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Umweltzone ist nur ein Puzzleteil

Bilanz nach einem Jahr Umweltzone ist nur ein Puzzleteil

Die Stadt Marburg zieht ein Jahr nach Einführung der Umweltzone eine ­positive Zwischenbilanz. Auswirkungen auf die Luftqualität gibt es noch nicht.

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Stop: Nur Autos mit grüner Plakette dürfen in Marburgs Umweltzone fahren.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die zum 1. April durch das Hessische Umweltministerium eingerichtete Umweltzone umfasst die gesamte­ Innenstadt einschließlich der Stadtteile Wehrda, Ockershausen und Marbach. Die Stadtautobahn bleibt für alle Fahrzeuge frei befahrbar. Auch alle größeren Gewerbegebiete bleiben ohne Plakette erreichbar: Kaufpark Wehrda, nördliche Af­föllerstraße (Messeplatz), Siemensstraße, Am Krekel, Industriegebiet Süd (Temmlerstraße) und das Gewerbegebiet Cappel.

Nur Fahrzeuge mit der grünen Umweltplakette dürfen die Umweltzone befahren. Hintergrund ist die in den vergangenen Jahren regelmäßig hohe Konzentration von Stickoxiden in der Innenstadt. Stickoxide können bei Kindern schwere Asthma­erkrankungen auslösen und ­haben schädliche Auswirkungen auf die Lungenfunktion.

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit wurde europaweit für Stickstoffdioxid der 1-Stunden-Grenzwert von 200 µg/m3 festgelegt, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf. Der Jahresgrenzwert beträgt 40 µg/m3.

Der ist auch im vergangenen Jahr überschritten worden: An der Messstation Universitätsstraße wurde laut einer Statistik des Umweltbundesamtes ein Jahresmittel von 47 µg/m3 ermittelt - das ist der gleiche Mittelwert wie 2015.

Nur acht Tage lagen über dem Grenzwert

Kleiner Trost: Die Feinstaubwerte in Marburg werden eingehalten. Im Jahr 2016 wurde der zulässige Grenzwert von 50 µg/m3 an der Messstation Universitätsstraße im Jahr 2015 an acht Tagen überschritten. Erlaubt sind 35 Tage.

„Die Einführung der Umweltzone ist nach anfänglichen Schwierigkeiten weitgehend reibungslos verlaufen“, schätzt das Presseamt der Stadt ein. Allerdings gibt es offenbar einen deutlich erhöhten Beratungsbedarf. Von einem „merklichen Zuwachs an Vorsprachen und Telefonanrufen“ berichtet Philipp Höhn von der Pressestelle. Beispielsweise wurden alleine seit dem 1. Januar 2017 30 neue Anträge von Firmen oder Privatpersonen auf Ausnahmegenehmigungen gestellt.

Die Reaktionen der Menschen in der Stadt fallen nach einem Jahr Umweltzone unterschiedlich aus. Tyler Mzyk (17) aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf sagt: „Eine gute Sache, denn die Autos produzieren viele Abgase und Feinstaub, da ist es gut, wenn zumindest ein Teil aus der Stadt herausgehalten wird.“ Sliwka Brittinger (30) aus Marburg ergänzt: „Tendenziell ist so was immer gut, in unserer Familie hat auch jeder eine Plakette. Wir haben hier in Marburg ja eine grüne Stadt, das sollte auch weiterhin so bleiben.“

Fritz Krebs (78) aus Kirchhain sieht Autofahrer in der Verantwortung: „Generell sehe ich den steigenden Verkehr und die damit verbundenen Abgase kritisch. Es ist einfach schade, dass der Mensch nicht mehr an seine Umwelt denkt.“

Als einen weiteren positiven Aspekt sehen die Marburger den reduzierten Lärmpegel in der Stadt, Petra Bartelmess (48) aus Marburg Cappel meint: „Das ist eine gute Sache für die Umwelt, aber vor allem auch für den Lärmpegel in der Stadt.“

Unternehmer finden Zone hinderlich

Neben positiven Reaktionen­ gibt es aber auch kritische Stimmen: Julie Seifert (27) aus Marburg sagt: „Ich sehe keinen Sinn in der Umweltzone, hier in Marburg ist die Feinstaub-Konzentration ohnehin nicht hoch.“

Auch aus unternehmerischer Sicht ist die Umweltzone eher hinderlich als förderlich, findet der Unternehmer Navid Asami (35) aus Marburg: „Man sollte die Umweltzone wieder abschaffen. Aus meiner Sicht als Unternehmer sehe ich die Nachteile des Entschlusses, aber für jedermann ist es natürlich besser, wenn die Autos ­sauberer werden.“(Mit Bild).

Ein Teil der Befragten befürwortet die Umweltzone zwar, sehen aber noch Verbesserungspotenzial bei der Umsetzung. Dorothea Mohr (45) aus Wehrda sagt: „An sich finde ich die Umweltzone gut, nur sollten dann auch regelmäßigere Kontrollen­ der Plaketten stattfinden, ich habe hier in Marburg noch ­keine gesehen.“

Dabei hat die Stadt bewusst im ersten Jahr der Umweltzone auf konsequente Kontrollen verzichtet. Höhn begründet dies mit der sehr kurzfristigen Entscheidung des Umweltministeriums, die Umweltzone zum 1. April 2016 und nicht erst zum 1. Juli 2016 einzurichten.

Stadt hat 18 Elektro-Autos und zwei Hybridfahrzeuge

Auch Daniel Hoffarth (28) aus Marburg findet: „Grundsätzlich sehe ich die Umweltzone ­positiv, allerdings sollte man auf ­lange Sicht das Vorhaben mit Messungen und Studien begleiten, um zu sehen, ob eine ­Veränderung zum Besseren eingetreten ist.“

Für die Stadt ist ohnehin klar, dass eine deutlich bessere Luftqualität nur über ­ein ganzes Maßnahmebündel ­zu ­erreichen ist. Höhn nennt ­neben der Einrichtung der ­Umweltzone „die Stärkung des ÖPNV wie des Fahrradverkehrs“ und „insbesondere eine konsequente Durchsetzung ­bestehender Grenzwerte gegen­über Diesel-Pkw-Herstellern durch das Kraftfahrtbundesamt.“

Dabei nehme die Stadt selbst eine Vorreiterrolle ein: Die Fahrzeugflotte der Universitätsstadt Marburg besteht aus 38 Autos und Kleinbussen, wovon 18 reine Elektrofahrzeuge und zwei Hybride sind, sagte Höhn.

von Till Conrad und Anton Rüth

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