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Unglücklicher Unfall oder Verbrechen

Gericht Unglücklicher Unfall oder Verbrechen

Er soll seine Stieftochter krankenhausreif geschlagen haben. Dennoch wurde das Verfahren gegen einen 46-Jährigen Marburger vor dem Amtsgericht eingestellt, da die Stieftochter die Vorwürfe zurücknahm.

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Die Frage, ob es sich bei dem zu verhandelnden Vorfall um einen Unfall oder häusliche Gewalt handelte, konnte auch Richter Dr. Johann Lessing nicht klären.

Quelle: Archiv

Marburg. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, seine Stieftochter im Juni 2010 geschlagen und auf sie eingetreten zu haben, als sie bereits am Boden lag. Auch seine Ehefrau habe er geschlagen, als sie ihn von der Misshandlung der jungen Frau abhalten wollte.

Der Angeklagte wies die Vorwürfe jedoch zurück: „Sie ging auf mich los!“ Er habe sie nur weggeschoben, wobei sie mit dem Kopf gegen den Küchenschrank geschlagen sei.

Richter Dr. Johann Lessing konfrontierte den 46-Jährigen mit dessen schriftlicher Stellungnahme, in der er angegeben habe, die Stieftochter sei gegen die Badezimmertür gefallen. Der 46-Jährige verteidigte sich. Seine Stieftochter habe die Stellungnahme verfasst. Er selbst habe sie nicht gelesen, sondern nur unterschrieben. „Ich hatte kein Interesse! Sie hat bei der Polizei gelogen, also musste sie es richtig stellen.“

Die Stieftochter, eine 20-jährige Studentin, beschrieb den Vorfall ebenfalls als Unfall. Sie habe den Beschuldigten beschimpft, beleidigt und geschubst, weil sie dachte, er habe ihr Handy an sich genommen. Ihr Stiefvater habe sich nur gewehrt und sie zurückgeschubst, wobei sie gegen die Badezimmertür schlug und ohnmächtig wurde.

Die Stellungnahme ihres Stiefvaters kenne sie, so die Studentin. Sie streitet jedoch ab, diese selbst verfasst zu haben. Als Lessing ihr erklärte, der Angeklagte habe behauptet, sie selbst habe sie geschrieben, räumte die 20-Jährige ein, in ihrer Aussage gelogen zu haben. „Sie haben sich gerade wegen uneidlicher Falschaussage strafbar gemacht“, wies der Richter sie zurecht, kündigte ihr Konsequenzen an und machte eine Pause, damit die Zeugin über ihre Aussage nachdenken könne. Die junge Frau sprach mit ihrer Mutter und verweigerte dann die weitere Aussage.

Die Frau des Angeklagten – eine 37-jährige Hausfrau – erzählte die gleiche Version wie ihre Tochter. Sie sei im Streit gestürzt – ein Unfall. „Ihr Mann hat erzählt, dass Ihre Tochter gegen den Küchenschrank gefallen sei“, informierte Lessing.

Daraufhin erklärte die Hausfrau, dass ihre Tochter nach dem Unfall im Bad wieder aufgestanden und in die Küche gekommen sei. Dort sei sie auf Spielzeug ausgerutscht und gegen den Schrank gefallen. Kurz darauf korrigierte sie jedoch erneut ihre Aussage. Ihr Mann, aus dem mittleren Osten stammend, verstehe nicht alles auf Deutsch. Er habe in seiner Aussage wohl Küche und Bad verwechselt. Sie selbst habe den Krankenwagen und die Polizei angerufen, jedoch niemals zu Protokoll gegeben, dass ihr Mann ihre Tochter geschlagen habe. „Die haben mich nicht richtig verstanden“, so die ausländische Mitbürgerin. „Wir sind eine glückliche Familie. Auseinandersetzungen gibt es überall“, betonte sie mehrmals.

Der Polizist, der wenige Minuten nach dem Vorfall bei der Familie eintraf, konnte das angeblich so harmonische Bild des Zusammenlebens nicht bestätigen. Vor Gericht sagte er aus, dass die junge Frau zusammengekrümmt im Bett gelegen und sich mehrmals erbrochen habe. Sie habe ihm erzählt, dass sie von ihrem Stiefvater geschlagen und getreten worden sei. Richter Lessing stellte das Verfahren ein: „Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber ich bin nicht überzeugt, dass es so war, wie ihre Frau und ihre Stieftochter ausgesagt haben.“

von Patricia Kutsch

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