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Morde von Mechterstädt

Uni duldete rechtes Studentenkorps

Eine neue Studie zu den Morden von Mechterstädt belegt, dass die Spitze der Philipps-Universität stärker mit einem umstrittenen Marburger Studentenkorps verbandelt war als bislang angenommen.
Die Bilder zeigen sowohl Mitglieder des Marburger Studentenkorps als auch Honoratioren der Philipps-Universität Anfang/Mitte der 1920er-Jahre. Fotos zur Verfügung gestellt  von Dietrich Heither

Die Bilder zeigen sowohl Mitglieder des Marburger Studentenkorps als auch Honoratioren der Philipps-Universität Anfang/Mitte der 1920er-Jahre.

© Archiv Dietrich Heither

Marburg. Offiziell war das Korps nach seiner Bluttat von Mechterstädt im April 1920 aufgelöst worden. Eine aktuell vorgelegte Geschichts-Untersuchung zeigt jedoch, dass die korporierten Studenten bis weit in die 1920er-Jahre im sogenannten StuKoMa politisch aktiv blieben.

Der Führer des Studentenkorps, Bogislav von Selchow, war bereits im Mai 1920 nach Regensburg gereist, um mit der aus den bayerischen Einwohnerwehren hervorgegangenen Organisation Escherich, der „Orgesch“, eine über ganz Deutschland reichende militaristisch-nationalistische und antirepublikanische Dachorganisation aufzubauen. Unterstützt wurden Escherich und v. Selchow hierbei u. a. durch den späteren SA-Führer Ernst Röhm, dem „Stahlhelm“ Franz Seldtes sowie dem militaristisch-faschistisch ausgerichteten Jungdeutschen Orden Artur Mahrauns. In kurzer Zeit wurde das Marburger Studentenkorps in diesen zur damaligen Zeit größten völkischen Kampfverband integriert. Von Marburg aus wurde ein Führungsstab (bestehend aus Mitgliedern der Marburger Korporationen) ins Leben gerufen, Kreisorganisatoren (ebenfalls alle korporiert) bestimmt sowie ganz Hessen mit einem dichten Netz von Vertrauensleuten, kampfbereiten Aktivisten (v. Selchow spricht in diesem Zusammenhang von 40 000 Mann) und zahlreichen Waffenlagern durchzogen. Alles illegal.

Aufgrund ihrer verfassungsfeindlichen Aktivitäten wurde die Orgesch bereits im Sommer 1920 von Innenminister Severing in Preußen (und damit auch in Marburg) verboten. Deren Führer, darunter v. Selchow, widersetzten sich aber der Auflösung und organisierten das illegale Fortbestehen im Untergrund. Nie habe, so v. Selchow in seinen Tagebucheinträgen, bei diesen Aktionen eine Korporation Schwierigkeiten gemacht oder Einwände erhoben. Keinem Mitglied konnten die rechtswidrigen Aktivitäten verborgen bleiben.

1932: „Vorzügliches Führermaterial in Marburg“

Ein am 30. Mai 1922 zur Erinnerung an den „Thüringen-Feldzug“ gefeierter „StuKoMa-Kommers“ sollte die national-völkische Einheit von Korporationsstudenten, Reichswehr und Universität versinnbildlichen. Eingeladen waren als Ehrengäste unter anderen hochrangige reichsbekannte und lokale Militärs, der bereits genannte Führer der illegalen Orgesch sowie zwanzig dem StuKoMa eng verbundene Professoren und Dozenten samt den Universitätsrektoren der Amtszeiten ab 1919/20, Wilhelm Busch, Franz Hofmann und Johannes Gadamer. Im Präsidium der Festtafel saß man einträchtig nebeneinander, an den Tischen versammelten sich neben den oben genannten Ehrengästen zahlreiche Repräsentanten und Chargen der Marburger Korporationen (großes Bild).

Spätestens mit diesem Kommers war die illegale Weiterführung des StuKoMa im Rahmen der Organisation Escherich auch dem Rektorat beziehungsweise der Marburger Professoren- und Bürgerschaft bekannt. Bezeichnenderweise hob Rektor Gadamer denn auch in seiner Ansprache lobend hervor, dass durch das Studentenkorps „Marburg die Hochburg nationalen Selbstbehauptungswillens in Deutschland geworden ist.“

Mit Universitätsleitung und nationaler Professorenschaft feierte man hier Vergangenheit wie Zukunft des StuKoMa und heroisierte damit den offenen Rechtsbruch.

Dass die Marburger Korporationen ein zentraler Knotenpunkt im rechtsradikalen Netzwerk Marburgs, wenn nicht gar Hessens blieben, zeigte sich schließlich auch anschaulich auf einem der „Deutschen Tage“ (25. bis 28. Mai 1924 in Marburg),  der der bewussten Zurschaustellung der radikalen Rechtsverbände diente. Hier tummelte sich alles, was in der völkisch-paramilitärischen Szene Rang und Namen hatte – vom Stahlhelm und Bund Wiking über die SA bis hin zur NSDAP. Herausragende Figur war der für die „Nationalsozialistische Freiheitsbewegung“ propagandistisch tätige Erich Ludendorff.

Er traf bereits am 24. Mai im Hause der Hessen-Nassauer ein. Das Corps hatte an diesem Abend eine besondere Begrüßungsfeier veranstaltet. Unter den Ehrengästen anwesend: neben dem ehem. Rektor Busch und anderen Professoren auch Kapitän v. Hippel als StuKoMa-Nachfolger v. Selchows (kleines Bild) sowie Vertreter des Marburger Offizierskorps. Beim Besuch der Landsmannschaft Hasso-Borussia wurde Ludendorff am nächsten Morgen im Namen des Marburger Korporationsausschusses begrüßt. Der Erstchargierte der Landsmannschaft feierte ihn „unter brausenden Heilrufen“ als „Führer der Vergangenheit und der Zukunft.“

All dies dürfte für die gerade in Marburg augenfällige Rechtsradikalität der Studentenschaft mitursächlich gewesen sein. Robert Ley, der im Januar 1932 im Auftrag der nationalsozialistischen Reichsorganisationsleitung die örtlichen Organisationseinheiten inspizierte, hielt dementsprechend fest: „Marburg ist sicherlich die beste Ortsgruppe, die der Gau Hessen-Nassau-Nord hat. Sie hat vorzügliches Führermaterial, was natürlich bei der dortigen Studentenschaft nicht zu verwundern ist.“

Hintergrund: Einem rechten Putsch  gegen die Weimarer Republik 1920 schlossen sich Hunderte, meist korporierter Marburger Studenten an. Kurz danach erschossen Mitglieder des Korps bei einem Arbeiteraufstand 15 Menschen nahe des thürinigischen Mechterstädt.

von Dietrich Heither

  • Dietrich Heither / Adelheid Schulze: Die Morde von Mechterstädt 1920. Zur Geschichte rechtsradikaler Gewalt in Deutschland. Berlin (Metropolverlag) 2015. (530 Seiten)
  • Eine Vorstellung der Studie samt Diskussion findet am Mittwoch ab 19 Uhr im Hörsaalgebäude statt.

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