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Uni-Stenografin sitzt bald im Landtag

Claudia Lingelbach geht nach Wiesbaden Uni-Stenografin sitzt bald im Landtag

Uni-Protokollantin Claudia Lingelbach (54) sucht eine neue berufliche Herausforderung als Landtagsstenografin in Wiesbaden.

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Claudia Lingelbach (rechts) freut sich auf ihre neue Aufgabe als Landtagsstenografin, auf die sie in fachlicher Hinsicht vor allem auch Lydia Fülling, Dozentin und Vorsitzende des Marburger Stenografenvereins, vorbereitet hat.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. 31 Jahre lang hat sie im Dienst der Marburger Universität gearbeitet. Seit 1997 war sie zuständig für die Protokolle der zentralen Gremien der Uni. Schon diesen Mittwoch sitzt Claudia Lingelbach zum letzten Mal an der Seite von Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause in der Senatssitzung als Protokollantin.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge nimmt die Marburgerin jetzt ihren beruflichen Abschied an der Hochschule. Denn einerseits verlässt sie viele Kollegen, mit denen sie gerne zusammengearbeitet hat. Andererseits stellt ihr neuer Job als Parlamentsstenografin im Hessischen Landtag für die 54-Jährige eine spannende Herausforderung dar.

Wie es der Zufall so will, hat ihr erster Termin an der neuen Arbeitsstelle viel mit ihrem bisherigen Arbeitsfeld zu tun: Es geht um die Protokollierung in einer Sitzung des Wissenschaftsausschusses, in dem die Novellierung des hessischen Hochschulgesetzes das Hauptthema sein wird. Diese Thematik hat in den vergangenen Sitzungen auch den Uni-Senat beschäftigt.

Höchste Stufe bietet viel Raum für Kreative

Ansonsten muss sich die bisherige Uni-Mitarbeiterin künftig in viele völlig neue Themenfelder einarbeiten. Vor allem sind die Politikersprache und der damit verbundene Wortschatz für sie neu. Beispielsweise muss sie Wörter wie „Blockupy“, „Salafisten“ oder „Grexit“ mitschreiben und sich für diese neuen Wortschöpfungen aus dem tagespolitischen Sprachgebrauch Kürzel ausdenken. Die Kurzschrift, bei der für viele Wörter kürzere Varianten als schneller zu schreibender Ersatz gefunden werden, ist eines der wichtigsten Hilfsmittel bei der Stenografie.

„Das Spannende an der Redeschrift, der höchsten Kürzungsstufe der Kurzschrift, ist das enorme kreative Potenzial“, meint Lydia Fülling. So könne jeder Stenograf seine eigenen Kürzungen ausdenken. In der von ihr geleiteten Kurzschrift-Arbeitsgruppe beim Marburger Stenografenverein hat Claudia Lingelbach regelmäßig ihre Kenntnisse erweitert.

Fülling freut sich sehr, dass mit Lingelbach bereits ihre dritte Schülerin den Sprung in einen Landtag geschafft hat. So arbeitet die ehemalige Marburger Studentin Ricarda Lampret seit einigen Jahren im baden-württembergischen Landtag in Stuttgart. Dort ist seit August 2014 auch die Mikrobiologin Dr. Nicole Lodders ebenfalls als Stenografin beschäftigt.

Einstellungsprüfung zum Nachtflugverbot

Die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben führte bei Claudia Lingelbach auch dazu, ihren Horizont zu erweitern. So traf sie bei diesen Wettbewerben auch Stenografen, die in Parlamenten beschäftigt sind und ihr davon erzählten. „Die Arbeit reizt mich und ich finde es spannend, im Zentrum der Politik zu sitzen“, erzählt sie im Gespräch mit der OP.

Doch zunächst einmal standen beim dreistündigen Einstellungstest einige praktische Eignungsprüfungen an: Beim „Stenografen-Casting“ musste Claudia Lingelbach beispielsweise bei einem Diktat den Originaltext eines Politikers zum Thema Nachtflugverbot möglichst schnell mitschreiben.

Eine weitere Aufgabe bestand darin, in einem „scheinwörtlichen Protokoll“ die Rede eines Abgeordneten sprachlich in Form zu bringen und in Schriftsprache zu übertragen. Eher Routinearbeit war dann für Lingelbach die dritte Aufgabe: die Erstellung eines analytischen Protokolls, in dem der Kern einer Landtagsdebatte zusammengefasst werden musste. So eine Aufgabe hatte sie bisher auch schon, wenn es um die Erstellung des Protokolls der Senatssitzungen ging.

Wechsel im 10-Minuten-Takt

Neben den Ausschuss-Sitzungen und der organisatorischen Betreuung der Ausschuss-Arbeit gibt es noch eine Aufgabe, bei der die Parlamentsstenografen besonders im Fokus sind. Die Rede ist von den Plenumssitzungen des Landtags, wo die Stenografen direkt vor dem Rednerpult sitzen und zwar mit dem Rücken zu den Rednern und dem Gesicht zu den im Plenum sitzenden Abgeordneten, damit sie deren Zwischenrufe protokollieren können.

Derzeit arbeiten 10 Stenografen im Hessischen Landtag, die sich im 10-Minuten-Turnus beim Mitstenografieren der Plenarsitzungen abwechseln. Danach kommt es auf jedes Wort an. Nach dem Arbeitseinsatz im Plenum haben sie jeweils anderthalb Stunden Zeit, um diese Mitschrift in Form zu bringen.

Eine der Stenografen-Aufgaben ist es dann auch, die Namen und Daten in den Reden auf Plausibilität zu überprüfen. Ihre stenografische Mitschrift diktieren sie übrigens einer Schreibkraft. Danach kommt der nächste Zehn-Minuten-Turnus im Plenum. Durch dieses System wird gewährleistet, dass am Ende des Plenartages schon ein vorläufiges Sitzungsprotokoll vorliegt, erläutert Lingelbach.

von Manfred Hitzeroth

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