Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Und plötzlich steht der Bruder da

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Und plötzlich steht der Bruder da

Unbegleitet und minderjährig – seit dieser Woche leben 15 Jungen zwischen 12 und 17 Jahren auf dem Gelände des Landschulheims Steinmühle. Sie kommen aus Syrien, 
Afghanistan und Eritrea.

Marburg. Die 15 Jungs sind auf den ersten Blick gut drauf. „Guten Tag“, sagt einer von ihnen, „Guten Morgen“, sagt der andere, ein dritter strahlt und sagt „Vielen Dank!“ Sie haben die ersten 48 Stunden auf dem Gelände des Landschulheims Steinmühle hinter sich gebracht und sind ganz offensichtlich dabei, sich einzuleben.

Sie zum Gruppenfoto zu versammeln, dauert eine Weile: Der eine ist auf seinem Zimmer – dass er so etwas hat, ist eine ganz neue Erfahrung für den jungen Mann, der andere wird ausgeschickt, ihn zu suchen. Nicht jeder bekommt sofort alles mit, was gesagt wird – einige können schon ganz gut Deutsch, mit anderen verständigen sich Schulleitung und Gruppenleitung auf Englisch.

Flüchtlinge äußern Berufswünsche

Ursprünglich sollten es 14 Jungen sein, die in eine Wohngruppe in einem früheren Internatsgebäude der Steinmühle einziehen. Hier besuchen sie ab Anfang November eine Intensivklasse zum Spracherwerb, hier sollen sie Freizeitangebote wahrnehmen, hier sollen sie ab Sommer 2017 in den regulären Unterrichtsbetrieb aufgenommen werden. „Der Plan ist, dass wir sie möglichst zum Abitur führen“, sagt Schulleiter Bernd Holly.

Die jungen Männer haben vorher im Flüchtlingscamp Cappel, in einer Unterkunft in Frankfurt und im „Elisabethbrunnen“ in Schröck gewohnt. Die Steinmühle habe keinen Einfluss auf die Auswahl der Jugendlichen gehabt, berichtet Björn Gemmer, der gemeinsam mit Bernd Holly die Schule leitet – das war Sache des Jugendamts. Die Schule hat aber Kenntnis von den Berufswünschen der Jugendlichen: „Arzt“, schrieb der eine auf seinen Auskunftsbogen, „Zahnarzt“ ein anderer – gute Voraussetzungen für motiviertes Lernen in den kommenden Jahren.

Vorläufig ist es ohnehin so, dass die Jungen mit Begeisterung bei der Sache sind. Eigentlich sollte der Unterricht erst nach den Herbstferien beginnen, aber die Jugendlichen seien so wissbegierig, dass Bernd Holly schon jetzt in den Ferien die ein oder andere zusätzliche Unterrichtsstunde zwischenschaltet .

Biografien im Einzelnen noch nicht bekannt

„Die Jungen wollen beschäftigt werden, wollen etwas tun“, sagt Gemmer und ergänzt, „vielleicht liegt das auch daran, dass sie in Deutschland bisher wenig strukturierte Tagesabläufe hatten.“

Aber da kann die Steinmühle bislang nur spekulieren. Die Biografien der Jungen sind im Einzelnen noch nicht bekannt – „und wir sind derzeit noch sehr vorsichtig mit Nachfragen“, sagt Björn Gemmer. Was man vermeiden möchte: dass unverarbeitete Traumata bei den Jungen aufbrechen, die ja, davon ist auszugehen, alle Schlimmes erlebt haben. Eine Fortbildung für das gesamte Team mit dem Trauma-Experten Professor Pieper ist schon ausgemacht. „Wir müssen lernen, mit den Problemen der Jugendlichen umzugehen“, weiß auch Gemmer.

Eines der Probleme ist schon gelöst worden – und zwar ein gewaltiges: Während alle anderen Jugendlichen am Ankunftstag guter Dinge waren, wirkte einer der Jungen, er kommt ursprünglich aus Syrien, abwesend, traurig, irgendwie beschäftigt. Er machte sich ganz offensichtlich Sorgen.

Heraus kam, dass der Bruder des Jungen – wie, war so genau noch nicht nachzuvollziehen, – in Dortmund gelandet war. Dort soll er wohl auf de Straße von einer sysrischen Familie angesprochen worden sein. Denen berichtete er, dass sein Bruder in der Steinmühle sei – und wurde von der Familie nach Cappel gebracht.

Erste Begegnungen: „Alles ganz unkompliziert“

Spät am Abend kam der Junge an. „Das war schon sehr aufregend“ , berichtet Gemmer. Übergangsweise darf der Junge jetzt bei seinem Bruder im Zimmer schlafen, wird auch in der Intensivklasse unterrichtet. Wie es weitergeht, entscheidet das Jugendamt – Gemmer ist zuversichtlich, dass für die Brüder eine gemeinsame Lösung gefunden wird. Ein Stockbett für das Zimmer wurde schon bestellt.

Schüler und Eltern sind auf die Anwesenheit der neuen Mitschüler intensiv vorbereitet worden. Nach den Herbstferien werden sich alte und neue Schüler auf dem Gelände, aber auch im Wahlunterricht, regelmäßig begegnen. Einige Schüler, die in der Nähe wohnen, waren nachmittags schon da und haben mit den Neuankömmlingen Fußball gespielt – „alles ganz unkompliziert“, sagt Gemmer.

Sein Co-Schulleiter Bernd Holly hat einmal gesagt, dass die Anwesenheit der Flüchtlinge die Schule verändern wird. Gemmer ist da nach dem Eindruck der ersten Tage nicht mehr so sicher: „Es läuft bislang alles reibungslos – fast schon normal.“

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel