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„Unfassbar, extrem rufschädigend“

Marktfrühschoppen „Unfassbar, extrem rufschädigend“

Nach dem angekündigten Vorstandsrücktritt im Marktfrühschoppenverein wächst die Sorge, dass ­extrem rechte Burschenschaften dort die Macht übernehmen.

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Der Marktfrühschoppen auf dem Marktplatz steht vor einer überaus ungewissen Zukunft.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Vorsitzende des Marktfrühschoppenvereins, Tilman Pfeifer, und Schriftführer Axel Koch hatten gegenüber der OP angekündigt, dass sie wie auch die anderen Vorstandsmitglieder auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 24. Februar zurücktreten. Hintergrund ist ein „Meinungsbild“ in der Hauptversammlung des Vereins im Januar, mit dem sich eine klare Mehrheit dagegen ausgesprochen hatte, dass der Verein sich die Anwesenheit von drei extrem rechten Marburger Burschenschaften beim Marktfrühschoppen verbitte.

Pfeifer hatte zudem klargestellt, dass er auch dann bei seinem Rücktritt bleibe, wenn der Verein am kommenden Dienstag einen anderen Beschluss fällt. Er hatte zudem der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass Mitglieder der Stadtteilgemeinden, die den Marktfrühschoppenverein vor Jahren verlassen hatten, wieder eintreten, um das Großereignis im Juli zu retten und nicht der Deutschen Burschenschaft zu überlassen.

Marianne Wölk, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Marburger Stadtteilgemeinden, kann sich dies nicht vorstellen. Sie spricht von einer „Unterwanderung“ des Marktfrühschoppenvereins durch die Germania, die Normannia-Leipzig und die Rheinfranken. Alle drei Burschenschaften sind Mitglieder im als rechtsextrem geltenden Dachverband „Deutsche Burschenschaft“, die Germania hat in diesem Jahr gar den Vorsitz im Dachverband. „Ich habe mit Sorge zur Kenntnis genommen, dass offenbar Mitglieder in den Marktfrühschoppen­verein eingetreten sind, die andere Ziele verfolgen, als ein Volksfest für alle auszurichten“, sagte Wölk.

Der Rücktritt sei deswegen ein richtiger und ehrenvoller Schritt. „Ich denke, dass der Vorstand so nicht mehr arbeiten kann.“ Sie kündigte an, nach der Mitgliederversammlung den Austritt der Glaskopfgemeinde, deren Vorsitzende sie ist, aus dem Marktfrühschoppenverein zu erklären.

Die Stadtteilgemeinden waren bis zum Ende der 1990er Jahre Ausrichter des Marktfrühschoppens.

Der Stadtverordnete Jan Sollwedel (Bündnis 90/Die Grünen), seit Jahren einer der aktivsten Kritiker des Marktfrühschoppens, spricht von einem „Rechtsruck“ im Marktfrühschoppenverein.

Welche Perspektiven gibt es für das Volksfest?

Bisher habe sich der Marktfrühschoppenverein um eine Position zum „Umgang mit dem rechtsextremen Rand der Deutschen Burschenschaft“ gedrückt, sagt Sollwedel. „Nun hat er sich offenbar aufgrund von Loyalität, Tradition, Bekanntschaften und inakzeptablem Umgang mit der deutschen Geschichte auf die Seite faschistischer und ausländerfeindlicher Parolen gestellt“, fährt er fort. Der Marktfrühschoppen sei so zu einer „Schande für Marburg“ geworden.

Immerhin erkenne der Vorstand, dessen Schritt Sollwedel für ehrenwert hält, an, „dass dieses Ereignis nicht erst problematisch wird, wenn dort Fahnen geschwungen oder Parolen gerufen würden“. Bereits die alljährliche Versammlung rechtsextremer Studentenverbindungen mitten auf dem Marktplatz sei „unfassbar und für Marburg extrem rufschädigend“.

Welche Perspektiven gibt es nun für das Volksfest Marktfrühschoppen? Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) will erst einmal die Entwicklung im Marktfrühschoppenverein abwarten. Er wolle aber alle Mittel ausschöpfen, ehe er den Marktplatz für ein Fest von Rechtsextremen zur Verfügung stelle. Auch eine neuerliche rechtliche Überprüfung schloss Vaupel nicht aus.

Marianne Wölk hält es für ausgeschlossen, dass der Marktfrühschoppen in diesem Jahr stattfinden wird. Und es werde ein langer Weg sein, ehe man ein solches Fest unter anderen Vorzeichen, als Bürgerfest, erneut feiern könne.

Sollwedel hält die „Neukonzeption eines Festes, an dem die Marburgerinnen und Marburger gemeinsam mit Stadt und Universität zum Ende des Sommersemesters eines jeden Jahres den Studierenden für ihren Aufenthalt in Marburg danken“ für sinnvoll.

von Till Conrad

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