aus bautechnischen und baugeschichtlichen Gründen“.

Auch das nebenstehende Hörsaalgebäude der Chemie wurde aus baugeschichtlichen und baukünstlerischen Gründen als Kulturdenkmal ausgewiesen.

Es wurde nicht im „Marburger System“ gebaut und soll von der Uni weiter genutzt werden. Die Hängedachform im Stil einer Pagode ist das Markenzeichen des Hörsaalgebäudes.

Die Architektur-Forscherin Silke Langenberg schreibt in dem von ihr im Dezember 2013 herausgegebenen Buch „Offenheit als Prinzip. Das Marburger Bausystem“ (Niggli Verlag), dass die Marburger Systembauten auf den Lahnbergen infolge bautechnischer Mängel und hoher Unterhalt-Kosten seit einigen Jahren Probleme bereiten. Diese Mängel seien beispielsweise durch die Verwendung von Sichtbeton sowie von weniger erprobten Materialien und Konstruktionen entstanden.

Die schnelle Errichtung der Bauten sowie eine ungenügende Pflege der Bauten über einen längeren Zeitraum hätten zudem zu einem Instandsetzungs-Rückstau geführt. Auch sei die handwerkliche Reparatur der seriell vorgefertigten Bauteile und der industriell hergestellten Elemente schwierig.

Haberle will dieSystembauten erhalten

Gerhard Haberle von der „IG MARSS“, der in seiner beruflichen Tätigkeit beim Staatsbauamt an der organisatorischen Umsetzung des „Marburger Systems“ auf den Lahnbergen mitgewirkt hat, hält die unter Denkmalschutz stehenden Bauten deshalb für erhaltenswert, weil sie ein besonders gelungenes Beispiel für bauliche Flexibilität im Hochschulbau darstellten.

Wieso könne man die Chemie-Institute nicht energetisch auf den neuesten Stand bringen und dann über andere Nutzungen wie beispielsweise Studentenwohnheime oder nachdenken, fragt Haberle. Zu diesem Zweck regt er an, von unabhängiger Stelle ein neues Gutachten in Auftrag zu geben, um die Kostenfrage zu klären.

In die Berechnung eines solchen Gutachtens müsse dann aber auch einfließen, dass man die Flachdächer der Bauten eventuell als Solardächer nutzen und so die Energiebilanz aufbessern könne. Haberle will sich dafür einsetzen, dass die Bauten des „Marburger Systems“ so vollständig wie möglich erhalten bleiben.

Schließlich seien sie Beispiele eines weltweit anerkannten Bausystems. Dem hält die Marburger Uni-Präsidentin im Gespräch mit der OP entgegen, dass kein finanzierbares Sanierungskonzept für die alten Chemiebauten gefunden werden könne. Das Marburger Bausystem sei aber eine „tolle Leistung“ gewesen, mit Hilfe derer in hohem Tempo Bauten erstellt worden seien.

Dass man dieses System bewahren wolle, dafür hat Krause „ein Grundverständnis“. Allerdings gebe es keine sinnvolle Chance, die maroden Betonteile adäquat zu ersetzen.

Zudem entsprächen die Bauten abgesehen von der schlechten Energiebilanz auch in keiner Weise den modernen Anforderungen des Brandschutzes. Die Präsidentin schlägt aber vor, zur Dokumentation des Marburger Bausystems das ehemalige Universitäts-Bauamt, den ersten verwirklichten Bau, zu sanieren und stehen zu lassen.

Hintergrund
  • Das Marburger Bausystem war das erste Fertigteil-Baukonzept im deutschen Hochschulbau. Aufgrund seiner Entwicklung dieses Bausystems wurde der am 13. Februar dieses Jahr im Alter von 81 Jahren verstorbene Helmut Spieker im Jahr 1971 zum Professor an die ETH Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998 lehrte.
  • Ziel der Planer war es, einen einzigen oder nur mit wenigen Varianten wiederkehrenden Gebäudetypus zu schaffen. Das System ist flexibel, variabel und erweiterbar, alle Bauteile sind typisiert, vorgefertigt, können einfach montiert und demontiert werden. Typisch ist die Skelettbauweise, die im Inneren des Gebäudes durch eine Verschiebung von Zwischenwänden schnell eine Nutzungsänderung ermöglichen sollte. Mit Hilfe einer gerasterten Modulordnung sollten standardisierbare Stahlbetonfertigteile rasch und kostengünstig kombiniert werden.
  • Der erste nach diesem neuen „Marburger System“ errichtete Bau war 1965 das „Universitätsneubauamt“ auf den Lahnbergen. Weitere Bauten folgten im Zuge der Universitätserweiterung Ende der 60er Jahre. Die Chemischen Institute auf den Lahnbergen wurden zwischen 1967 und 1971 gebaut. „Statt hoch aufragender Solitäre formte das Marburger System nun eine flächige Anlage als Sinnbild der demokratischen Gruppenuniversität, in der sich die fortschrittsfreudigen Naturwissenschaften gerne wiederfanden, schrieb Karin Berkemann 2011 in der Zeitschrift „Denkmalpflege und Kulturgeschichte“.
  • Zahlreiche Hochschulbauten in Deutschland, aber auch das FIFA-Verwaltungsgebäude in  der Schweiz  wurden  nach dem  „Marburger System“  gebaut. „Bis heute überzeugen Marburgs Systembauten künstlerisch durch ihre ausgewogenen Proportionen, ausgefeilte Details und facettenreiche Materialverwendung“, so Berkemann.
 

von Manfred Hitzeroth

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